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"Belauscht.de"-Gründer Nico Degenkolb: Die dem Volk aufs Maul schauen

Die Website "Belauscht.de" sammelt Dialoge, Szenen und Zitate aus dem deutschen Alltag. Im stern.de-Interview erzählt Mitbegründer Nico Degenkolb von gespitzten Ohren, Wahrheit in Witzen und der Schönheit von Mundart.

Herr Degenkolb, wie sind Sie darauf gekommen, Menschen in allen Lebenslagen zu belauschen und das Gehörte zu veröffentlichen?

Wir betreiben Belauscht.de zu viert, wir sind vier Kommilitonen aus Augsburg. Die Idee bekamen wir von einem Bekannten, der ein vergleichbares Angebot in Finnland gestartet hat. Der wiederum hat sich von "Overheard" aus New York inspirieren lassen. Die machen das schon seit vier Jahren. Komischerweise gab's das in Deutschland noch nicht, obwohl in anderen Ländern schon viele dem US-Beispiel gefolgt sind.

Haben Sie schon bevor Sie mit Belauscht.de gestartet sind besonders auf Gespräche in Ihrer Umgebung geachtet? Oder hören Sie erst jetzt besonders aufmerksam hin?

Das passiert doch unbewusst. Wir gehen nicht mit gespitzten Ohren in die Bahn, aber vieles bekommt man einfach mit. Dann haben wir Mitte August des vergangenen Jahres innerhalb einer Woche Belauscht.de ins Leben gerufen und alles zusammengetragen, woran wir und Freunde uns erinnern konnten.

Der Slogan von Belauscht.de lautet: "Deutschland spricht. Immer und überall. Millionenfach. Deutschland lauscht. Immer und überall. Millionenfach." Sie sind auf die Mitarbeit der User angewiesen, die Gehörtes einschicken. Wie viele Einträge kommen am Tag?

Das ist sehr unterschiedlich, durchschnittlich etwa zehn bis 15 am Tag, manchmal nur fünf, aber auch 30. Davon sind vielleicht zwei bis drei gut, die wir dann online stellen. Da ist uns natürlich in erster Linie wichtig, mehr Leser, das heißt auch mehr Einsendungen zu bekommen, sodass "Belauscht.de" qualitativ besser wird.

Die Einsendungen werden also nicht direkt vom Einschickenden veröffentlicht, sondern werden von der Redaktion, also ihnen vier, ausgewählt. Warum? Um ein gewisses Niveau zu halten?

Natürlich, das Ganze ist kein öffentliches Forum. Wenn jeder seine Sachen ausstellen könnte, würde es keiner mehr lesen. Viele Einsendungen sind entweder nicht lustig oder unglaubwürdig, manches ist auch anstößig oder hat rechtsradikalen Inhalt. Wir müssen aussieben, außerdem Rechtschreibfehler korrigieren, und manchmal ändern wir auch die Formulierungen dahingehend, dass sie mehr Sinn ergeben.

Diese Arbeit teilen Sie sich?

Drei von uns befinden sich gerade im Ausland. Deshalb müssen wir unabhängig arbeiten. Jeder guckt mit drauf. Und Thomas Neumann macht die Programmierung für uns, er ist für die Technik verantwortlich und nicht so sehr für den Inhalt.

Sie studieren europäische Kulturgeschichte und auch Soziologie. Haben Sie ein soziologisches Interesse an dem, was auf Belauscht.de erzählt wird? Oder ist es ein reiner Spaß?

Es geht uns nicht nur um Witze und Kalauer, eigentlich suchen wir auch nach Gesprächen, die etwas offenbaren, hinter denen etwas steckt. Natürlich bekommt man so etwas nicht jeden Tag. Ich vergleiche das gerne mit Dialogen in Filmen, da gibt es ja auch verschiedene Niveaus. Vielleicht können wir irgendwann mal so etwas wie Woody Allen erreichen. Die meisten Beiträge aber sind vor allem lustig. Die Menschen können sich diese Situationen leichter merken.

Gab es Ärger mit Personen, die sich in den veröffentlichten Dialogen wiederfanden? Es ist zwar alles anonymisiert, aber einige Menschen könnten ja trotzdem Angst haben.

Es kommt gelegentlich vor, dass Leute sagen: "Das ist mir passiert und nicht demjenigen, der das veröffentlicht hat." Dass jemand sich beschwert hat, weil er seine Identität preisgegeben sieht, ist noch nicht vorgekommen.

Auf der Seite gibt es den Hinweis, dass es in Einzelfällen Zweifel gebe, ob es sich um ein tatsächliches Erlebnis handele oder um einen Witz, den sich jemand ausgedacht habe...

Wir können das kaum kontrollieren. Vielleicht hat jemand über ein paar Ecken eine Geschichte gehört, die er für bare Münze nimmt und bei uns veröffentlicht, obwohl es sich ursprünglich um einen Witz handelt. Aber auch dieser kann ja eine wahre Quelle haben.

Wie meinen Sie das?

Zurzeit bekommen wir zum Beispiel zehnmal in der Woche folgende Geschichte zugeschickt: "Ein Passant sagt zu einem Bettler: 'Ich kann nichts geben, ich habe kein Geld.' Daraufhin der Bettler: 'Dann geh doch arbeiten.'" Vielleicht ist die ganze Geschichte ein Witz, vielleicht ist die Antwort aber auch ein Scherz, der unter Bettlern gerade sehr angesagt ist.

Haben Sie Kontakt zu den anderen Websites, die im Ausland das Gleiche machen?

Wir kennen nur den Mann in Finnland, die anderen noch nicht. Es ist sehr interessant, wie unterschiedlich der Humor ist. Die finnischen Sachen funktionieren auf Deutsch nicht.

Apropos Sprache: Viele Beiträge sind in Mundart und funktionieren wohl auch nur im Dialekt.

Das glauben wir auch. Leider schreiben viele Leute den Dialekt nicht mit, sondern schicken den Dialog auf Hochdeutsch ein. Ein anderes Problem ist, dass vieles seinen Witz verliert, sobald man es aufschreibt.

Interview: Ralf Sander
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