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Kolumne Neulich im Netz: Titanen 2003: Die Wurz und weitere Giganten

Bonn ist wieder da. Titanenwurz sei Dank. Sie wächst und wächst und will gar nicht mehr aufhören zu wachsen. Via Web nimmt die ganze Welt teil. Das ist schön. Noch schöner, dass Internet mit Duftnote noch Zukunftsmusik ist.

Bonn ist wieder da. Titanenwurz sei Dank. Sie wächst und wächst und will gar nicht mehr aufhören zu wachsen. Via Web nimmt die ganze Welt teil. Das ist schön. Noch schöner, dass Internet mit Duftnote noch Zukunftsmusik ist.

Denn die Titanenwurz, ihren Freunden auch bekannt als Amorphophallus titanum, verbreitet einen Gestank, dass man am liebsten davonlaufen möchte. Hätte uns Mitteleuropäer eigentlich leidlich egal sein können, dass die Wurz selbst verstopfte Grippenasen sprengt mit ihrem bestialischem Aasverwesungsaroma. Ist es aber nicht, weil der florentinische Botaniker Odoardo Beccari im Jahr 1878 nichts Besseres zu tun hatte, als den floralen Stinker aus seiner angestammten Heimat in der Südsee zu entführen. Jetzt ist sie da, verpestet seit Dekaden das Rheinland und hat nun Rekordhöhe erreicht: 274 Zentimeter - und ein Odeur jenseits aller Vorstellung.

Von der Wurz zur Eintracht - und zurück

Jenseits allem Fassbaren ist übrigens auch der Wiederaufstieg der Frankfurter Eintracht in die Bundesliga. Schließlich hieß der Aufsteiger selbst in der 93. Minute noch Mainz 05, doch dann kam die 94. Minute und Alex Schur zum Kopfball. Eintracht drin, Mainz raus. Kaum einen hat das wohl mehr gefreut als den unvergleichlichen Thomas Kilchenstein, seines Zeichens Sportredakteur der Frankfurter Rundschau und nicht erst seit einem Samstagnachmittag im Mai 1992 herzzerreißend mitfühlend und leidend an seiner Passion - ebenda, als die Eintracht Deutscher Meister hätte werden müssen. Aber alles vergeigte.

Der Balkon sollte Wurz-freie Zone bleiben

Zurück zur Titanenwurz: 75 Kilo wiegt die unterirdische Knolle, sechs Meter ragt ein einzelnes gefiedertes Blatt in die Höhe. Auch aus diesen Gründen eignet sich die Wurz nicht unbedingt als Balkonpflänzlein. Stichwort: Handwerkerpfusch. Und schneller als man sich versieht, liegt man auf der Straße in den Trümmern des unzureichend ausgeführten Freisitzes. Was dann kommt, kann man sich leicht vorstellen: Briefwechsel, Anwalt, Streit und schlaflose Nächte, weil die Baufirma entweder jede Verantwortung ablehnt oder nicht mehr haftbar zu machen ist, weil pleite. Am Bau herrscht derzeit ohnehin keine gute Stimmung, denn niemand baut. Gibt’s dann doch einmal einen Auftrag, geht dem ein verheerendes Dumping voraus. Wo schließlich wieder eingespart wird, ist spätestens klar, wenn Balkon, Titanenwurz und man selbst abstürzen.

Titanenhaft gekämpft und doch abgestunken

Vor dem Absturz in die Tristesse kann sich hoffentlich der bemitleidenswerte FSV Mainz 05 retten. Titanenhaft gekämpft, eine grandiose Saison gespielt und dann doch alles vergeigt. So kam es für den sympathischen Verein aus der Provinz nun schon zum dritten Mal. 1997 ließen die Rheinhessen Wolfsburg vorbei, 2002 Bochum und nun die Konkurrenz vom Main. Immer am letzten Spieltag, immer mit Tränen. Und immer mit dem Willen, in der nächsten Saison wiederzukommen. Wie auch die Titanenwurz.

Thomas Hirschbiegel