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Scheibes Kolumne: Virtuelle Finanzen

Stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe freut sich wie ein kleines Kind: Das Online-Banking macht mit der passenden Software richtig viel Spaß. Per Mausklick lassen sich große Summen verschieben. Wenn das die Oma gewusst hätte…

Ich kann mich noch bestens an mein altes Sparbuch bei der Post erinnern. Um Geld abzuheben oder dazuzuzahlen, musste ich mich als Jugendlicher bei unserer kleinen Postfiliale an das Ende einer stets endlosen Schlange anstellen. War ich dann endlich vorgerückt und an der Reihe, musste ich das papierne Sparbuch zusammen mit einer Sicherungskarte durch einen Schlitz in der Glasabtrennung zum Schalter stecken und zusätzlich auch noch einen Einzahlungs- oder Auszahlungsbescheid ausfüllen. Die gab es wahlweise in gelber oder in blauer Farbe, das weiß ich noch.

Der Schalterbeamter musterte mein Sparbuch dann stets wie der Zollbeamte einen Reisepass - und blätterte es durch, wie um nach alten Visaeinträgen zu suchen. Bis ich mein Geld bekam, dauerte es allerdings noch eine ganze Weile. Kein Wunder: Der Mann hinter der Glasscheibe musste den Vorgang erst von Hand in sein Büchlein eintragen. Dabei wurde die Summe - je nachdem, was ich wollte - auf den bestehenden Sparbuchbestand aufgeschlagen oder von ihm abgezogen. Das erforderte natürlich menschliche Rechenfähigkeiten, die nicht bei jedem Beamten vorhanden waren. Hinzu kam, dass es manchmal schier Ewigkeiten dauerte, bis die Herren mit den Armschonern endlich den Text zu Papier gebracht hatten. Am Ende kam es dann stets zu einem Vorgang, der mich auch heute noch in meinen Albträumen verfolgt. Die Schalterbeamten griffen zum Lineal und zum Stift, um anschließend alle Freiräume dies- und jenseits der Zahlenkolonnen mit einem frisch gezogenen Strich zu blockieren. Auf dass ich nur ja nicht die Gelegenheit nutze und selbst noch ein paar Zahlen vor das Komma schreibe.

Gibt es das klassische Sparbuch eigentlich noch?

Später, bei der Sparkasse, kümmerte sich dann bereits ein Computer darum, die Zahlen in das Sparbuch zu hacken - ein Nadeldrucker fräste den neuen Finanzstand auf die armen Seiten meines rot eingeschlagenen Heftchens. Ohne Sicherungskarte und langes Anstehen kam ich aber auch bei der Sparkasse nicht an mein Geld.

Das war vor 20 Jahren. Es ist Ewigkeiten her, dass ich eine Post oder eine Sparkasse von innen gesehen habe. Gibt es das klassische Sparbuch überhaupt noch? Heute benutze ich freilich ein Girokonto. Das ist rein digital. Konsequent manage ich das Konto von meinem PC-Arbeitsplatz aus und nutze den Web-Browser, um ein Online-Homebanking zu betreiben. Das ist wunderbar. Ein Mausklick reicht aus und schon kann ich selbst Überweisungen abschicken und den Kontostand abfragen. Was mich nur ärgert, sind die weiterhin vorhandenen Wartezeiten. Immer wieder muss ich warten, bis sich eine neue Seite im Web-Browser aufbaut.

Oma hätte es als Horror empfunden

Aus diesem Grund legte ich mir jüngst eine externe Homebanking-Software zu. „StarMoney“ erlaubt es, alle finanziellen Aktionen komplett offline vorzubereiten. Ich trage alle meine Überweisungen in eine einfach zu handhabende Maske ein. Daueraufträge werden per Mausklick geändert. Am Ende reicht ein Buttondruck aus, um online zu gehen. Ohne dass ich mich weiter darum zu kümmern brauche, werden jetzt alle wartenden Aufträge abgearbeitet. Zugleich fragt das Programm meinen Status ab und meldet mir den Stand der verschiedenen Privat- und Geschäftskontos. Auch der aktuelle Kurswert meiner Aktien wird in Erfahrung gebracht und in Euros auf den Schirm geschrieben. Eine automatisch errechnete Summe zeigt auf, wie es um meine Vermögensverhältnisse bestellt ist.

Perfekt: So habe ich mir das immer vorgestellt. Meine verstorbene Oma hätte das allerdings eher als Horror empfunden. Für sie war bei der klassischen Sparbuch-Handarbeit bereits das Ende der Fahnenstange erreicht: Alle nachfolgenden Techniken hat sie bereits nicht mehr wirklich begriffen. Ich wundere mich: Werden meine Enkel auch einmal mitleidig grinsen und vermelden, dass der leicht senile Opa leider auf der Homebanking-Ebene stehengeblieben ist und die neue Super-Telepathie-Technik mit dem Laserkristall im Ohr einfach nicht mehr rafft?

Zumindest mein Sohn ist erst einmal zufrieden. Er machte sich nämlich Sorgen, dass Räuber in unser Haus einbrechen. Ich mache ihm klar, dass es im ganzen Haus außer 40 Rennmäusen und seiner Yu-Gi-Oh-Sammlung nichts geben würde, was einen Einbruch rechtfertigt. Das Geld, das wir besitzen, liegt eben nicht griffbereit unter der Matratze, sondern besteht nur aus elektronischen Impulsen in der fernen Bank. Komisch: Bei diesem Gedanken bin plötzlich ich es, der nicht mehr schlafen kann.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

DPA
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