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Internet: Gebete auf Bestellung

Reisen an heilige Orte wie Nazareth sind teuer. Ein neuer Service ermöglicht es Gläubigen, ihre Gebete von Geistlichen vortragen zu lassen - während sie selbst weit entfernt vor der Webcam sitzen.

Ganz in sein Ornat gekleidet tritt der Geistliche Andreas Elime vom Altar der Gabrielskirche in Nazareth in das Bild der Webkameras auf den Marmorsäulen des Gotteshauses. Seine Stimme füllt den Raum der 250 Jahre alten Kirche mit einem griechisch-orthodoxen Gesang, während ein Computer seinen Segen an drei Amerikaner überträgt, die tausende Kilometer entfernt sind. Christen pilgern seit langer Zeit nach Nazareth, um dort den Segen zu empfangen. Die moderne Technik und das Internet machen es nun möglich, dass sie auch zu Hause bleiben und sich an ihrem Computer einloggen können, wenn der Geistliche im Heiligen Land ein Gebet für sie spricht. "Damit wird ein neues Niveau erreicht", sagt James Martin, ein jesuitischer Geistlicher, der sich mit religiösen Trends im Internet beschäftigt.

Die Technik gebe den Gläubigen nun neue Möglichkeiten bei der Umsetzung einer alten Tradition: andere zu bitten, für sie an heiligen Orten zu beten. "Eine Reise nach Israel ist sehr teuer", sagt Martin. "Für Menschen, die sich zwar nicht die Reise, aber einen Internetanschluss leisten können, ist das ein Weg." Seit dem Start des Angebots für die Gabrielskirche am 1. Mai seien hunderte Anfragen eingegangen, rund 70 Prozent aus den USA, aber auch aus Hongkong, Indien, Mexiko und Australien, berichtet Said Salem, der Vertreter der Firma Modefine aus Zypern, die für die technische Umsetzung verantwortlich ist. "Wir haben hier etwas ganz besonderes. Maria lebte hier, Jesus wuchs hier auf. Das ist eine heilige Stadt. Das ist die Wiege der Christenheit."

Sieben Euro pro Gebet

Die Gabrielskirche, die griechisch-orthodoxe Verkündigungskirche, steht an einer Stelle, an der nach griechisch-orthodoxer Überzeugung der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria erschien. In der katholischen Überlieferung fand das Ereignis rund einen Kilometer entfernt statt, dort, wo heute die Verkündigungsbasilika steht. Die einzigen Bedenken, die der Geistliche Martin bei dem Angebot hat, war die Gebühr von zehn Dollar (rund sieben Euro), die pro Gebet anfällt. Salem betont, das sei der Preis für die Systemkosten, nicht das Gebet. Das sei weiter kostenlos. "Wenn man nach Jerusalem kommt, um einen Geistlichen um ein Gebet zu bitten, dann erwartet man ja auch nicht, dass der das Taxi bezahlt."

Jeden Tag zwei Messen

Nach dem Eröffnungshymnus betet Elime für Gnade, Gesundheit, Frieden, Vergebung und Erlösung. Der Gottesdienst findet auf Englisch, Griechisch, Arabisch und Russisch statt, je nach Wunsch. Elime liest die Namen der Gläubigen für diesen Tag vor und zündet für jeden eine Kerze an. Vier Priester halten zwei Messen jeden Tag, wobei sie für fünf bis zehn Menschen beten, berichtet Elime. "Einige Menschen können nicht zur Kirche kommen, um die Kommunion zu empfangen, also kommen wir zu ihnen." Metropolis Kyriakos, der Erzbischof von Nazareth, sagt, er sehe es zwar lieber, wenn die Menschen persönlich zur Kirche kämen, an der Online-Zeremonie habe der aber nichts auszusetzen. Für dem Amerikaner Robert Jeffords ist es die einzige Möglichkeit, das Heilige Land zu besuchen. Er habe Diabetes und eine Beininfektion, sagt Jeffords telefonisch von Florida aus. Er sei beeindruckt gewesen von dem, was er gesehen habe, sagt Jeffords, der Katholik ist. "Ich war wirklich ein Teil der Messe. Ich war da." Er habe inzwischen um noch zwei Gebete gebeten, darunter eines für seinen Sohn und dessen Verlobte. "Ich danke Gott für mein Internet", sagte Jeffords. "Da ist viel Müll da draußen, aber es gibt auch ein paar gute Dinge, wenn man sich umschaut."

AP/Ben Hubbard / AP
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