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Büro-Humor: "Sie haben vier Lacher in Ihrem Postfach"

Was früher die Schote in der Kantine oder der Treppenwitz war, kommt heute per E-Mail. Bürohumor hat durch moderne Datenübertragungstechniken ein neues Gesicht bekommen.

"Kennst Du den schon?" Wenn diese Frage an der Kaffeemaschine, in der Kantine oder einer Konferenzpause gestellt wird, weiß jeder, was gleich kommt: ein Witz. Hoffentlich ein guter, im besten Fall sogar pointiert erzählt. Und dann macht er die Runde. Wird immer weiter getragen, weil einige im Urlaub waren oder krank, wird möglicherweise ausgeschmückt, vielleicht aber auch verhunzt, weil die Vortragenden sich entweder schon vorher schlapp lachen oder mangels Talent als Pointentöter jeden Joke zu Grabe tragen. Stille Post kann witzig sein, aber nicht bei Witzen.

Neue Dimensionen des Treppenwitzes

Die Humorversorgung zumindest von durch Netzwerke verbundenen Arbeitsplätzen sieht heutzutage anders aus. Wobei der klassische Treppenwitz nicht ausgestorben ist, aber die digitale Datenübertragung hat den Bürohumor maßgeblich verändert: Das Lachen kommt per E-Mail. Plötzlich ist es möglich, nicht nur witzige Geschichten zu verschicken, die für einen mündlichen Vortrag schlichtweg zu lang sind, sondern auch Töne, Bilder und Filme (mehr dazu in der Rubrik Beispiele) die Runde machen zu lassen. Dass das Material häufig aus allen Gegenden der Welt stammt, führt zu einer Erweiterung des Humorhorizonts. Weitere Eigenschaften der elektronischen Spaßlieferungen: Alle Empfänger erhalten den Witz fast gleichzeitig, das Weiterverbreiten kostet nur einen Mausklick, und unter Umständen erspart man sich manch peinliche Situation, nämlich vor versammelter Mannschaft einen vermeintlichen Spaß als einziger witzig gefunden zu haben. Um nur einige zu nennen.

Bürohumor hat Fürsprecher

Advokaten des Humors am Arbeitsplatz werden dieses Treiben mit Wohlwollen betrachten. Vereine wie HumorCare Deutschland kämpfen gegen das - ihrer Meinung nach - fest in den Köpfen von Arbeitgebern und -nehmern verankerte Credo, dass Arbeit das Gegenteil von Spaß sei. "Ausgelassen sein, herumalbern, Unsinn machen. Das befreit. Danach hat man wieder Kraft für konzentriertes Arbeiten. Lachen sorgt für Wohlbefinden, und wer sich wohl fühlt, ist auch leistungsfähiger", schreibt Heide-Marie Smolka in ihrem Beitrag "Spaßmaßnahmen statt Sparmaßnahmen" auf der Website HumorCare.de. Sie ist fest davon überzeugt, dass Humor Leistungsfähigkeit, Kreativität und Teamgeist fördern und Stress am Arbeitsplatz reduzieren kann. Warum also witzeln nicht auch per E-Mail?

Schlimmer als Spam?

Auftritt der Spaßbremsen: "Private Scherz-E-Mail ist lästiger und teurer als kommerzielle Massen-E-Mail", verkündete SurfControl, einer der großen Hersteller von Web- und E-Mail-Filtern, im September 2002. Studien hätten ergeben, dass ein Arbeitnehmer im Durchschnitt 30 Kettenbriefe, Witze oder Videoclips pro Woche erhalte – mehr als die berüchtigten Spam-Mails, in denen russische Frauen, Penisvergrößerungen oder günstige Doktortitel angeboten werden. (Der Autor dieses Beitrags bekommt übrigens rund 30 Spam-Mails pro Tag, aber nur zwei Witze pro Woche. Falscher Arbeitsplatz?) Die professionellen Spielverderber haben noch mehr Zahlen auf Lager: In vielen Fällen brauche private Mail viel mehr Bandbreite als geschäftliche, erzeuge höhere Datenübertragungskosten. Und von dem einen oder anderen Virus, das sich auf diesem Wege übertragen hat, mal ganz abzusehen.

Sie haben Recht, aber...

Klar, Firmen wie SurfControl müssen so was sagen. Sie leben davon, Software zu verkaufen, die den Webzugriff von Bürocomputern überwacht und nur E-Mails bestimmten Inhalts durchlässt. Und außerdem haben sie Recht: Natürlich verursachen die E-Mail-Scherze Datenübertragungskosten, und unter Umständen geht sogar Arbeitszeit flöten. Einzelne Studien gehen sogar davon aus, dass Arbeitnehmer in den USA einen ganzen Werktag nur mit privatem Kram im Internet vertrödeln. Ob sich diese Daten – sowie das oben genannte extreme Aufkommen von Scherz-Mails – verallgemeinern lassen, kann nur jede Firma für sich selbst checken. Und dann entscheiden, ob es das vielleicht wert ist.

Ralf Sander
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