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Nachbarschaftsnetzwerke: Komm doch mal rüber

Große Wohnblöcke, kaum Kontakte: Wer seine Nachbarn endlich mal kennenlernen möchte, kann auf neue Internetangebote zurückgreifen. In den USA versuchen Nachbarschafts-Websites, Bewohner aus ihrer Anonymität zu reißen und im realen Leben zusammenzuführen.

Von Thomas Soltau

Soziale Netzwerke wie Facebook oder MySpace haben es vorgemacht: Das Web will in immer schnelleren Zeiten kuschelig werden. Wer möchte, findet über die Online-Plattformen Ersatzfamilien und kann sich über allerhand Befindlichkeiten austauschen. Bislang oft über Ländergrenzen hinweg, so dass ein Kontakt im "richtigen" Leben selten zustande kommt. Die Idee hinter Portalen wie LifeAt aus New York ist deshalb denkbar einfach. Hier steht die unmittelbare Nachbarschaft im Fokus: das Haus und die Gegend, in der man wohnt.

LifeAt ist so ein soziales Miniaturnetz, wo die Nachbarschaft Kontakte knüpft und Handel treibt. Jedes Haus hat seine eigene, passwortgeschützte Seite, zu denen in der Regel nur Bewohner Zugang haben. Aus purer Nächstenliebe agiert das New Yorker Web-Unternehmen freilich nicht - Chef Matthew Goldstein verlangt Cash von Hausbesitzern, die ihr Gebäude vernetzen wollen.

Marode Mauern und der Italiener um die Ecke

Für eine einmalige Gebühr von 6.000 Dollar bekommen Hauseigentümer dann eine Webseite, auf der sich ein Grundgerüst für Mieter zum Informationsaustausch befindet. Dabei geht es neben der privaten Diskussion in Foren auch um Bewertungen: In welchem Fitnessstudio lässt es sich am besten trainieren, und bei welchem Italiener um die Ecke schmecken Nudeln besonders lecker? Jeder Hausbewohner kann die Einträge dann nach Lust und Laune ergänzen. Auch als Kummerkasten dient die Website. Denn zur Sprache kommen selbst unangenehme Themen wie kaputte Heizungen, zu laute Nachbarn oder marode Wände. Einen Flohmarkt gibt es außerdem: Wer etwa einen gebrauchten Fernseher verhökern will, postet sein Angebot einfach in der entsprechenden Rubrik.

Um das Projekt langfristig zu finanzieren, sprechen die Macher von LifeAt regionale Unternehmen an, damit sie gezielt Werbung schalten. Vor allem für Anbieter lokaler Dienstleistungen kann sich die Investition lohnen, wie das Beispiel einer Frau zeigt, die Schwangere und deren Partner berät. Sie musste gleich mehrere Angestellte anheuern, um die plötzlich auf sie hereinbrechende Nachfrageflut zu bewältigen, weiß die "New York Times" zu berichten. Die Zeitung selbst gehört übrigens auch zu den Anzeigenkunden von LifeAt. Bislang scheint das Konzept zu funktionieren: Immerhin hat die Firma in gut sechs Monaten 335 Gebäude für das Nachbarschaftsnetzwerk gewinnen können.

Sozialer Gegenentwurf: I-Neighbors

Während hinter LifeAt kommerzielle Interessen stecken, verfolgt Soziologe Keith Hampton aus Pennsylvania einen selbstloseren Ansatz: "Ich biete den Leuten nur eine neue Möglichkeit, sich bei ihren Nachbarn eine Tasse Zucker auszuborgen", erklärt Hampton den Zweck des von ihm im Jahre 2004 entwickelten sozialen Online-Netzwerks I-Neighbors. Das gemeinnützige Projekt wird unter anderem vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) finanziert.

Mittlerweile nutzen knapp 50.000 Menschen in den USA die Möglichkeit, ihren Nachbarn mal von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Die Untersuchungsergebnisse von Keith Hampton sprechen dabei eine klare Sprache: Einwohner in einem nachbarschaftlichen Online-Netzwerk haben im Laufe eines Jahres mit durchschnittlich neun Nachbarn Kontakt aufgenommen. In Wohngegenden ohne Nachbarschaftsportal bleibt man hingegen anonym.

Im Internet werden diese Projekte durchaus kontrovers diskutiert. Schließlich stellen die Mitglieder der Nachbarschaftsnetzwerke alle möglichen privaten Daten ins Internet, wenn auch von einem Passwort geschützt. Aber es gibt ja noch einen einfacheren Weg um Menschen zu begegnen - einfach mal auf die Straße gehen. Da braucht man kein Log-in, und auch das Passwort ist überflüssig.

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