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EM-Fernsehkritik, Tag 12: Lierhaus, die fiese Petze

Dass der Fußballabend in der ARD wegen der Sperre für Joachim Löw nicht völlig in Selbstmitleid versank, war einzig und allein Gerhard Delling und Günter Netzer zu verdanken. Dafür zeigte sich Monica Lierhaus von ihrer fiesen Seite - und Waldemar Hartmann erwies sich als großer Fußball-Philosoph.

Von Mark Stöhr

Joachim Löw ist fürs Viertelfinale gesperrt und muss das Spiel heute von der Tribüne aus verfolgen. Das war das beherrschende Thema gestern in der ARD. Wie um alles in der Welt sollen wir gegen die Portugiesen auch nur einen Millimeter Land sehen ohne unseren Schwarzwälder Fährmann auf der Bank? Immer und immer wieder wurde das verbale Techtelmechtel zwischen dem deutschen Bundestrainer, dem Österreicher Josef Hickersberger und dem vierten Schiedsrichter gezeigt. Wurden denn Nasen gebrochen oder Schwestern beleidigt? Nicht die Spur.

Die Experten im "Ersten" überschlugen sich in Unverständnis über den Beschluss der Uefa. Günter Netzer, sonst ein Freund der vornehmen Verschachtelung, geriet für seine Verhältnisse geradezu in Rage: Es habe sich um nichts weiter als eine "Wichtigtuerei par excellence" dieses "überforderten Herrn aus Slowenien" gehandelt und sei eine "selten dämliche Entscheidung". Hellmut Krug, der als ehemaliger Oberschiedsrichter des DFB das Duo Delling/Netzer in dieser kniffligen Causa unterstützte, gab hingegen den Spielverderber: Alles sei "weisungsgerecht" gelaufen, die Trainer dürften für Anweisungen bis an den Rand der Coaching Zone und müssten danach wieder auf der Bank Platz nehmen. Also da, wo Co-Trainer Hansi Flick heute Abend mutterseelenallein sitzen wird.

Lierhaus petzte wie eine Streberin

Es läuft mal wieder alles gegen uns. Gerade Córdoba mit Ach und Krach umschifft und jetzt die rote Karte für ein bisschen Ringelpietz mit Anfassen. Monica Lierhaus, die gute Fee des deutschen Hauptquartiers, zeigte sich von ihrer fiesen Seite und petzte wie eine Streberin auf dem Schulhof: "Andere Trainer springen und brüllen wie die Derwische am Spielfeldrand herum!" Das Beweismaterial wurde prompt geliefert. Der türkische Imperator Fatih Terim durchschritt die Coaching Zone wie ein Raubtier die Zirkusmanege, der Russen-Coach Guus Hiddink rempelte den vierten Offiziellen gar um. Alles eine große Verschwörung wie so oft. Und nicht die einzige: "Der Regen, die Türken und die Schweizer haben den Rasen in Basel komplett zerstört", bellte Lierhaus im Brustton der Empörung. In Windeseile wurde für 200.000 Euro ein neuer Rollrasen verlegt. Und auf diesem unsicheren Geläuf sollen unsere Filigrantechniker ihr gefürchtetes Kombinationsspiel aufziehen? Unvorstellbar. Von den Kollegen aus Portugal war dabei mit keinem Wort die Rede.

Dass der Fußballabend in der ARD nicht völlig in Selbstmitleid versank, war einzig und allein Gerhard Delling und Günter Netzer zu verdanken. Würden sich Podolski und Co. so zielgenau die Bälle zuspielen wie diese Beiden, müsste niemandem um das Erreichen des Halbfinales bange sein. Selbst den diagnostizierten Rippenbruch von Torsten Frings - Lierhaus übermittelte die böse Kunde mit Totengräbermiene - nahmen sie als Anlass für einen kleinen amüsanten Schlagabtausch. Netzer: "In einem Europapokalspiel spielte ich einmal mit einer gebrochenen Rippe. Mein Gegenspieler wusste das und rammte mich schon in der ersten Minute." - Delling: "Aber Sie haben mannhaft weitergespielt." - Netzer: "Ja, wir haben verloren." Die ZDF-Comedians von "Nachgetreten" brauchen für noch viel schlichtere Dialoge ein ganzes Heer von Autoren.

Delling und Netzer verzeiht man einiges

Da verzieh man Delling auch gerne seine üblichen pointensüchtigen Nationalklischees ("Der schwedische Trainer Lagerbäck verhält sich so, wie es sich für einen Ikea-Bastler gehört: Er hat für jedes Teil den perfekten Bauplan") und Netzer seine verqueren ethnografischen Ausflüge ("Die Asiaten machen von ihrem Naturell her immer das, was der Chef ihnen sagt"). Die Akte Löw ließ sie aber bis zum Schluss nicht los. Dem Schweden-Coach wurde ein unstatthaft langer Aufenthalt am Rande der Coaching Zone attestiert, als würde fortan in diesem badetuchgroßen Bereich über Wohl und Wehe einer Partie entschieden.

Ganz spät, als Waldemar Hartmann schon auf seinen Einsatz im "EM Club" wartete, meldete sich dann noch einmal Monica Lierhaus aus Basel. Sie war sichtlich geknickt darüber, dass Joachim Löw die Sitzung mit seinen Getreuen einem Interview mit ihr vorgezogen hatte. "Hier darf ein Mann seinen Beruf nicht ausüben", hauchte sie mit zittriger Stimme ins Mikrofon. Aus einer fragwürdigen Sperre war inzwischen ein Berufsverbot geworden. Dabei kann die Wahrheit manchmal so einfach sein. Das bewies Waldemar Hartmann mit einem Satz von Jean Paul Sartre: "Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit des Gegners." Waldi zitiert Sartre - das war die eigentliche Sensation des Abends.

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