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Offener Brief an 13-jährige Facebook-Kritikerin: Wir sind sowas von hinterher!

Facebook sei was für Omas, schrieb eine Dreizehnjährige in einem US-Blog. Teenager nutzten es jedenfalls nicht, die wären längst woanders. stern.de-Redakteurin Susanne Baller zieht den Hut.

Liebe Ruby,
du bist 13 Jahre alt und hast schon einen Text auf der Social-Media-Nachrichten-Website Mashable veröffentlicht, herzlichen Glückwunsch!! Dein Artikel ist ein viel gelesenes, zigtausend Mal geteiltes und heiß diskutiertes Stück, denn du hast Facebook zu einem Dienst für Eltern und Omas erklärt - und du weißt, wovon du sprichst. Du hast bereits im Mai 2012 bei einem Tumblr-Event darüber berichtet, wie sehr diese Blog-Plattform dein Leben verändert hat. Da warst du zwölf. Und hast dabei Tumblrs CEO David Karp getroffen. Ich weiß, ihr seid nicht verwandt, hast du ja geschrieben damals. Ich erwähne das nur, um deine Erfahrung zu verdeutlichen, denn du bist wirklich fit in den sozialen Netzwerken und auf allen Kanälen aktiv.

Gut, du hast auch ganz schön früh angefangen! Mit sieben hast du den Facebook-Account deiner Mutter nutzen dürfen, um Quizfragen zu beantworten und Spiele zu spielen, denn zu Facebook darf man offiziell erst mit 13. Sowas käme bei uns niemals infrage! In Deutschland wird sich intensiv darum bemüht, Kinder viel länger von diesen Dingen fernzuhalten. Aber vielleicht sind die Dreizehnjährigen hier auch genau deswegen noch bei Facebook. Sie nutzen es allerdings etwas anders, als Mark Zuckerberg das geplant hat. Das muss man ihnen immerhin lassen.

Die Anwesenheit der Eltern mache Facebook für Teenager unattraktiv, sagst du. Stimmt, wir waren zuerst da. Und ja, die meisten von uns lassen ihre Kinder nur rein, wenn sie sich mit ihnen befreunden. Aber du kannst dir bestimmt leicht vorstellen, dass Eltern die Ersten sind, die ausgeblendet werden und für die die Pinnwand ihres Kindes eine weiße Fläche ist. Da werden sich unsere Länder nicht unterscheiden. Welcher Teenie so weit nicht gehen mag, der bespricht die wirklich relevanten Dinge eben in einer Gruppe, von deren Existenz die Eltern nicht einmal wissen. Und Liebesgrüße wie "Hello sweet pie!" schreiben die Mamas hier auch nur einmal an die Wall, dann gibt es eine klare Ansage und ein Posting-Verbot vom Kind. Für dich ist das aber bereits ein Ausschlusskriterium. Ich glaube, du bist da insgesamt weiter.

Deutsche Teenies sind leidensfähig

Die Neuerungen, die deutsche Teenies ebenso nerven wie dich, umgehen sie. Doch das ist mühsam. Aber wir sind da offenbar leidensfähig. Irgendwie keine Entdecker. Da heißt es lapidar, wer sich auf Bildern für alle sichtbar markieren lässt, ist selber schuld, und wir arbeiten uns durch schier endlose und extrem gut versteckte Privatsphäre-Einstellungen. Unsere Teenies nehmen das immer noch in Kauf. Geht ja nicht anders.

Geht sehr wohl anders, sagst du, und empfiehlst Instagram, Vine und Snapchat. Oder irgendwas anderes, was gerade neu und hip ist, denn Facebook strenge sich zu sehr an, cool und hip zu bleiben. Die neuen Features schrecken dich ab, weil sie dir viel zu aggressiv beworben werden. Das verstehen wir! Ihr Teenies wollt die Dinge allein entdecken, sagst du. Das scheinen die 13-Jährigen hier außerhalb des WWW zu tun. Sie nutzen WhatsApp. Tag und Nacht. Mal gucken, wie lange noch.

Ich folge dir jetzt auf Twitter.
Liebe Grüße, Susanne

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