Kolumne - Neulich im Netz Endlich: Deutschland wieder mittel

Man konnte es ja auch nicht mehr hören: Schlagerwettbewerb, Fußball, Wirtschaft, Bildung - immer null Punkte, immer Letzter. Damit ist jetzt Schluss: Deutschland nutzt sein Aufholpotenzial.

Man konnte es ja auch nicht mehr hören: Schlagerwettbewerb, Fußball, Wirtschaft, Bildung - immer null Punkte, immer Letzter. Damit ist jetzt Schluss: Deutschland nutzt sein Aufholpotenzial.

Das behaupten zumindest die Zahlenjongleure des Europäischen Statistikamtes Eurostat. Demnach nutzt jeder zweite Bundesbürger das Internet. Das ist zwar noch lange nicht Spitze, langt aber immerhin für Platz sieben. Ganz vorn: Die Nordeuropäer. Island, Schweden und Norwegen mit 81, 77 und 75 Prozent. Wie zu erwarten war, wenn man sich schon frühmorgens die Tristesse aus Brackwetter und Arbeitslosigkeit schön saufen muss und folglich zu voll ist, um irgendetwas Vernünftiges anzustellen.

Beckham - eine arme Wurst wie man selbst

Armes Nordeuropa. Anders hier. Hierzulande hat man keine Zeit für so etwas. Es gibt wichtigere Dinge: Jammern, schlecht über Nachbarn reden, über Ausländer auch und gelegentlich Nachbarn und Ausländer kennen, die eigentlich doch ganz o.k. sind. Aber das sind ja nur Ausnahmen. Und sich schlussendlich gallegrün daran ergötzen, dass David Beckham, die Multimillionen einmal außen vor gelassen, doch genauso eine arme Wurst ist wie man selbst.

Und die, die sich nicht für metrosexuell halten, vertändeln ihren Tag eben mit Internet. Muss es ja auch geben, man will ja schließlich nicht den Anschluss verpassen. Teutonia hat von Thomas Gottschalk über Oskar Lafontaine bis Karl Moik schließlich genug Gestrige. Im Zeitalter der vergessenen Greencard braucht es Signale, dass es wieder vorangeht in dieser gleichermaßen von guten Geistern wie begnadeten Straßenfußballern verlassenen Republik.

Man muss nicht wegdenken, was niemand beachtet

Grund zur Hoffnung könnte das zweite Ergebnis der Rechenknechte von Eurostat geben: 95 Prozent der deutschen Unternehmen verfügen angeblich über einen Internetzugang. Das reicht für Platz vier. Damit, folgern Experten, sei das Internet "aus dem täglichen Alltagsleben" auch in Deutschland nicht mehr wegzudenken. Muss es auch nicht, es wird ja eh nicht beachtet. Ein Blick über die größtenteils erbärmlichen Webauftritte deutscher Firmen spricht für sich. Wer Zweifel hegt, schickt am besten eine E-Mail mit einer Kundenanfrage an seine Versicherung oder seine Bank oder sonst einen Dienstleister, der keine Ahnung von Tuten und Blasen, aber einen Webzugang hat. Internet? Klar, ich bremse auch für Pakistanis.

Tröstlich, dass selbst die Mischung aus geballter Ignoranz, Inkompetenz und Dummheit für einen Platz im Mittelfeld langt. Andernorts scheint man nur unwesentlich aufgeschlossener, kreativer und weniger beschränkt. Oder liegt es am Hochprozentigen, den die Skandinavier schon zum Frühstück in sich schütten?

<a class="link--external" href="mailto:stern@ha-net.de">Thomas Hirschbiegel</a> DPA

Mehr zum Thema



Newsticker