China Pfadfinder jagen Raubkopierer


Wer in Hongkong Musik oder Filme über das Internet anbietet oder herunterlädt, kann ins Visier von Pfadfindern geraten. Uniformiert und längst nicht volljährig suchen die Jugendlichen im Auftrag der Zollbehörde nach illegalen Downloads. Kinder als Denunzianten - da werden Erinnerungen wach.
Von Adrian Geiges, Peking

Im Netz nannte er sich "Großer Gauner". Offline war er nur ein kleiner Arbeitsloser. Er machte, was viele machen, nutzte die Software Bittorrent (BT), um heruntergeladene Filme in Diskussionsforen mit anderen auszutauschen, in seinem Fall die Filme "Daredevil", "Miss Undercover" und "Red Planet". Ein Hongkonger Gericht verurteilte Chan Nai-ming, 38, zu drei Monaten Gefängnis. Mildernder Umstand: Es war die erste Haftstrafe für dieses Delikt weltweit, damals, im Jahr 2005.

Tam Yiu-keung, 48, trägt ein biederes braunes Jackett, redet formell wie ein kleiner Beamter und etwas schnell. Er leitet bei der Hongkonger Zollbehörde die Abteilung, die Urheberrechtsverletzungen untersucht, und ist so etwas wie der James Bond im Kampf gegen Internetpiraten. Er hat Chan Nai-ming hinter Gitter gebracht. Darauf ging in der Stadt die Zahl der Filme und Songs, die illegal ins Netz gestellt wurden, um 80 Prozent zurück.

Jetzt holt Kommissar Tam zum nächsten Schlag aus. Büßen soll nicht nur, wer geklautes Material ins Internet stellt, sondern auch, wer es herunterlädt. Da hat er sich einiges vorgenommen, denn das kann fast jeder sein. Tam grübelte im fensterlosen Raum der Zollbehörde mit seinen Mitarbeitern - und sie kamen auf eine ungewöhnliche Idee: "Das Internet ist viel zu groß, als das wir es selbst überwachen könnten. Warum setzen wir nicht Jugendliche dafür ein? Die surfen sowieso den ganzen Tag im Netz." Jetzt stützt sich der Kommissar auf eine Armee von 200.000 Uniformierten, die das Internet durchforsten. Bezahlt werden sie nicht, zwischen 9 und 25 Jahren sind sie jung. Sie gehören den Pfadfindern, der Mädchenbrigade, dem Kadettenkorps des Civil Aid Service (CAS) und anderen Uniform tragenden Jugendorganisationen an. Sie nennen sich "Jugend-Botschafter".

"kindlicher Bär" im Visier

Die schüchterne Kitty, die schöne Cherry und der etwas wie ein Streber wirkende Leo tragen hellblaues Hemd mit Epauletten, die sie als "CAS Kadetten" ausweisen, gelbe Kordel, dunkelblauen Rock beziehungsweise Hose, selbst ihre hellblauen Socken und die schwarzen Lederhalbschuhe sind einheitlich. Die 15-jährige Kitty tippt die URL des BT-Forums www.btzonehk.com in ihren Laptop ein - und stößt auf einen Nutzer, der sich "kindlicher Bär" nennt. Er hat Live-Songs der taiwanesischen Boygroup Mayday heruntergeladen. Leo notiert seine Daten. Dann öffnen sie die Website www.iprpa.org, die von der Zollbehörde gemeinsam mit Marken- und Urheberrechtseigentümern eingerichtet wurde, und tragen in ein Formular URL, den geklauten Song und den Namen des Übeltäters ein. Per Mausklick schicken sie die Anzeige ab. Wie Pfadfinder in alten Zeiten spielen sie Räuber und Gendarm - nur dass es hier für den Räuber ernst werden kann.

Zwar kann man auch in Hongkong noch nicht für den Download allein strafrechtlich belangt werden, nur für den Upload. Doch die Zollbehörde gibt die von den Kindern gemeldeten Infos an die Musik- und Filmindustrie weiter - und die verklagen den auf Schadenersatz, der geschützte Inhalte heruntergeladen hat. 100 Prozesse laufen in der Metropole bereits. Webmaster erhalten Drohbriefe. "In 60 Prozent der Fälle haben diese dazu geführt, dass das gestohlene Material aus dem Forum verschwand", jubelt Kommissar Tam. "Die übrigen Meldungen stellten sich als falsch heraus oder die Angebote verschwanden, bevor Schritte unternommen wurden."

