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E-Mail: Neue deutsche Welle: Spam

Deutschland wird von einer Spam-Welle überflutet. Wöchentlich landen mehr als 500 Millionen dieser unerwünschten Werbemails in deutschsprachigen Postfächern - und es werden immer mehr.

Montagmorgen, 70 Mails im Postfach, Nummer 55 kommt von Sir William DeLoraine. Betreff: "Hello, my name is Robert Downey Jr. plese read this carefully". Der Mann mit dem Namensfindungsproblem will ein Angebot machen: "Get Viagra online now!" Das angeblich billigste Angebot im Netz soll pro Dose mit den blauen Potenzpillen drei Dollar kosten. Und dann die Aufforderung: "Click here!" An diesem Punkt sollte man handeln, indem man die Mail löscht. Denn es handelt sich hierbei um eine so genannte Spam-Mail.

"Spam nervt"

Von Werbung für Penis-Verlängerungen über Partnervermittlungen bis hin zu Kreditangeboten: die Spam-Welle rollt über Deutschland hinweg. Verschont wird auch der reichste Mann der Welt, Bill Gates, nicht. Ausgerechnet er bekommt täglich Mails, in denen der ganz große Reichtum versprochen wird. "Es ist schon aberwitzig", schrieb Bill Gates in einer Mail an Kunden. "Unerwünschte Werbemails breiten sich wie eine Plage aus, die die einzigartige Fähigkeit des Internets gefährden, hunderte Millionen Computer quasi zum Nulltarif rund um die Welt miteinander zu verbinden." Als eine Plage empfinden auch deutsche Freemail-Anbieter wie Web.de die Spam-Welle: "Spam beißt nicht, es nervt", so Eva Vennemann, Pressesprecherin bei Web.de.

"Im allgemeinen werden alle vom User nicht erwünschten Nachrichten als Spam bezeichnet", erklärt Vennemann das Phänomen. Allein bei diesem Anbieter sind rund 33 Prozent aller eingehenden Nachrichten Spam – sechs Millionen Mails täglich. Das Wort Spam steht für "Spiced Ham" und entstand als Begriff für unerwünschte Mails nach einem Sketch der britischen Komikertruppe Monty Python: Dort wurde "Spam" 120 mal innerhalb weniger Minuten verwendet und machte damit jegliche Kommunikation unmöglich. So geht es auch Millionen Usern: Statt ihre Mails lesen und beantworten zu können, werden sie mit Werbemüll – ähnlich den Wurfsendungen im Briefkasten – überflutet. Zu erkennen sind sie an der Betreff-Zeile, in der "Viagra", "Mahnung" und ähnliches täglich zu lesen sind.

Computer und Internetzugang: fertig ist der Spammer

Vennemann und ihre Kollegen aus der Kundenbetreuung werden von (zu Recht) verärgerten Kunden immer wieder mit Anfragen in Sachen Spam konfrontiert: "Sie wollen wissen, wie die Versender an ihre Adressen kommen, ob Web.de die Daten weitergibt. Das machen wir natürlich nicht." Müssen sie auch nicht, denn "Spammern" wird es denkbar einfach gemacht: ein Computer und Internetzugang reichen, um eine der wöchentlich 500 Millionen Spam-Mails versenden zu können. Über illegale Adressen-Händler können für etwa 70 Euro rund 250 Millionen Adressen gekauft werden. Mit Hilfe sogenannter Bulk-Programme, die gratis im Internet zum Download bereit stehen, werden die Absenderadressen verschleiert – die "Hintermänner" können so nur schwer gefunden werden. Zum eigentlichen Versand suchen sich diese Programme offene Postausgangs-Server (SMTP-Server), die keine Verifizierung verlangen: Jede Person mit irgendeiner Absenderadresse kann so an beliebig viele Adressaten Mails versenden. Diese Server stehen meist in Asien und Südamerika, so dass eine rechtliche Handhabe nahezu unmöglich ist.

In Deutschland sind alle SMTP-Server geschlossen: Will jemand eine E-Mail über den Server des jeweiligen Anbieters versenden, muss er sich durch Passwort und Benutzernamen angemeldet haben. Damit ist zumindest der Versand von Spams über die großen deutschen Mail-Anbieter unmöglich. Dennoch können Spammer dank WWW auch ohne Probleme einen ausländischen Server benutzen.

Justizia muss handeln

Bill Gates, genervt von der täglichen Werbeflut, forderte die Gesetzgeber kürzlich auf, verstärkt gegen diese unerwünschten Werbe-Mails vorzugehen. Vor allem müssten Gesetze erlassen werden, die den Versand von E-Mails mit gefälschten Absenderadressen unter Strafe stellen, so Gates. Der Weg zu einer weltweiten Einigung scheint aber schwierig. Erst einmal müssen die europäischen Länder bis Oktober 2003 eine EU-Richtlinie umsetzen. Diese besagt unter anderem, dass die Verwendung von elektronischer Post für die Zwecke der Direktwerbung nur bei vorheriger Einwilligung der Teilnehmer gestattet werden darf. In Deutschland haben derzeit nur die betroffenen Privatpersonen eine Möglichkeit, gerichtlich gegen die unerwünschten Mails vorzugehen. Geklagt werden kann zum Beispiel wegen unlauteren Wettbewerbs. "Wird die EU-Richtlinie umgesetzt, können Privatpersonen, Anbieter und der Verbraucherschutz klagen", erklärt Web.de-Frau Vennemann. "Wir als Anbieter haben sonst fast keine rechtliche Handhabe." Doch gerade die haben den meisten Ärger mit der Werbeflut: Die Leitungen werden verstopft, Personalkosten erhöhen sich, und die vorhandene Infrastruktur muss zur Bewältigung des elektronischen Mülls ausgelegt werden.

Nicht antworten!

Und so haben die Anbieter Spam-Mails den Kampf angesagt. Allein Microsoft blockiert auf seinen eigenen Servern für die Onlinedienste MSN und Hotmail täglich 2,4 Milliarden Spam-Mails, schreibt Gates. Für die E-Mails, die diese Hürde überspringen, sei ein lernfähiger Filter entwickelt worden, der seine Wirkung mit der Zeit entfalte. Genau darauf setzten auch GMX und Web.de: Beide haben neue Filter entwickelt, die wirksam vor Spam schützen sollen. Vor allem aber gilt: nie auf eine solche Mail antworten. Vennemann erklärt: "Wenn man den Spammern antwortet, wissen sie, dass es sich um eine aktive Adresse handelt. Und dann kann man sich vor lauter Werbung nicht mehr retten. Die Adresse wird wertvoll. Schon wenige Promille der angeschriebenen Personen, die reagieren, genügen, um einen Gewinn zu erwirtschaften"

Vennemann empfiehlt jedem, der viel im Internet unterwegs ist, sich zwei Mail-Adressen einzurichten. Die eine nur für den privaten Mail-Verkehr und die andere für alle anderen Aktivitäten (s. Kasten). Hilfe gibt es zudem auch im Internet. Unter www.antispam.de kann man eine standardisierte Antwortmail an den Spam-Provider herunter laden, in dem man ihm die Zusendung der Mails untersagt.

Katarina Rathert