Kolumne - Neulich im Netz PC-Archäologie: Keiner stiehlt unsere Tussen


Ganz schön staubig im Reliquienschrein einer vergangenen Zeit - Hekatomben von Kaltgerätesteckern, Grafikkarten, skurrilen Technikdinosauriern und Disketten mit indizierten Spielen. Eine Reise in die Vergangenheit - Aufräumen in der PC-Redakteursstube.

Irgendwann musste es sein: Ärmel hochgekrempelt und ab in die tiefsten Ecken eines Metallregals, das aus einer Zeit stammt, als der Kurs der T-Aktie noch dreistellig war und die Herren Schambach und Haffa als Heilsbringer einer neuen Generation galten. Die Herren sind gegangen, bescheiden oder andernorts potent, doch das Regal ist geblieben. Und bietet so manches Schätzchen.

Vergessener Speichergigant

24 Treiber-CDs für Matrox-Grafikkarten sind nicht prickelnd, und auch die Kiste mit der goldigen Aufschrift "Kaltgerätestecker" beeindruckt nur ob ihrer schier unglaublichen Größe. Beinahe könnte man meinen, der Atomausstieg der so genannten rot-grünen Regierung wurde überhaupt erst möglich, weil all diese Geräte nun kalt gesteckt respektive gestellt sind. Ein erstes Highlight: der Backer.

Ein kleines Kästchen, etwas größer als eine VHS-Videokassette (das sind die Dinger im Regal hinter der DVD-Sammlung). Was kann der Kleine? Er erlaubt, den PC an einen Videorecorder anzuschließen und eine VHS-Kassette (das sind die Dinger im ...) zur Datensicherung zu verwenden. Ganze vier Gigabyte Daten können so geschrieben werden. Das muss im zweiten Jahrtausend wirklich sensationell gewesen sein. Auch wenn die eigene Erinnerung daran mehr als trübe ist. Vier Gigabyte sind vermutlich der gesamte Welt-Mailverkehr der Jahre 93-99, grob geschätzt. Heute versurft ein durchschnittlicher Clerasil-Jünger das in einer knappen Woche, und in das Notebook passen theoretisch 15 volle Videokassetten. Der Backer, so der Packungsaufdruck, sei zum Patent angemeldet. Erteilung unbekannt.

Es gibt nur einen wahren Duke

Als dann die flache Pappkiste beim Akrobatieren von ganz oben nach ganz unten durchrasselt und ihren Inhalt auf einer Fläche von sechs Quadratmetern preisgibt, die nächste Überraschung: Duke steht mit silbernem Stift darauf und dann präzise durchnummeriert. Das muss ein legendäres PC-Spiel sein, das schnell auf den Index kam, wohl, weil der ur-amerikanische Superheld Sprüche abließ, die cooler waren als jeder Terminator: "Nobody steals our chicks and lives..."

Die anfängliche Panik verfliegt langsam, die Neugier erwacht. Ein Multi-Schaltgerät zur Videobearbeitung auf zwei VHS-Geräten, einem PC und noch irgendwas anderem weckt mehr Interesse denn je, der tonnenschwere Papierordner "Controlling mit Excel" hingegen fliegt ungewürdigt in die ganz große Ablage. Preziosen der PC-Spielgeschichte von "Myst" bis "Commandos" ziehen vorüber, Steuerprogramme für mindestens vier verschiedene Finanzminister und immer wieder Start- und Treiberdisketten. Wenn der Stapel vor der Tür nicht immer größer würde, das Vergnügen wäre grenzenlos.

<a class="link--external" href="mailto:stern@ha-net.de">Guido Augustin</a>

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