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"Train Simulator 2014": Einmal Lokführer sein

Die Bahn polarisiert: Während viele Unzuverlässigkeit vorwerfen, können andere nicht genug davon bekommen. Sie entspannen abends bei der Fahrt über virtuelle Schienen. Oder entwerfen Bahnsimulationen.

Von Nina Ernst

Alan Thomas fährt von Hamburg nach Hannover. Und zurück. Mit dem Zug. Immer und immer wieder. Ganze vier Tage pendelt der Schotte Ende Januar im Akkord hin und her. Macht Fotos, besichtigt Bahnhöfe, begutachtet die Landschaft und versucht, das Gefühl einzusaugen und mitzunehmen in seine Heimat. Eine ganz normale Dienstreise in einem weniger normalen Job. Thomas entwirft beim Videospielstudio Stirling Eisenbahnsimulationen für die Firma Railsimulator.com. Und ist wie seine Kollegen eingefleischter Bahn-Fan. Eine Trennung zwischen Beruf und Privatleben? Unmöglich für die meisten Mitarbeiter. Die Strecke Hamburg-Hannover ist Teil des neuen Spiels "Train Simulator 2014".

Eine eingeschworene Gemeinde von Eisenbahnfans

Der Train Simulator ist kein klassische Spiel, sondern eine Simulation für den PC. Der Nutzer soll sich beim Hantieren von Schaltern und Hebeln im Cockpit, Halten an Bahnhöfen und Lauschen des gleichmäßigen Ratterns fühlen wie ein echter Lokführer. Klingt technisch und sehr speziell; ist es auch. "Natürlich sind wir eine Minderheit. Aber es gibt Tausende von enthusiastischen Eisenbahnfans überall. Ich bin einer von ihnen", sagt Simon Sauntson von Railsimulator.com.

Als er fünf Jahre alt war, ist er mit seinem Vater, der bei der britischen Bahn gearbeitet hat, mit dem Zug nach London gefahren. Da ist es um ihn geschehen. Er war so begeistert von der Kraft, der Technik und Eleganz, dass er der Schiene verfallen ist. Noch heute genießt er jede Bahnfahrt. Die echten wie die virtuellen. So geht es vielen seiner über 50 Kollegen. Die Grenzen zwischen Kunde und Hersteller verschwimmen.

Während einige Mitarbeiter und Käufer mit der Software den unverwirklichten Kindheitstraum vom Lokomotivführer erfüllen, kommen andere sogar aus dem Metier. Einige Angestellte fahren nebenbei Dampfloks, externe Experten wie Lokführer und Gleisarbeiter helfen den Entwicklern bei der Arbeit. Teilweise auf eigenen Wunsch. Unter den Käufern gibt es viele Bahnmitarbeiter, die in ihrer Freizeit noch ein paar virtuelle Kilometer fahren. Bahnfans halten zusammen. Eine kleine, eingeschworene Gemeinde. "Es ist eine Passion für alle in der Firma", sagt Sauntson. "Die Leute arbeiten den ganzen Tag am Train Simulator und zu Hause setzen sie sich noch an ihre Modelleisenbahn. Oder sie fahren die halbe Nacht mit dem Train Simulator." Freiwillig? "Natürlich. Das entspannt. Ich mache das auch", so Sauntson. Vor allem in Deutschland gäbe es viele engagierte Fans, meint der Produktmanager. Welche, die auf neu veröffentlichten Screenshots sofort erkennen, ob jeder Hebel, jede Schraube am richtigen Platz ist.

Jeder Baum muss stimmen

Realismus ist hier oberstes Gebot. Das Geräusch der Züge, die Armaturen und die vorbeiziehenden Landschaften: alles soll möglichst echt wirken für das Erlebnis Lokführer. Deshalb nimmt die Recherche einen großen Platz bei der Entwicklung ein. Wie man solch eine Simulation erstellt, wissen die Designer nach einer jährlich erscheinenden Neuauflage plus etlichen Zusatzstrecken und -Zügen schon lange. Da werden zusätzliche Funktionen wie ein überarbeiteter Karrieremodus und Grafikdetails eingebaut. Oder die nun neue Heranführung in Form eines umfangreichen Tutorials für alle, die bei der komplexen Technik sonst nur Bahnhof verstehen.

Aber die eigentliche Herausforderung liegt darin, neue Züge, Bahnhöfe und Strecken möglichst realitätsnah darzustellen. Nachdem das Team sich für bestimmte Modelle entschieden hat. Nicht so einfach, wenn jeder eine andere Lok favorisiert. Deshalb bestimmen hier die Fans. Die minimale Lok- und Streckenauswahl im Grundspiel kann mit kostenpflichtigen Add-Ons erweitert werden. Geldschneiderei sagen manche Käufer. Die einzige Möglichkeit, dem Kunden die Möglichkeit zu geben, sich seine Lieblinge aus der Vielzahl an Loks individuell zusammenzustellen, sagen die Entwickler.

Steht eine neue Softwareversion an, studiert das Team Blaupausen, Fachliteratur und besichtigt Lokomotiven. Auf Zugfahrten machen die Designer Tonaufnahmen und teilweise an die 2000 Fotos. Schließlich sollen auch die Strecken und Bahnhöfe realistisch wirken. Jede Werbetafel und Sitzbank an ihrem Platz sein und ebenso die Anzahl der Bäume am Streckenrand stimmen. Das funktioniert. Der Wiedererkennungswert ist groß. "Bäume - das klingt banal", sagt Sauntson. "Aber die Kenner, die die Strecke regelmäßig fahren, merken sofort, wenn irgendetwas anders ist." Wie Sauntson bei der Fahrt mit dem Highspeed One (HS1) in England, seiner Lieblingstour. Am schwierigsten sei es, das Gefühl für Entfernungen realistisch auf dem Computer zu bringen.

Eine Flut von E-Mails

Steht alles, folgt der erste Test eines Expertenteams. Bahnprofis fahren die virtuellen Züge. Und sind teilweise in ihrer Kritik gnadenlos: Beim Rattern über die Schienen schwankt das Cockpit nicht genug, der Bahnhof wirkt kleiner als in Wirklichkeit, das Geräusch der Bremsen klingt künstlich. Also nochmal alles neu.

Später muss das Produkt auch noch vor den kritischen Augen der Fans bestehen. Bis zu sieben Mitarbeiter kümmern sich um die Community, lesen ihre E-Mails und beantworten deren Fragen. Hier kennen sich die Käufer ebenso gut aus wie die Hersteller, sind teilweise Experten. Und wollen mitreden. Manche schreiben sogar täglich. Ob das nervt? Sauntson meint, es wäre trotz Arbeitsaufwand herrlich, dass die Menschen so viel über seine Produkte diskutieren und sich interessieren. Das zeigt, dass sie vieles richtig gemacht hätten. Und die stundenlange Pendelei im echten Zug nicht umsonst gewesen ist.

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