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Community-Kontrolle: Petzen in der Not

Ein Student hat seinen Suizid live auf einem Videoportal übertragen. Vor den jüngsten Amokläufen an Schulen haben die Täter ihre Pläne im Netz angekündigt. Theoretisch können sich in jeder Community Hinweise auf Attentate und Selbstmorde verbergen. Wie gehen die deutschen sozialen Netzwerke mit dem Problem um?

Von Johannes Gernert

Soziale Netzwerke verlassen sich auf die Mithilfe ihrer Nutzer

Soziale Netzwerke verlassen sich auf die Mithilfe ihrer Nutzer

Vor rund zwei Wochen übertrug der 19-jährige US-Amerikaner Abraham Biggs seinen Suizid mittels einer Webcam ins Internet. Auf dem Videoportal justin.tv konnte sich jeder über Stunden sein Sterben anschauen. Die Angehörigen des Studenten kritisierten hinterher hart die "Tatenlosigkeit" der Zuschauer und des Betreiber von justin.tv. Außerdem forderten die Familie Biggs verstärkte Aufsicht auf Webportalen.

Ein weiteres Beispiel - das menschliche Drama ist ein anderes, die Probleme für die Social Communitys sind dieselben: An einer finnischen Schule hatte Ende September ein junger Mann mehrere Menschen erschossen. Vorher waren auf der zu Google gehörenden Videoplattform Youtube Clips zu sehen gewesen, in denen er mit Pistole posierte. Als die Mitarbeiter des deutschen Sozialnetzwerks Lokalisten.de wenig später ähnliche Aufnahmen, Waffenbilder und Drohungen auf einer ihrer Seiten entdeckten, reagierten sie sofort und verständigten die Polizei.

Online angekündigte Gräueltaten können Nachahmer provozieren. Das hat die Schulschießerei in Finnland gezeigt. Ein knappes Jahr zuvor hatte ein anderer Schüler dort ein genauso grausames Massaker angerichtet. In beiden Fällen kursierten im Netz Hinweise auf die Tat. Theoretisch könnte jede Community in einem entlegenen digitalen Winkel solche Amokankündigungen oder veröffentlichte Selbsttötungsabsichten beinhalten. Jederzeit. Darauf müssen sich die Betreiber einstellen.

Gezielt nach verbaler Raserei, Posieren mit Waffen und getippten Hilferufen zu suchen, erscheint ihnen schier unmöglich. Schließlich sei es ein "irrsinniges Volumen" von Daten, das über die großen Plattformen laufe, sagt Andreas Hauenstein, einer der Mitgründer der Lokalisten. Drei Millionen Nachrichten fließen täglich allein durch dieses Netzwerk, bis zu 250.000 Fotos werden hochgeladen. Allein schon aus datenschutzrechtlichen Gründen könne das nicht alles überwacht werden. Es sei technisch auch kaum machbar, sagt er. Die Lokalisten setzen deshalb auf menschliche Filter - auf ihren "Petzen-Knopf" und einen direkten Draht zur Polizei.

Auf die digitale Umwelt achten

Auf Melde-Buttons, mit denen Unzulässiges oder Verdächtiges angezeigt werden kann, vertrauen auch die anderen großen Netzwerke wie Myspace, Facebook oder StudiVZ. Die Mitarbeit der Nutzer sei unerlässlich, sagt Hauenstein: "Für die Prävention ist es ganz wichtig, dass jemand auf seine Umwelt achtet - sei es im realen Leben oder auf der Webseite." Mehrere tausend Petzmeldungen gehen laut Hauenstein Tag für Tag bei den Lokalisten ein. Ein Rechner sortiert sie automatisch nach Dringlichkeit. Je häufiger etwa ein Profil gemeldet wird, desto schneller gerät es auf den Bildschirm eines Mitarbeiters im Supportteam, im Großraumbüro der Lokalisten nahe des Münchner Viktualienmarkts. Das ist die zweite Stufe des menschlichen Filters. Jemand muss erkennen, ob die Petzmeldung berechtigt ist. "Da braucht man ziemlich viel Erfahrung", sagt Hauenstein, "technisch kann man das nicht umsetzen."

Nicole Ritter, 28 Jahre alt, hat gerade einen Samenerguss gelöscht. Sie arbeitet im Erdgeschoss eines schicken Altbaus. An einer langen Tischgruppe sitzen junge Menschen vor Computern. Ritter ist Community-Managerin bei der Firma Tribax, die für Radiosender oder Vereine Onlinenetzwerke aufbaut und betreut. Sie sichtet alle Videos, bevor sie auf den Seiten landen. Ritter entfernt vor allem Pornografie, manchmal auch Verleumdungen und Beleidigungen. Wenn Nutzer sich über andere beschweren, sieht sie sich die Sachen an. Waffenbilder oder Morddrohungen sind bisher nicht vorgekommen.

Kritik von Jugendschützern

Bei Tribax kümmern sich zwei bis drei Leute um die Warn-Meldungen, bei den Lokalisten sind es 20, bei Myspace 300 im Hauptsitz in Los Angeles. Zehn von ihnen sprechen Deutsch. Angesichts der Millionen Nutzer hält Katja Knierim, beim Projekt jugendschutz.net für Chats und Communitys zuständig, die Mitarbeiterstärke für ziemlich gering - selten können sie mit den Nutzerahlen mithalten. "Das wäre jedoch notwendig, um gewährleisten zu können, dass Support-Anfragen zeitnah bewältigt werden", sagt sie. Laut Teledienstegesetz müssen die Plattform-Verantwortlichen "unverzüglich" handeln, wenn sie von rechtswidrigen Handlungen oder Informationen auf ihren Seiten erfahren - und das Material entfernen. Knierim fordert "intensivere Kontrollen" und rät Nutzern, nicht nur die Netzwerk-Betreiber, sondern auch die Polizei zu verständigen, wenn sie "strafrechtlich relevante Vorgänge beobachten".

Lokalist Hauenstein verweist auf die Erfolge, die die enge Zusammenarbeit seiner Firma mit der Polizei gebracht habe. Es gibt eine Hotline-Nummer bei den Beamten, falls auf einer Seite der Lokalisten jemand einen Selbstmord oder einen Amoklauf ankündigt. Tatsächlich ist das im vergangenen Jahr zwei Mal vorgekommen. Die Polizei war rechtzeitig bei den Betroffenen und hat die Suizide verhindert. In den USA führte der Hinweis von einer Myspace-Seite 2005 direkt ins Zimmer eines Jugendlichen, der dort Waffen und Munition gebunkert hatte und mit mehreren anderen offenbar ein Attentat plante. Der Weg zur Polizei verlief jedoch nicht über die Myspace-Zentrale, sondern über den Schulhof, wo viele aufgeregt über die Einträge diskutierten.

"Myspace kann keine Morde oder Selbstmorde verhindern", sagt Mats Wappmann von Myspace Deutschland. Dennoch: "Werden schwer wiegende, dringende Vorfälle gemeldet, sei es von der Polizei oder von Usern, wird Myspace natürlich unverzüglich aktiv." Innerhalb von weniger als einer Stunde liefere der 24-Stunden-Safety-Service Bestandsdaten und IP-Logs, sodass verdächtige Profile sofort gesichert und die Daten gegebenenfalls an die Polizei weitergeleitet würden. "Ein entsprechender Vorfall hat sich bei Myspace Deutschland jedoch noch nicht ereignet", sagt Wappmann. Bisher scheint die Freiwillige Selbstkontrolle der Nutzer zu funktionieren.