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Offener Brief an den Gema-Aufsichtsrat: "Wir machen keine Lobbyarbeit für Youtube"

Eine stern.de-Satire zum Rechtsstreit zwischen Youtube und der Gema sorgt für viel Wirbel im Netz. Nun äußert sich Chefredakteur Frank Thomsen in einem offenen Brief an den Gema-Aufsichtsrat.

Es sollte eine Satire sein, nicht mehr, nicht weniger. Doch eine stern.de-Fotostrecke zum Rechtsstreit zwischen der Videoplattform Youtube und der Verwertungsgesellschaft Gema sorgt seit Tagen für hitzige Diskussionen im Netz. In einem offenen Brief wandte sich die Gema an stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen.

Darin heißt es: [M]it Bestürzung und Empörung haben wir als Urheber und Mitglieder der GEMA den Online-Artikel "Neue Frustbilder für die GEMA" auf Stern-Online zur Kenntnis genommen. [...] Statt den Kern des Problems zwischen GEMA und Youtube – und sei es satirisch – dazustellen, nehmen Sie eine hämische Verkürzung vor und machen sich damit zum Instrument einer internationalen Kampagne."

Auch auf dem Facebook-Auftritt des stern schlug der Beitrag große Wellen, bislang finden sich dort (Stand: 01.02.2013, 16 Uhr) 367 Kommentare.

Hier nun antwortet stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen:

Sehr geehrte Frau Sikorski, sehr geehrte Herren, mit Bestürzung und Empörung haben Sie eine Satire auf zur Kenntnis genommen. Leider nicht mit Humor.

Die Gema, also Sie, geht gegen Youtube vor, weil dort aufgrund der noch immer ungeklärten Vergütungsfrage bei der Verwendung von Musikvideos vielfach der Hinweis erscheint: "Dieses Video ist in Deutschland nicht verfügbar, weil es möglicherweise Musik enthält, für die die erforderlichen Musikrechte von der Gema nicht eingeräumt wurden." Sie halten das für Stimmungsmache seitens des Konzerns Google/Youtube gegen Sie, die Künstler, weil es insinuiert, dass Sie an der Situation einseitig Schuld trügen.

Wir haben Ihre Unterlassungsklage zum Anlass genommen, uns auszumalen, wie Youtube die Hinweise noch einseitiger, noch gemeiner, man könnte auch, wenn man den Zorn von Google nicht fürchtet, sagen: das Urheberrecht noch mehr mit Füßen tretend gestalten könnte. Das war der Nachrichtenkontext am vergangenen Montag, als das Satire-Stück entstand. Das ist uns offenbar so harsch/lustig/empörend/missverständlich, jedenfalls satirisch geraten, dass nicht nur Sie, sondern auch einige User irritiert waren und die satirischen Warnhinweise mit unserer Meinung verwechselten. Wir hatten daraufhin den Zusammenhang im Stück bereits klarer herausgearbeitet.

Sind wir der Meinung, dass man Musikvideos klauen sollte, dass Künstler kein Geld verdienen sollten, betreiben wir gar "Lobbyarbeit für einen Großkonzern", wie Sie schreiben? Also, bitte! Das glauben Sie nicht im Ernst. Dass für den stern das Urheberrecht wichtig ist – und eine moderne Neuausgestaltung desselben –, versteht sich von allein. Es ist für unser aller Schaffen ähnlich grundlegend wie, zum Beispiel, die Meinungsfreiheit. Betreiben wir mit diesen Aussagen nun wieder Lobbyarbeit gegen einen Großkonzern? Nein, wir machen unsere Arbeit, zu der auch einordnen, bewerten, kommentieren zählt – mal besser, mal weniger gut.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Frank Thomsen

Frank Thomsen