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Scheibes Kolumne Wlan-Jagd in England


stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe war über Ostern drei Tage lang in England - zum ersten Mal seit Jahren ohne Notebook. Nur das iPhone war mit dabei. Nur: Ohne GPS und Datenempfang zeigt sich der Hosentaschen-Rechner ganz schön reduziert.

Am Flughafen Tegel in Berlin holte ich mein iPhone morgens um sieben zum letzten Mal auf deutschem Boden aus der Hosentasche. Ich fischte ganz bewusst noch einmal die aktuellen E-Mails aus dem Netz. Es war aber nur Spam dabei. Kein Wunder, schließlich hatte ich den Rechner im Büro gerade erst um zwei Uhr morgens ausgeschaltet. In der kurzen Zeit waren keine normalen Mails angefallen. Ärgerlich aber, dass das iPhone Spams nicht von selbst aussortiert.

Im Flugzeug schaltete ich das iPhone in den Flugmodus. Der schaltet sofort das Telefon, Bluetooth und WLAN aus. So gibt es beim Fliegen keinen Stress. In der Luft machte ich aus dem iPhone einen iPod und lauschte der neuen Kevin Costner CD. Wunderbar. Ich war überrascht. "Let Me Be The One" ist schon jetzt mein erklärter Lieblingssong aus dem Album.

App ins Hotel

In London angekommen konnte ich gleich die iPhone-App TubeMap nutzen. Ich fütterte sie mit meinem aktuellen Bahnhof "Heathrow Terminal 5" und gab als Ziel "St. James Park" an - da war mein Hotel gleich um die Ecke zu finden - übrigens direkt neben New Scotland Yard in Laufnähe zu Westminster Abby, Big Ben und dem London Eye. Die App sagte mir, dass ich auf der Piccadilly Lane bis zur Gloucester Road fahren sollte, um dann auf die Circle Lane zu wechseln. Auf ihr könnte ich dann direkt bis zu meiner Station fahren.

Die Londoner Tube ist echt toll. Nie habe ich länger als zwei Minuten auf einen Zug gewartet. Die Waggons sind deutlich kleiner als die der Berliner U-Bahn. Die Engländer kennen den Begriff des "vollen Waggons" übrigens gar nicht. In Stoßzeiten wird übrigens genau das gemacht - so lange gestoßen und gedrängelt, bis es keinen Kubikzentimeter Platz mehr im Abteil gibt. Ich hätte nie gedacht, fremden Menschen so nah sein zu können. Eingeklemmt zwischen einem zwiebelatmigen Bauarbeiter, einer russischen Studentin in hauchdünnen Leggins und zwei Indern von hinten glaubte ich nicht mehr daran, dass meine Füße noch den Boden berührten. Als die Tür am nächsten Bahnsteig aufging und drei weitere Fahrgäste hereindrängeln wollten, rief ich laut "We are full" oder irgendetwas ähnliches im perfekten Schulenglisch. Aber das hinderte niemandem - auch die Neuankömmlinge passten tatsächlich noch irgendwie in das Abteil.

Schwere Entscheidung

Mein erster schrecklicher Gedanke: Man könnte mich mitten in der U-Bahn von hinten vergewaltigen und ich wäre nicht einmal dazu in der Lage, mich dagegen zu wehren. Der zweite Gedanke, noch schlimmer: Jeder könnte mir in dieser Situation mein iPhone aus der Tasche klauen und ich könnte auch dagegen nichts tun. Ich bekam eine Hand nach unten und musste mich entscheiden, ob ich mit ihr meinen Geldbeutel oder das iPhone schützen sollte. Ich entschied mich für das iPhone. Auf allen folgenden Touren steckte ich dann Geldbeutel und iPhone in eine Tasche.

