HOME

"Aion": Mit Flügeln auf den Genre-Thron?

Schöne neue Online-Welt: "Aion" ist ein grafisch beeindruckender Freizeitfresser, der spät an Fahrt gewinnt und "World of Warcraft" gefährlich werden könnte. Wenn ein paar Macken ausgemerzt werden.

Über 400.000 Mal wurde "Aion" in westlichen Gefilden vorbestellt. Auch in Deutschland schoss der Titel von Null auf Platz eins in die Charts. Der exzellente Ruf, den das Game in Asien genießt, eilte ihm offenbar voraus. Dort ist "Aion" bereits seit letztem Jahr erhältlich, wurde jedoch für den westlichen Markt noch einmal generalüberholt, was sich schon zu Beginn bei der Erstellung eines eigenen Charakters zeigt.

"Aion" erschlägt Neulinge förmlich mit einer Vielzahl an Optionen. Alles - von der Breite der Nase bis hin zur Brustgröße - lässt sich hier einstellen. Dabei ist es egal, ob aufseiten der engelsgleichen Elyos oder der dämonisch-wirkenden Asmodianern gespielt wird. Die Unterschiede sind rein kosmetischer Natur. Beide Völker verfügen über dieselben vier Klassen, nämlich Krieger, Scout, Priester und Magier. Ist das Alter Ego fertig, startet eine beeindruckende computeranimierte Filmsequenz, von denen es in "Aion" jede Menge gibt und die enorm zur Atmosphäre beitragen.

Die ersten Schritte in der in zwei Hälften zerrissenen Fantasywelt Atreia laufen nach dem für Online-Rollenspiele typischen Schema F ab. Bedeutet: Der eigene Held holt sich die ersten Aufträge von Computercharakteren, erledigt Sammelaufgaben, vertrimmt ein paar unvorsichtige Monster und steigt dank der dafür erhaltenen Erfahrungspunkte kontinuierlich im Rang auf. Dadurch können neue Fähigkeiten erlernt und mehr oder minder wertvolle Gegenstände ergattert werden. So weit, so bekannt: Schade ist nur, dass sich anfangs so gut wie alle Aufgaben als stumpfe Klopp- oder Botenaufträge entpuppen. Hier hätte Hersteller NCSoft durchaus ein wenig mehr Abwechslung bieten können.

Wendung dank Flügeln

Bis Stufe zehn verläuft "Aion" in bekannten Bahnen, nimmt dann aber eine besondere Wendung, wenn aus dem Möchtegernhelden ein sogenannter Daeva wird - ein mit Schwingen versehener Halbgott, der mit mächtigen Fähigkeiten gesegnet ist. Darüber hinaus müssen sich Spieler für eine Spezialisierung entschieden. Krieger werden zum Templer oder Gladiator, Späher zu Assassinen oder Jäger, der sein Heil im Fernkampf sucht. Zudem kann nun in der jeweiligen Hauptstadt ein Handwerk erlernt werden - Rüstungsschmied etwa. Die Auswahl unterscheidet sich dabei nicht vom Genre-Standard.

Unabhängig von der Wahl der Spezialisierung wird die Figur fast wie auf Schienen durch die wunderschön designten Gegenden gelenkt. Leerlauf gibt es selten, denn "Aion" verknüpft geschickt die Auftragsreihen miteinander, sodass neue Gebiete, die der aktuellen Stufe entsprechen, automatisch in Folge aufgesucht werden. Die Kehrseite: Entdeckerherzen werden in den relativ kleinen Arealen nicht glücklich. Wem beim Erkunden der weitläufigen Gebiete eines "World of Warcraft" das Herz aufging, wird von "Aion" in dieser Hinsicht enttäuscht.

Allerdings ist dieser Umstand einer weiteren Besonderheit geschuldet: dem "Player-versus-Player-versus-Environment" (PvPvE), einem Zweifrontenkampf in der "Abyss" genannten, höllenartigen Schlachtfeldzone gegen die Balaur - vom Computer gesteuerte Monster - und gleichzeitig gegen menschliche Gegner der anderen Fraktion. Hier bekommen auch die Flügel eine zentrale Bedeutung. Zutritt zu dieser Massenbalgerei um Festungen und Artefakte haben allerdings nur Spieler ab der Stufe 25, Gleiches gilt für Instanzen unterhalb der Festungen. Bis dahin lässt "Aion" seine Abonnenten nur die etwas stumpfen, dafür lukrativen Kampagnenaufgaben erledigen.

Schlange stehen

Eine Engelsgeduld ist also gefragt - was leider auch für die Erreichbarkeit der Server gilt: Vor allem abends sind Wartezeiten von bis zu 100 Minuten keine Seltenheit. Hier sollte NCSoft dringend nachbessern. Ansonsten gibt es in technischer Hinsicht wenig zu bemängeln: Die aus dem Shooter "Far Cry" bekannte Cry Engine sorgt für butterweiche Animationen und eine gelungene Optik, selbst wenn manche Texturen etwas verwaschen wirken. Soundeffekte, Musikuntermalung und Synchronsprecher sind über jeden Zweifel erhaben. Technische Mängel sucht man indes mit der Lupe: Zwar hat während des Tests mal ein Questmechanismus geklemmt, weitere Patzer waren aber nicht auszumachen.

Sollte NCSoft die Wartezeiten in den Griff bekommen und hier und da abwechslungsreichere Aufträge einbauen, dürften in den kommenden Wochen noch deutlich mehr als die 400.000 Vorbesteller die Server "Aions" unsicher machen. Vor allem "Guild Wars"-Fans, die eine gesunde Alternative zu den mittlerweile recht betagten Gildenkriegen suchen, sollten einen Blick auf "Aion" werfen - auch wenn dafür monatliche Gebühren von bis zu 13 Euro fällig werden.

Aion

Hersteller/Vertrieb

NC Soft/Flashpoint

Genre

Online-Rollenspiel

Plattform

PC

Preis

38 Euro plus Monatsgebühren (bis zu 13 Euro)

Altersfreigabe

ab 12 Jahren

Alexander Hildebrand/Teleschau / TELESCHAU
Themen in diesem Artikel