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Rage-Bait Widerliche Kochvideos überfluten Tiktok und Instagram – dahinter steckt eine einfache Logik

Bei Tiktok und anderen Webseiten verbreiten sich immer mehr absurde Essens-Kreationen wie Sylvia Ferreiras "Fleischummantelte Spaghetti" 
Bei Tiktok und anderen Webseiten verbreiten sich immer mehr absurde Essens-Kreationen wie Sylvia Ferreiras "Fleischummantelte Spaghetti" 
© Sylvia Ferreira - Tiktok
Immer wieder stoßen wir in sozialen Netzwerken auf Kochvideos, die einem die Spucke wegbleiben lassen. Mit ekligsten Kombinationen, fragwürdiger Zubereitung oder anderen Merkwürdigkeiten gespickt, lassen sie nur eine Frage offen: Wer soll das essen? Die Antwort ist meist: niemand.

Es beginnt mit einer Banane. Mit einem Plastikröhrchen zieht die gut aussehende Köchin das Innere heraus, füllt die Frucht danach mit Schokosirup. Danach kommt der nächste Schritt: Aus einer Dose mit Fertigback-Croissaints werden zwei Teigstücke herausgefischt, die Banane darin platziert. Nachdem einige Schokostücken, Marshmallows und zerkleinerte Kekse darum drapiert wurden, wird die Kreation zusammengerollt und landet im Backoffen. Am Ende wird das unappetitliche Ergebnis stolz dem sprachlosen Publikum präsentiert.

Videos wie dieses vom Tiktok-Account "Mchasfun" fluten in den letzten Monaten geradezu die sozialen Netzwerke. Waren Kochrezepte im Videoformat lange eine schöne Anregung, es doch mal mit einem neuen, leckeren Rezept zu versuchen, hat dieser neue Typus vor allem eines gemein: Appetit hat danach keiner mehr. Dass wir sie trotzdem ständig zu sehen bekommen, hat einen einfachen Grund: Statt unsere Lust auf Essen anzusprechen, lösen die Videos andere, viel stärkere Gefühle ins uns aus - und bringen uns so dazu, sie noch weiter zu verbreiten.

Hauptsache emotional

Dass die Clips nicht kreativ sind, kann man ihnen immerhin nicht vorwerfen. Die "Köche" benutzen Chipstüten als Küchen-Utensilien, mischen die absurdesten Geschmackskonstellationen oder übergießen einfach jedes Essen mit Unmengen von Käse und Bacon. Hauptsache, das Publikum reagiert. Mit Ärger, Verwunderung oder Ekel. Und hat danach das dringende Bedürfnis, dieses völlig bekloppte Video an Freunde und Familie weiterzuleiten. Als "Rage-bait" - Wut-Lockmittel - werden die Videos entsprechend oft bezeichnet. 

In auffällig vielen der Clips wird das Ergebnis der "Bemühungen" nie verspeist, oder höchstens beschämt Mal an der Seite geknabbert. Die Kommentare sind sich in der Regel ebenfalls einig: Die Köche werden für verrückt erklärt, die Zuschauer bringen vornehmlich ihren Ekel zum Ausdruck. Für die Ersteller ist auch das hilfreich: Weil viele trotz Fassungslosigkeit das Ende sehen wollen und dann kommentieren, werden sie von den Algorithmen von Tiktok, Instagram und Co. als besonders beliebt bewertet. Und dann noch mehr Menschen in den Feed gespült.

Das Geschäft mit dem Ekel

Einer der offensichtlichsten Provokateure ist Eli Betchik. Er habe schon früh bemerkt, dass es ihm nichts ausmache, auch die ekligsten Dinge zu sich zu nehmen, berichtete der 23-Jährige gerade "The Verge". "Ich machte das, um Freunde zu unterhalten. Lutschte Ketchup-Päckchen aus, aß einen ganzen Block Parmesan. Und je öfter ich das machte, desto mehr bemerkte ich, dass ich damit auch im Internet Erfolg haben könnte."

Mittlerweile schauen 200.000 Follower Eli auf seinem Tiktok-Account zu, wenn er aus Wurstwasser Trinkschokolade herstellt, Mayonnaise frittiert oder Chips zum Kartoffelpüree zerkocht. Zum besonderen Ekel seiner Zuschauer holt er das Kochwasser statt aus der Küche aus der dreckigen Badewanne. Und: Er isst seine widerlichen Gerichte auch jedes Mal vor der Kamera.

Bei anderen der Ekel-Influencer ist die Intention nicht ganz so eindeutig negativ. Sie wolle einfach nur merkwürdige Rezepte ausprobieren, erklärt etwa "Janebrain". Deshalb kochte sie etwa ein halbes Hühnchen in einem Kürbis. "Ich versuche aber immer, zu probieren. Das finde ich nur fair." Das Pärchen "Packagedfoodgourmet" wollte nur die Extreme von Internet-Rezepten erkunden, sagten sie "The Verge". Und wurden dafür bekannt, die am schlechtesten bewerteten Rezepte auf großen Webseiten nach zu kochen.

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Steckt ein Fetisch dahinter?

Ein Teil der Kochvideos lässt sich indes gar nicht mehr mit dem Essen an sich erklären, behauptet Lena Rae. Sie hat sich auf Videos spezialisiert, in denen erklärt wird, warum ein Teil der Videos eher mit sexuellen Fetischen als mit Nahrung zu tun haben. "Diese Handbewegungen, das ist bewusst, das sind sehr bekannte Fetischgesten. Sie streichelt es geradezu", führt sie etwa bei einem Clip aus, in dem eine Frau im Hochzeitskleid eine Torte mit Farbe bekleckert. "Das ist ganz eindeutig ein Essens- und ein Handfetisch."

Egal ob sie aus Staunen, Ekel oder Ärger immer weiterschauen, bleibt den Zuschauern letztlich nur eines, um der Flut an Videos Herr zu werden: Zu erkennen, dass die Videos sie vor allem emotional manipulieren wollen, um noch weiter verbreitet zu werden. Und ihnen dann einfach diese Aufmerksamkeit zu verweigern.

Quellen: Tiktok, TheVerge

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