"Fühle mich wie ein Polizist"

Der 17-jährige Leo nimmt sich jeden Abend zehn bis fünfzehn Minuten, um das Internet zu überwachen. "Ich fühle mich wie ein Polizist, der böse Menschen jagt", sagt er stolz. Seine Klassenkameraden, gibt er zu, sind nicht so begeistert. "Sie bezeichnen mich als Verräter, manche nennen mich sogar Spion."

Die Gejagten sind wie die Jäger überwiegend Jugendliche. Auch Kitty, Cherry und Leo holten sich kostenlos Musik und Filme aus dem Internet, bevor sie in diesem Jahr zu "Jugend-Botschaftern" ernannt wurden. Sie seien sich nicht darüber im Klaren gewesen, dass sie etwas Illegales machten, behaupten sie. Und sie wollten oft nur einen Song und nicht wie im Laden gleich die ganze CD. "Für mich ist diese Aktion auch eine Wiedergutmachung für das, was ich selbst getan habe", sagt Kitty.

"Ich liebe den Sänger Alex Fong, deshalb habe ich seine Songs heruntergeladen", gesteht die jetzige Internet-Kontrolleurin Cherry, 16 Jahre jung. "Sollte ich eine Chance haben ihn zu treffen, möchte ich mich bei ihm entschuldigen." Zugewinkt hat sie dem schönen Star schon einmal - in Hongkongs Queen-Elizabeth-Stadion, als sie mit 1600 anderen "Jugend-Botschaftern" eingeschworen wurde. Alex Fong war mit seinen Sangeskollegen Gigi Leung, Niki Chow und Wilfred Lau dabei, um die Aktion zu unterstützen.

Klagen über die Folgen

Im Büro der Firma Gold Label, bei der er unter Vertrag ist, klagt Fong über die Folgen der Musikpiraterie. Selbst ein erfolgreicher Hongkonger Sänger verkaufe heute nur noch 30.000 bis 50.000 Stück von einem Album und verdiene damit umgerechnet 20.000 bis 30.000 Euro - das reiche nicht einmal, um die Kosten zu decken. Ohne Werbeeinahmen und Filmrollen könne er sich nicht mehr über Wasser halten. "Wenn Musik illegal kopiert wird, trifft das nicht nur uns Sänger, sondern alle, die in der Unterhaltung arbeiten, die Songwriter, Komponisten, Marketing- und Vertriebsleute", sagt er. "Und letztendlich leiden die Fans." Viele Raubkopien seien von schlechter Qualität, manchmal höre man noch die Stimme eines Radiosprechers und andere Geräusche, "das ist wie Fast Food, du kannst dir den Magen damit zuhauen, aber nicht mehr".

Fong begeistert sich für die jungen Hobbypolizisten und wird auch selbst schon einmal aktiv. "Kürzlich saß ich in einem Teehaus und hörte einen Song von meinem Album 'Never walk alone' - aber es war noch gar nicht erschienen." Er stellte den Besitzer zur Rede.

"Schon gar nicht bei uns"

Emily Lau, Abgeordnete der demokratischen Gruppe "Frontier" im Hongkonger Stadtparlament und eine der lautstarken Kritiker der Pekinger Führung dort, hält die Aktion für problematisch. Sie engagiert sich seit Jahren in Jugend- und Erziehungsfragen, ist heute Jurorin bei einem Debattierwettbewerb von Oberschülern. Es geht um den US-Einsatz im Irak und um demokratische Reformen in Hongkong, die jugendlichen Urheberrechtswärter sind kein Thema. Doch Emily Lau äußert sich auch dazu: "Kinder sollten nicht als Polizisten eingesetzt werden", sagt sie. "Schon gar nicht bei uns in China, wo Minderjährige schon in der Kulturrevolution Verwandte und Freunde denunzieren mussten."

Internet-Kommissar Tam hält das für "Nonsens" und spricht von einer "Verschwörungstheorie". Den Kinderkampf gegen die Internetpiraten möchte er sogar international ausdehnen. Ein Großteil des geklauten Materials, das in Hongkong angeboten wird, kommt nämlich nicht von dort, sondern aus anderen Teilen Chinas und der Erde - für Tam sind die Beteiligten bisher nicht zu fassen. "Dies ist ein Problem, dem nicht nur Hongkong gegenübersteht, sondern die ganze Welt", sagt Tam. Pfadfinder und ähnliche Gruppen gebe es schließlich auch anderswo. Setzt sich Tams Idee durch, wird ihnen für Fahrtenlieder am Lagerfeuer nicht mehr viel Zeit bleiben.

Mitarbeit: Ellen Deng

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