Unterwegs in London ließ ich den Flugmodus an. Schließlich ist das iPhone eine miese kleine Kröte, wenn es darum geht, ständig unbemerkt Daten auszutauschen. Da wollte ich keine hohe Roaming-Rechnung provozieren. Leider wusste ich nicht, dass im Flugmodus auch GPS deaktiviert ist. Und so konnte ich mir meine vielen Reiseführer und London-Landkarten mit GPS-Funktion klemmen. Immerhin leistete mir mein London-Stadtplan auch so sehr gute Dienste. Denn er zeigte nicht nur das Straßengewirr an, sondern auch Restaurants und vor allem gefühlte fünf Millionen Starbuck-Filialen in der direkten Umgebung. Die steuerte ich in der Folge immer als Alternative zu öffentlichen Toiletten an. Öffentliche Toiletten fehlen nämlich im Londoner Stadtbild ebenso wie Mülleimer. Ich habe noch nie eine Stadt gesehen, die im Touristenzentrum zugleich so sauber und so befreit von allen Papierkörben ist.

Netzwerke zu Höchstpreisen

Mein nächstes Ziel war Wlan. Ich wollte zwar in London nicht an neuen Texten oder an Pressemitteilungen arbeiten, aber durchaus meine Mails checken. Unterwegs nutzte ich die iPhone-App WifiTrak, die sehr lohnend ist. Sie zeigt nämlich alle aktiven Wlans in der Umgebung mit Namen und Parametern an. Leider waren die meisten Wlans verschlüsselt. Zum "Free Wlan" bekam ich blöderweise nie eine Verbindung. Ein weiteres Wlan öffnete sich nur für Smartphones mit bestimmten Providern, zu denen mein iPhone nicht gehörte. Ich fand dann doch noch ein Wlan, das in ganz London zu "kriegen" war. Allerdings lud es nach dem Verbindungsaufbau sofort eine Web-Seite, die mir 2 englische Pfund für eine Stunde Wlan abluchsen wollte. Okay, das hätte ich ja noch bezahlt. Da stand aber auch, dass jeder weitere Verbindungsaufbau mit 8 Pfund berechnet werden würde. Na, super. Das klang mir dann doch sehr nach Abzocke.

Im Hotel wollte ich es dann doch noch mal wissen. Inzwischen haben die meisten Hotels doch ein kostenloses Wlan für Gäste, oder? Ich ging also spät am Abend noch einmal in die Bar des geschichtsträchtigen Hotels herunter und bestellte mir einen Whisky Sour, den mir ein deutscher Landsmann erstmals mit Orange und nicht mit Zitrone mixte. Während ich auf den mindestens hundert Jahre alten Stühlen vor dem knisternden Feuer im Kamin saß wie ein alter englischer Oberst, schaltete ich das iPhone ein und baute eine Verbindung zum Hotel-Wlan auf. Eine Infoseite im Safari-Browser informierte mich aber gleich darüber, dass Wlan etwa 8 Pfund für 24 Stunden Nutzungsdauer kosten würde. Mensch, alle wollen immer nur mein Bestes - mein Geld.

E-Mail zum Einschlafen

Ich stand auf, zahlte das Geld an der Rezeption und erhielt einen Zettel mit einer User-ID und dem Passwort. Schnell gab ich das in mein iPhone ein und bekam ein Wlan mit drei Strichen Power. 300 E-Mails warteten auf mich, darunter viel zu viel Spam. Ich ackerte mich da durch, beantwortete ein paar Mails, süffelte meinen Whisky, und machte es mir gemütlich. Anschließend las ich noch meine ganzen Nachrichten-Apps von "BILD" über Stern.de und Serienjunkies bis "Bunte", "Gala" und "Meedia", schaute bei Xing rein und machte mich schlau, wie viel Geld ich inzwischen bei Google mit Werbung auf meinen Homepages verdient hatte. Derart mit Alkohol und frischen Bytes abgefüllt, erreichte ich die nötige Bettschwere und machte mich wieder auf den Weg in den zweiten Stock - zu meinem viktorianischen Bett mit mehr Decken als die Prinzessin auf der Erbse hatte. Hier stellte ich mir den iPhone-Wecker auf 8:30 Uhr, schaute mir dank Wlan den Wetterbericht für den kommenden Tag an und hörte zum Einschlafen noch etwas Morcheeba.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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