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Internet-Selbstmord: Suizid vor der Webcam

Drama vor laufender Webcam: Ein 19-jähriger Amerikaner hat sich mit einer Überdosis Medikamenten umgebracht - und sein Sterben live ins Internet übertragen. Viele Nutzer, die die Übertragung anschauten, schrieben anfeuernde Kommentare.

Ein 19-jähriger US-Amerikaner hat seinen Suizid ins Web übertragen. US-Medien berichten, dass Abraham B. vor laufender Kamera eine größere Menge Pillen genommen und sich dann ins Bett gelegt habe, wo er nach einiger Zeit aufhörte zu atmen. Die ganze Zeit wurde das Geschehen auf dem Videoportal justin.tv live übertragen. Währenddessen wurde B.s Vorgehen von anderen justin.tv-Nutzern direkt unter dem Video kommentiert.

Wie die IT-Nachrichtenseite Cnet und die Website NewTeeVee.com berichten, hatte der Teenager bereits in der Vergangenheit mehrfach seine Pläne zur Selbsttötung in verschiedenen Foren gepostet. Besonders in einem Bodybuilding-Forum hatte er zuletzt Details über die tödlichen Medikamente veröffentlicht, und ebenso seine Idee, den Suizid live zu übertragen. Die Foren-Moderatoren und viele -Mitglieder nahmen, so heißt es in den Berichten, seine Äußerungen nicht ernst, da ja früheren Ankündigungen keine Taten gefolgt waren. Im Gegenteil: Einige Forenuser feuerten B. an, sich endlich umzubringen.

Dieses Verhalten sei auch während des Livestreams zu beobachten gewesen, schreibt Cnet. Viele Nutzer hielten die Bilder für eine Inszenierung und gaben skeptische bis boshafte Kommentare ab. Einige andere User hätten allerdings versucht, den Lebensmüden umzustimmen. Als keine Atembewegungen mehr zu sehen gewesen seien, hätten einige justin.tv-Teilnehmer die Polizei gerufen.

Die Video-Aufzeichnung und der Diskussionsstrang darunter sind inzwischen von justin.tv entfernt worden. Im Netz kursiert allerdings ein Clip der letzten 70 Sekunden der Übertragung. Man sieht eine Person leblos auf einem Bett liegen, dann fliegt ein Stück Holz von der Seite auf das Bett, als die Polizei die Zimmertür eintritt. Als nächstes leuchten auf den Füßen des Mannes rote Punkte der Laserzielvorrichtungen auf den Polizeipistolen. Schließlich tritt ein Sheriff mit gezogener Waffe ins Bild und versucht, K. anzusprechen. Wenig später schalten die Polizisten die Videokamera ab. Gegenüber NewTeeVee hat der zuständige Gerichtsmediziner B.s Tod inzwischen bestätigt.

Wer hat sich falsch verhalten?

Besonders zwei Aspekte dieses tragischen Vorfalls sorgen derzeit für Diskussionsstoff: erstens das Verhalten derjenigen User, die die Liveübertragung mit zynischen oder anfeuernden Kommentaren begleitet haben. Zweitens steht der Betreiber von justin.tv in der Kritik, der den Livestream nicht unterbrochen hat. Der Chef der Firma, Michael Seibel, sagte gegenüber NewTeeVee: "Wir kommentieren keine Einzelfälle, weisen aber darauf hin, dass unangebrachtes Verhalten bei justin.tv verboten ist. Wir verlassen uns auf die Community, uns auf unangemessenes Material hinzuweisen, welches wir dann bewerten und entfernen, wenn es unseren Nutzungsbedingungen widerspricht." Das sei auch in diesem Fall passiert. Allerdings spät.

Das Thema Internet und Suizid ist nicht neu. "Selbstmordforen" und Verabredungen zum gemeinschaftlichen Suizid über das Internet sorgen seit Anbeginn des Netzes immer wieder für Aufregung. In Großbritannien erhängte sich im vergangenen Jahr ein Mann vor laufender Webcam. Auch die Diskussionen, wie mit diesem Thema umzugehen sei, sind so alt wie das Internet.

Ralf Sander
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