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iPhone-Konzern Immer mehr Interna dringen nach Außen: Apple kämpft um die Kontrolle über sein perfektes Image

Unter CEO Tim Cook positioniert sich Apple immer klarer als Verfechter der Privatsphäre
Die jüngste Ankündigung zur automatisierten Durchsuchung von iPhones sorgte bei Apple auch intern für Debatten
© Apple / PR
Kaum ein Konzern steht so sehr für Verschwiegenheit wie Apple. Doch in letzter Zeit dringen immer mehr Interna nach außen. Und machen es schwer, das gewünschte Bild nach Außen zu bewahren. 

Wohl kaum ein anderer Konzern steht so sehr für ein perfekt gepflegtes Image, wie es bei Apple der Fall ist. Von den durchgeplanten Produktpräsentationen, über die geschickt geführte Unternehmenskommunikation bis zu den bis ins kleinste Detail durchdesignten Ladengeschäften: Apple hielt alle Fäden über das eigene Image in der Hand. Zumindest bislang. Doch in den letzten Monaten entgleitet die Kontrolle über die Selbstdarstellung immer öfter. Ein Gerichtsverfahren und die Corona-Krise erlauben plötzlich ungeahnte Einblicke. 

Das ist für den Konzern eine neue Situation. Zwar gelangten regelmäßig Gerüchte und verwackelte Bilder neuer Geräte durch den Vorhang der Verschwiegenheit, die stammten aber in der Regel von Zulieferern. Apple selbst blieb verschlossen, Einblicke in den Unternehmensalltag bildeten eine sehr seltene Ausnahme. Doch in den letzten Monaten brach der Monolith Apple immer öfter auf. Und legte den Blick auf einen Konzern frei, in dem Konflikte durchaus mit harten Bandagen geführt wurden.

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Heiß diskutierte Entscheidungen

Jüngstes Beispiel ist die interne Diskussion um die Ankündigung, iPhones in Zukunft automatisiert nach kinderpornografischem Material zu durchsuchen. Während es außerhalb des Konzern schnell Kritiker gab, die in der Maßnahme einen Schritt in eine mögliche Überwachung der Nutzer sahen, schwieg der Konzern zu den Befürchtungen. Intern gab es aber durchaus eine hitzige Debatte, berichtet "Reuters".

Demnach wurde unter den Mitarbeitern im Chat-Tool Slack ausführlich darüber gestritten, ob die Maßnahme tatsächlich eine Art Hintertür für staatliche Stellen darstelle, wie es einige Kritiker zuspitzten. Sie fürchteten unter anderem, es könnte Apples Ruf als Beschützer der Privatsphäre seiner Kunden schaden. Andere verteidigten das Vorgehen. Die Diskussion habe über Tage angehalten und sei in ihrer Intensität auch für Apple ungewöhnlich, erklärten mehrere anonyme Mitarbeiter der Nachrichtenagentur.

Obwohl die interne Debatte an sich nicht überrascht, wäre es noch vor einem Jahr undenkbar gewesen, dass sie nach außen dringt. Doch in den letzten Monaten weichte die strenge Geheimhaltung immer weiter auf. Und erlaubte tiefe Einblicke in eine Unternehmenskultur, die lange von Außen nur als Mysterium wahrgenommen wurde. Echte Skandale blieben bislang zwar aus, es zeigt sich aber immer mehr, dass hinter der perfekt gewahrten Fassade eben doch nur Menschen arbeiten. 

Eine Klage und Corona

Dass die Konflikte nun vermehrt nach Außen geraten, liegt vor allem an zwei Faktoren: Zum einen klagte "Fortnite"-Entwickler Epic gegen Apple und ließ in seiner Beweisfindung für das Verfahren auch zahlreiche E-Mails aus der Führungsriege öffentlich werden, in denen mit teils hartem Ton um Entscheidungen gerungen wurde. Zum anderen zwang die Corona-Krise auch Apple ins Homeoffice. Und brachte vorher privat und in Persona geführte Gespräche nun über Chat-Tools wie Slack deutlich öfter auf eine große Bühne. Die Folge: Mehr Mitarbeiter bekamen die Intensität der Debatten mit - und mussten gleichzeitig wegen der größeren Teilnehmerzahl keine Entdeckung als Quelle der Presse befürchten. 

Für Apple muss das unangenehm sein. Der Konzern hatte in der Vergangenheit ein geradezu legendäres System der Geheimhaltung aufgebaut, bei dem es allerdings in erster Linie um seine Produktneuheiten ging. Die waren so gut gehütet, dass oft selbst nicht einmal die Mitarbeiter wussten, woran sie gerade arbeiteten. So gibt es die Geschichte, dass der Entwickler der iPad-Oberfläche nie wusste, dass der Konzern an einem Tablet baute. Mit einem Team, das teils aus ehemaligen NSA-Mitarbeitern bestand, jagte der Konzern schon 2017 nach möglichen Plaudertaschen. 

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Mysterium Apple

Die Geheimhaltung hat Tradition. Sie dient dem maximalen Effekt: Als Gründer Steve Jobs das erste Macbook Air aus einem Briefumschlag zog, war das Publikum baff - weil niemand mit einem solch schlanken Gerät gerechnet hatte. Auch sein berühmter Satz - "there is one more thing" (eine Sache noch) - konnte seine volle Wucht nur entfalten, weil die Ankündigungen in der Regel völlig überraschend kamen. Die Geheimhaltung über interne Vorgänge, die nicht Produkte betreffen, spielen allerdings ebenfalls eine wichtige Rolle. Dass kaum Details aus dem Arbeitsalltag bekannt sind, hält das Mysterium Apple aufrecht.

Nicht nur angesichts dessen dürften der Konzern-Führung die letzten Enthüllungen wenig schmecken. So hatte der Konzern interne Umfragen nach dem Gehalt der Kollegen unterbunden. Einige Angestellte wollten so auf Ungerechtigkeiten beim Gehalt hinweisen. Auch der Kampf zahlreicher Mitarbeiter gegen das Ende des Homeoffice war durchgestochen worden. Während die Führung auf eine schnelle Rückkehr ins Büro setzt, wollen viele Angestellte die Freiheit und Sicherheit des Homeoffice lieber nicht aufgeben. Dem Konzern dürfte es auch darum gehen, die Geheimhaltung wieder erhöhen zu können, die durch die Arbeit Zuhause und die Chat-Tools gelitten hat. In einem internen Video begründete Vizepräsidentin Deirdre O'Brien den Schritt: "Wir glauben, dass die Zusammenarbeit von Angesicht zu Angesicht essenziell für unsere Firmenkultur und unsere Zukunft ist." Das Video war schnell in die Hände der Medien gelangt.

Quellen:Reuters, 9to5MacThe Verge, Recode


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