HATE SITES HTML-gewordener Hass und seine Bekämpfung


In den USA ist die Überwachung so genannter »hate sites« zur Mode geworden. »Hate watchers« haben es sich zur Aufgabe gemacht, radikale Internet-Seiten aufzuspüren.

Seit der Erfurter Tragödie ist eine Diskussion um Gewalt verherrlichende Internet-Seiten entbrannt. Wird das Web von vielen Menschen genutzt, möglichst anonym und unverbindlich Lebenspartner, Abenteuer, Freunde und überhaupt alle Arten von Mitmenschen zu finden, suchen zunehmend auch Frustrierte, Rechtsradikale oder Waffenfetischisten ihresgleichen. Es ist unmöglich, die Flut von neu entstehenden »hate sites« in den Griff zu bekommen.

Amokläufer bleiben unsichtbar bis zur Tat

Webseiten mit rechtsradikalen Inhalten sind leicht zu entlarven. Es genügt meistens, »braunes« Vokabular in eine Suchmaschine einzugeben, und schon spuckt diese Unmengen von Treffern zum Thema aus. Schwieriger ist es, Frustsalven und Hasstiraden auf Homepages einschätzen zu können. Wo sind die Grenzen zwischen pubertärem Frust und tickenden Zeitbomben? Zumal die »Hassenden« nicht an Flaggen, Emblemen oder Parolen zu erkennen sind, sondern sich anonym und abgeschieden ihre Hassgemeinschaften im Internet suchen. Für einen Eric Harris oder Robert Steinhäuser bietet das Internet ein Forum, sich auch über die abartigsten Mordgelüste auszutauschen und das Gefühl zu haben, nicht allein zu sein. Sie schaffen sich ihre eigene Realität - und schüren ihre Ideologie: den Hass. Eine Emotion erhebt sich zum politischen Ausdruck. Serienkiller sind »in«, einmal berühmt zu sein ist das Ziel. Die Öffentlichkeit bekommt von der langen Vorgeschichte erst etwas mit, wenn es zu spät ist.

Jagd auf die Hassgemeinschaften

In den USA ist es regelrecht in Mode gekommen, den »hate sites« mit »hate watching« zu begegnen. Den Seiten der Hass-Gemeinschaften stehen jetzt also die Seiten der Hass-Überwachungsgruppen gegenüber. So findet sich zum Beispiel unter www.hatedirectory.com eine 84-Seiten starke Liste mit Internet-Adressen von radikalen und rassistischen Seiten. Andere »Wächter über den Hass« sind www.adl.org oder www.hatewatch.org. Das Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles veröffentlichte in den Jahren 2000 und 2002 CD-ROMs mit dem Titel »Digital hate«, auf denen Tausende Seiten als »hate sites« identifiziert wurden. Die Seite des Littleton-Amokläufers Eric Harris setzte das Zentrum jedoch nicht auf den Index - sie enthielt keine direkten Drohungen.

Das große Problem des »hate watching« ist, dass Grenzen schwer zu ziehen sind. Wann ist ein Ausspruch eine harmlose Spinnerei und wann ist es Rassismus? Wie schmal ist der Grad eines Robert Steinhäuser zwischen Frust und Mordgelüsten? Ist das Schießen auf fiktive Videospiel-Feinde in »Quake« schon krank oder ist es Spaß? Und wovon genau lassen sich »Hassende« inspirieren? Sicher ist, dass die Netzcommunity Gewissheit verschafft, mit seinen blutrünstigen Fantasien nicht allein zu sein. Eine beängstigende Vorstellung.

Abscheu und Identifikation

Auch die enorme Aufmerksamkeit, die die Öffentlichkeit Psychopathen schenkt, zeigt sich nicht nur in Entsetzen über die Bluttaten. Einige Jugendliche wandeln die Abscheu der Gesellschaft um in Bewunderung für die Täter. Für sie sind Amokläufer wie Steinhäuser oder auch das Satanisten-Pärchen Daniel und Manuela Ruda, wenn nicht Vorbilder, so doch zumindest interessant. Weil ihre Taten spektakulär sind und Aufmerksamkeit erregen. Nach der inszenierten Gerichtsverhandlung des Ehepaares Ruda hagelte es Beifallsbekundungen für die Mörder. »Ruda ist cool«, hieß es im Internet. Schon hatte sich wieder eine Hassgemeinschaft gefunden. Das öffentliche Interesse bringt beides hervor, Abscheu und Identifikation.

Internet: straffreier Raum

Wie wollen die Hassüberwacher dem schnellen Medium Einhalt gebieten? Wenn eine Seite aus dem Netz genommen wird, ist es für Homepage-Betreiber ein Leichtes, mit einem neuen Account und über eine andere Firma wieder ins Netz zu kommen und dort im Gewirr der hunderttausenden von Seiten erst einmal zu verschwinden. Die Geschwindigkeit des Internets macht dieses zum nahezu straffreien Raum. In den USA haben »hate watching«-Seiten nur geringen Einfluss. Allen Gesetzesverschärfungen zum Trotz: Gleichgesinnte werden sich weiterhin anonym und unverbindlich in Communities zusammentun. Auch die Hassenden.

Natalie Lux


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