HOME

Rainer Richard: Der Pornojäger

Rainer Richard hat einen ebenso heiklen wie ekligen Beruf: Er fahndet im Internet nach Käufern und Verkäufern von Kinderpornografie.

Es gibt Bilder, da weiß man schon beim ersten Anblick, dass man sie nie mehr vergessen wird. Die sich wie Brandzeichen lodernd ins Gedächtnis eingraben, die sich nicht vergessen und nicht verdrängen lassen, die zu sperrig sind, um sie irgendwann einmal in eine Erinnerungslücke werfen zu können. Bilder, die man ein Leben lang mit sich herumtragen muss, eine widerliche, schwere Last.

Verkauft für 3.000 Dollar

Kriminalhauptkommissar Rainer Richard sieht solche Bilder jeden Tag. Fotos von gefolterten Kindern, mit Stricken um den Hals oder die Hände, mit Brandwunden und grausigen Blutergüssen am Körper. Manchmal sieht er vergewaltigte Säuglinge. Bilder von Frauen, denen Fleischerhaken durch die Brüste getrieben werden. Minutenlange Filme von gefesselten, schreienden Mädchen, denen verrückte Sadisten vor der Kamera die Schamlippen auf einem Holztisch festnageln. Er weiß von Müttern, die ihre elfjährigen Töchter an Kinderschänder verkaufen, für 3.000 Dollar, zuweilen weniger.

Plötzlich steht er vor ihrer Wohnungstür

Manchmal ist Rainer Richard wochenlang auf der Jagd nach den Tätern. Streift am Computer durch die virtuellen Welten, die sich Pädophile im Internet erschaffen haben, über geheime Webseiten, durch Chaträume und Newsgroups. Manchmal bleiben die Täter unauffindbare Phantome, schwarze Schatten auf der dunkelsten Seite des Netzes. Manchmal entwischen sie Rainer Richard, kurz bevor er sie stellen könnte, die Händler, die Sammler, die Käufer. Manchmal spürt er sie auf, trotz ihrer falschen Namen, ihrer anonymisierten Adressen und verschlüsselten Kennwörter. Und dann steht er plötzlich bei ihnen vor der Wohnungstür.

Überall liegen Klamotten, es stinkt nach Pisse

Diesmal findet er zwei Männer in einem Drei-Zimmer-Apartment im fünften Stock eines Münchner Hochhauses. Die Tür lässt sich gerade so weit öffnen, dass sich die Beamten mühsam durch den schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen zwängen können, Mülltüten verstellen den Weg. Überall liegen Klamotten, zerrissen, verdreckt, von den Wänden ist der Putz abgeschlagen, es stinkt nach Pisse. In der Küche stapelt sich das Geschirr im Spülbecken, Maden kriechen langsam über die Essensreste auf den Tellern. Es ist, als ob ein eigenartiger Zusammenhang bestehen würde zwischen der äußerlichen Verwahrlosung der Wohnung und der innerlichen Verwahrlosung der Menschen, die in ihr wohnen.

In einem der Zimmer liegen zwei Matratzen zwischen achtlos verstreuten Disketten und CD-Roms. Zwei Computer stehen am Boden - die armselige, aber funktionsfähige Schaltzentrale eines Mailbox-Systems, über das monatelang Kinderpornografie angeboten und verkauft wurde. Material aus der ganzen Welt, zusammengeklaubt von den perversesten Seiten im Internet: kleine Mädchen, halbwüchsige Jungs, misshandelt, missbraucht, auf Film, auf Fotos; für ein paar Mark, mit der richtigen Telefonnummer und einem Zugangscode aus dem Computer herunterzuladen. Das System funktioniert wie ein Faxabruf, nur dass man statt auf ein Faxgerät auf fremde PCs zugreifen kann: völlig simpel, völlig anonym. Die zwei Männer haben sich das Apartment geteilt und auch den mageren Gewinn ihres Geschäfts. Beide sind erst Anfang 20.

Routine-Operation

Kriminalhauptkommissar Rainer Richard erzählt von der Festnahme so ausdruckslos wie ein Arzt, der eine erfolgreiche Routine-Operation meldet. Er sitzt an einem kleinen Ecktisch in seinem Münchner Büro, wischt gedankenverloren eine Staubfluse von der Tischplatte.

»Die Festnahme war ein Erfolg, oder?« Er schaut nach draußen. Schön ist es draußen. Die Sonne wirft kräftige Strahlen durch die schrägen Dachfenster. »Zwei weniger.« Er neigt den Kopf leicht zur Seite. Er schaut wie einer, der mehr weiß als andere. Glücklich sieht er nicht aus.

