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Facebook-Phänomen Farmville: Landwirte ohne schmutzige Hände

Wer Facebook nutzt, kennt auch das Spiel Farmville, in dem man einen virtuellen Bauernhof bewirtschaftet. Seine Fans lieben die Bauernromantik. Die anderen sind genervt, weil das Spiel ständig Nachrichten veröffentlicht.

Mitten in Chicago betreut Laura Hawkins Grimes einen Bauernhof mit einem schönen Blockhaus, vielen Kühen und zwei Teichen. Dabei muss die 40-jährige Sexualtherapeutin noch nicht einmal ihren Computer verlassen, um sich um die Landwirtschaft zu kümmern. Grimes ist eine von mehr als 72 Millionen Bewohnern von Farmville, einer virtuellen Spielwelt, die vor allem bei Facebook-Nutzern beliebt ist.

"Es geht mir darum, dass ich mich mit etwas beschäftigen kann, was ich nicht jeden Tag sehe", erklärt Grimes. "Was mir an Farmville so gefällt, ist, dass es so gar nicht städtisch ist."

Das Online-Fantasy-Game wurde vom kalifornischen Studio Zynga entwickelt. Mit seinen Cartoons erinnert es an die amerikanische heile Welt der TV-Serien "Leave it to Beaver" oder "Green Acres" in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Nachbarschaftshilfe

Zu Beginn des Spiels gibt es nur ein kleines Grundstück, das mit Weizen, Sojabohnen oder Kürbissen bestellt sein will. Später kommt die Viehwirtschaft mit Schweinen, Kühen oder Hühnern hinzu. Schließlich wird der Hof immer größer, wenn auch Scheunen, eine Windmühle oder ein Treibhaus gebaut werden. Alle Nachbarn helfen sich bei kleinen Problemen. Große Probleme wie Dürre oder Überschwemmungen treten erst gar nicht auf.

Wichtig ist die regelmäßige Anwesenheit auf dem Bauernhof. Nur wer sich sorgfältig um die Felder kümmert, wird reiche Ernten einfahren und das virtuelle Bankkonto mehren. Wer dem Nachbarn beim Füttern der Hühner hilft, bekommt zusätzliche Punkte.

"Jeder mag die Landwirtschaft", sagt Zynga-Manager Bill Mooney. Es sei erstaunlich, wie die Spieler immer neue Wege entwickelten, um ihrem Anwesen eine persönliche Note zu geben. "Die Leute betrachten das als eine kleine unterhaltsame Fluchtmöglichkeit."

Nervige Status-Mitteilungen

Laura Hawkins Grimes, die immerhin aus dem ländlichen Oklahoma stammt, gönnt sich eine Runde Farmville zwischen einer Sprechstunde und der Betreuung ihrer dreijährigen Tochter. Wie andere Facebook-Nutzer war sie lange genervt von den ständigen Farmville-Mitteilungen in der Statuszeile ihrer Kontakte. Dann aber ließ sie sich von ihrer Schwester bekehren und sagt jetzt: "Ich bin ein völliger Farmville-Freak." Viele andere Facebook-Nutzer sind allerdings nicht so leicht zu überzeugen. Es gibt verschiedene Gruppen, die deutlich zum Ausdruck bringen, wie wenig ihre Mitglieder von Farmville halten. Alleine die deutschsprachige Gruppe " Schick mir noch einmal eine Farmville-Anfrage und ich fackel' deine Farm ab" hat mehr als 76.000 Mitglieder

Bisher hat sich Grimes nie mit Computerspielen abgegeben. Jetzt freut sie sich an schwarzen Schafen, rosa Kälbchen und Rentieren, in deren Geweih noch die Weihnachtslichter blinken. "Ich konnte bestimmen, wo alles seinen Platz hat, und dass alles nett aussieht." Über Farmville hat sie auch schon alte Bekannte wiedergefunden wie eine Schulfreundin aus der vierten Klasse, die jetzt neben ihr die Scholle beackert.

Auch tatsächliche Landwirte haben Farmville entdeckt. Der 31-jährige Darin Doehring stieg vor einigen Monaten ein, als anhaltende Regenfälle ihn auf seiner Farm bei Windsor in Illinois daran hinderten, seine 800 Hektar an Mais- und Sojafeldern zu ernten. "Ich habe mich im Herbst mehr um meine Ernte in Farmville gekümmert als dass ich draußen auf dem Feld war", bekennt Doehring. "Ich habe es genossen." Allerdings würde er sich wünschen, dass die Simulation mehr Herausforderungen der wirklichen Landwirtschaft mit aufnehme, etwa das Wetter.

Das aber ist kaum zu erwarten. "Wir wollen nicht, dass da eine Bestrafung dabei ist", sagt Spielentwickler Mooney. "Wir wollen, dass es etwas Positives bleibt."

Jim Suhr/AP / AP
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