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Amazon startet digitale Bücherei Der Kick fürs E-Book

Amazon startet Ende Oktober eine digitale Leihbibliothek für die Kindle-Geräte
Amazon startet Ende Oktober eine digitale Leihbibliothek für die Kindle-Geräte
© Amazon
Schon jetzt verkauft Amazon in Deutschland mehr E-Books als gedruckte Bücher. Mit der digitalen Bücherei könnte der Konzern den elektronischen Büchern hierzulande zum endgültigen Durchbruch verhelfen.
Von Christoph Fröhlich

Ein gutes Buch ist viel mehr als nur ein Text zwischen zwei Buchdeckeln: Es ist das Rascheln beim Umblättern, der Geruch der Seiten und das dumpfe Klacken beim Zuklappen, das Freunde des bedruckten Papiers so sehr lieben. Und doch wird das gedruckte Buch allmählich verdrängt: E-Books, digitale Schmöker, erobern Deutschland. Mehr als acht Millionen Deutsche liest bereits E-Books, wie der Branchenverband Bitkom herausgefunden hat.

Schon jetzt verkauft Amazon hierzulande mehr digitale Bücher als gedruckte, auf 100 Hardcover-Wälzer kommen 108 E-Books für das Amazon-Lesegerät Kindle. Noch gravierender ist der Unterschied in den USA: Dort machten die Verlage im vergangenen Jahr bereits mehr als 15 Prozent ihres Umsatzes mit elektronischen Büchern.

Amazon startet Online-Bibliothek

Jetzt könnte Amazon dem E-Book auch in Deutschland zu seinem endgültigen Durchbruch verhelfen: Der Online-Händler hat angekündigt, Ende Oktober eine digitale Leihbücherei für den Kindle zu starten. Jeder Besitzer eines solchen Lesegeräts darf dann kostenlos einmal pro Monat ein Buch ausleihen, egal ob Bestseller oder Klassiker, quasi als Appetithappen.

Mehr als 200.000 Bücher stehen zum Start bereit, unter anderem Krimis von Henning Mankell, Romane von Ken Follett oder die gesamte Harry-Potter-Reihe. Tausende Literatur-Klassiker wie Tolstois "Krieg und Frieden" können kostenlos heruntergeladen werden. Eine Rückgabefrist gibt es nicht. Aber: Es ist nicht möglich, mehr als einen Titel aus der Kindle-Bücherei auf einmal herunterzuladen. Versucht man es dennoch, wird man aufgefordert, das aktuell ausgeliehene E-Book zurückzugeben.

Doch es gibt einen kleinen Haken: Der Kunde muss Premium-Mitglied sein, also sein Konto mit dem "Amazon Prime"-Programm verknüpft haben. Das kostet 29 Euro jährlich und bietet neben dem Bücher-Abo kostenlosen und schnelleren Versand für alle anderen Produkte des Online-Shops, auch der Mindestbestellwert entfällt. Bis zu fünf Personen können ein solches Abo nutzen, Studenten bekommen es ein Jahr kostenlos.

Ein Kindle für alle Fälle

Amazon ist der Big Player im Geschäft mit digitalen Büchern: Mindestens ein Drittel aller verkauften E-Books gehen auf das Konto des Online-Händlers, einige Experten rechnen sogar mit einem Marktanteil um die 50 Prozent. Der Erfolg kommt nicht von ungefähr: Seit 2007 wirbt Firmenchef Jeff Bezos für das digitale Buch und seine Kindle-Lesegeräte, die längst zum Synonym für E-Book-Reader geworden sind. Mit immer neuen Modellen besetzt der Konzern alle Preisniveaus, vom Einsteiger-Kindle für 79 Euro bis zum Multimedia-Tablet Kindle Fire HD für 199 Euro. Zwar buhlen auch andere Hersteller mit teils günstigeren Geräten um die Gunst der Kunden, doch an die Verkaufszahlen des Kindles kommt niemand heran.

Im November erscheint der neueste Ableger auch in Deutschland: Der Kindle Paperwhite kostet 129 Euro und bietet als erstes Lesegerät der Familie einen beleuchteten E-Ink-Bildschirm, sodass auch im Dunkeln gelesen werden kann. Bislang waren die Displays grau und unbeleuchtet, was sie bei Sonnenlicht gut lesbar, im Dunkeln aber - wie ein echtes Buch - unnütz macht. Der Kindle Paperwhite bietet Platz für bis zu 1100 Bücher und ist mit 213 Gramm leichter als ein Taschenbuch.

Erst ein E-Book-Bestseller

Trotz des wachsenden Erfolgs der E-Books ist das klassische Buch nicht in Gefahr. Selbst Amazon-Chef Jeff Bezos prophezeit ihnen ein langes Leben: "Wir sehen bisher, dass die Menschen, die sich einen Kindle anschaffen, danach nicht nur mehr digitale Bücher kaufen, sondern auch mehr gedruckte", sagte er der Nachrichtenagentur DPA. Für E-Books geben die Nutzer durchschnittlich 50,62 Euro im Jahr aus. Für gedruckte Bücher sind es 115,67 Euro - bezogen auf alle Käufer, schreiben die Autoren einer zur Frankfurter Buchmesse veröffentlichten Untersuchung.

Doch mit der größeren Verbreitung von Lesegeräten werden die Ausgaben für E-Books steigen. Experten erwarten, dass die Deutschen in diesem Jahr 800.000 Lesegeräte kaufen werden - rund 250 Prozent mehr als vor einem Jahr. Im nächsten Jahr sollen es bereits mehr als eine Million sein.

Bislang gibt es nur ein E-Book, dass die magische Marke von einer Million verkauften Exemplaren auf Amazon geknackt hat: das Erotik-Buch "Fifty Shades of Grey". Der Softporno wurde der erste Mega-Seller der E-Book-Ära, aus einem einfachen Grund: Die meist weiblichen Leserinnen schmökerten in der Öffentlichkeit lieber auf einem diskreten E-Reader, statt sich mit einem durch das ganze U-Bahn-Abteil sichtbaren Titelaufdruck zu verraten. Sie verzichteten auf den Geruch von bedruckten Papier und knisternden Seiten - und bekamen stattdessen knisternde Erotik direkt auf den Kindle gespielt.


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