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E-Mail-Hoaxes: Gefährlicher Blödsinn per Mail

Viruswarnungen, Heilsversprechen und Hilferufe kursieren bergeweise im Netz. Die meisten sind frei erfunden. Frank Ziemann spürt sie auf.

Schön, wenn man gute Freunde hat, die per E-Mail vor solchen Gefahren warnen: "Achtung, kein Witz, ein Virus!" Tatsächlich, wie in der Mail beschrieben: Die "Viren-Datei" JDBGMGR.EXE findet sich auf dem Rechner. Ein Glück, dass der Freund gleich beschrieben hat, wie man sie los wird.

Wie viele arglose PC-Nutzer diese Datei nach Erhalt einer solchen Mail gelöscht haben, weiß der Computerspezialist Frank Ziemann nicht. Er weiß nur: Die Warnung ist Unfug. "Die Datei gehört zum Internet Explorer", sagt er, "sie ist auf fast jedem Windows-PC zu finden." Was viele dann für den Beweis halten, dass die Meldung stimmt. Doch JDBGMGR.EXE ist wichtig und darf nicht gelöscht werden.

Frank Ziemann ist Jäger. Seine Beute sind "Hoaxes" (Englisch für "Falschmeldung"): falsche Virenmeldungen, Gerüchte und Kettenbriefe, die im Internet kursieren und wohlmeinend per Mail verbreitet werden. Kostenlose Handys werden da versprochen, Knochenmarkspenden für kranke Kinder gesucht, Geld für windige Geschäfte eingefordert. Alles Unsinn.

1997 fand er das erste Exemplar

1997 bekam der selbstständige IT-Dienstleister seinen ersten Hoax: Ein Virus befalle angeblich den Prozessor, worauf dann das Modem durchschmoren würde. "Wer schreibt denn so einen Blödsinn?", fragte er sich damals und begann, im Netz nach Hintergründen zu suchen. "Ich fand viel auf Englisch, aber fast nichts auf Deutsch", sagt er. Also gründete er seine Website http://hoax-info.de, die inzwischen nicht nur Hunderte Seiten mit Informationen zu Falschmeldungen bereitstellt, sondern auch echte Viren aufführt.

Gibt es Bonsai-Katzen

Bei verdächtigen Rundmails lohnt sich der Klick auf die Website. Ist die SETDEBUG.EXE wirklich ein Virus? Gibt es tatsächlich "Bonsai-Katzen", die in Glasflaschen gequetscht werden? Die Antworten und eine Menge Hintergrundinformationen liefert der 38-Jährige auf seiner Site.

"Information ist der einzige Schutz"

Seinen Hang zur Skepsis, der den meisten Internet-Surfern offenbar fehlt, erklärt der Berliner mit "naturwissenschaftlicher Vorbelastung". Ziemann hat Chemie studiert, bevor ihn Bits und Bytes packten. Heute betreut er Webseiten der Technischen Universität Berlin. Hoax-Info betreibt er ehrenamtlich - 15 Stunden pro Woche, manchmal sogar 50. Sein Antrieb: "Information ist der einzige Schutz gegen Hoaxes."

Einige Merkmale sind typisch für die bösen Scherze: Oft ist eine bekannte Firma als Quelle der Warnung genannt, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Doch: "Offizielle Viruswarnungen werden nie als Kettenbriefe in die Welt geschickt", sagt Ziemann. Die Aufforderung, die Mail möglichst oft weiterzuleiten, sei ebenso typisch für Hoaxes wie drastische Übertreibungen, etwa ein Virus beschädige die Hardware.

Zeitverschwendung

Für ein Unternehmen sind solche Briefe kostspielig. Die Rechnung des Datensicherheitsexperten Howard Fuhs: Wenn in einem Betrieb mit tausend Angestellten jeder nur zwei Minuten die Mail liest, gehen schon vier Arbeitstage verloren. Wenn die Angestellten das "Problem" zu lösen versuchen oder die Computerspezialisten der Firma behelligen, wird es für das Unternehmen richtig teuer.

Manche der Kettenbriefe beweisen zudem erhebliche kriminelle Energie: "Seit Jahren wird Leuten viel Gewinn versprochen, wenn sie ein wenig Geld zur Verfügung stellen", erzählt Ziemann. Oft von vorgeblichen Anwälten, häufig aus Nigeria. Immer wieder sind Empfänger blauäugig oder gierig genug, das Ersparte herauszurücken. Ein Extra-Blatt namens "Nigeria Connection" widmet Ziemann diesen Tricks.

Die meisten Rundschreiben sind jedoch so genannte Wandermärchen. "Tod durch Rattenurin auf Getränkedosen zum Beispiel: Das Gerücht kursiert seit Jahren", sagt Ziemann. Seine Diagnose nach Recherche: frei erfunden.

Silvia Feist / print
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