Wie ein Verkehrspolizist auf einer zehnspurigen Autobahn

Vielleicht hat er den furchtbarsten Beruf der Welt. Jedenfalls fällt es schwer, sich einen noch furchtbareren vorzustellen. Rainer Richard fahndet seit sechs Jahren nach Verbrechen im Internet, und er findet vor allem Kinderpornografie. Allein im Großraum München werden jedes Jahr rund 80 Wohnungen durchsucht, weil bei den Bewohnern dringender Verdacht auf Besitz oder Handel mit Kinderpornos besteht. 141-mal haben Richard und seine acht Kollegen des Kommissariats 343 im Jahr 2000 Anzeige wegen Kinderporno-Delikten erstattet und die Daten an die Ermittler der Landeskriminalämter oder an Interpol weitergegeben. Weitere 1.008 einschlägige Seiten haben die Kollegen des BKA in Wiesbaden mit ihrer »Zentrale für anlassunabhängige Recherchen in Datensätzen« (ZaRD) gemeldet. Zusammen macht das 1.149 illegale Adressen im Netz. Eine Menge - und fast gar nichts: Nach zuverlässigen Schätzungen wächst das World Wide Web jeden Tag um 20.000 Pornoseiten, viele davon haben strafbare Inhalte. Etwa 10.000 Menschen klicken sich allein in Deutschland Nacht für Nacht durch Websites, Chaträume und vor allem Newsgroups, die Stammtische des Internets, um Kinderpornos und Gewaltvideos zu tauschen oder zu kaufen. Bei solchen Zahlen muss sich Richard vorkommen wie ein einsamer Verkehrspolizist an einer zehnspurigen Autobahn, auf der Tausende volltrunkene Raser unterwegs sind.

Die Täter sind überall auf der Welt. Im niederländischen Zandvoort, in München, Los Angeles, in Moskau. Es gibt keine genauen Zahlen, es sind zahllos viele Täter, zahllos viele Opfer, verteilt auf die Unendlichkeit des Netzes. »Es sind mehr, als man glauben kann«, sagt Richard.

Was der Beruf mit ihm macht...

Eine Sisyphusarbeit. Kinderpornografie hat es immer schon gegeben, aber das Internet macht die Verbreitung und den Zugang so leicht wie noch nie. Und die scheinbare Anonymität im Netz macht grausame Menschen noch grausamer. Richard erzählt von fürchterlichen Verstümmelungen, von Kinder-Sex mit Pferden, von »Fehlprogrammierungen menschlicher Gehirne«. Wie er das überhaupt aushält, fragt man sich. Wie sich das anfühlt, gegen die Unendlichkeit des Internets anzutreten. Die düstersten Ecken der Menschheit auszuleuchten. Wie er ihn macht, diesen Beruf. Und was der Beruf mit ihm macht.

Ausreden: »Beweise sammeln«, »soziologisches Interesse«

Richard arbeitet normalerweise von Viertel nach sieben bis 16 Uhr, oft auch Nachtschicht, »da sind ja auch die meisten unserer Kunden im Netz unterwegs«. Er schummelt sich unter Decknamen in Pornobörsen ein, tauscht E-Mails mit potenziellen Händlern, sucht auf Seiten mit oft mehreren hundert Fotos nach offensichtlich Minderjährigen. Manchmal erwischt er Täter wie den 35-jährigen Erzieher, der die 60 Kinderporno-Bilder auf seinem Rechner angeblich nur gespeichert hat, um Material für eine Klage gegen einen Internetprovider zur Hand zu haben. Oder wie den 39-jährigen Vater einer kleinen Tochter, bei dem 200 Bilder entdeckt wurden, die er angeblich aus »soziologischem Interesse« gesammelt hatte. Große Fälle wie die, bei denen in den vergangenen Wochen zweimal ganze Händlerringe aufflogen, sind die Ausnahme.

Vor sechs Jahren wurde das Münchner Kommissariat 343 gegründet, um unter dem unverbindlichen Visitenkarten-Vermerk »EDV-Beweissicherung« im Internet nach Verbrechen zu fahnden. Richard war von Anfang an dabei, meldete sich damals freiwillig: »Ich kenne mich ganz gut mit Computern aus. Es bot sich an.« Ein bedächtiger, stiller Bayer, der sich am Telefon mit »Gott zum Gruße« meldet und sich schon vor der mittleren Reife gegen eine Ausbildung zum Elektroniker und für eine Karriere bei der Polizei entschieden hatte, wegen der besseren Bezahlung. Richard ist 41 Jahre alt, Beamtenbesoldung A 11, da bleiben mit Frau und Kind gut 4.500 Mark netto. Er trägt seine Haare kurz, seinen Ehering schon seit 15 Jahren; seine Frau arbeitet beim Fernsehen. Zuverlässig wirkt er: einer, den man beim Skatabend gern die Punkte zählen lässt. Redet in flüssigem Beamtendeutsch, vom »Dienstweg« und vom »Kollegenkreis«, trägt Krawatten mit bunten Mustern und gelegentlich auch gar keine. Er wohnt in einem Vorort von München - ein Reihenhaus mit Garten. Ob er zu Hause von seiner Arbeit erzählt? »Nein, fast nichts.« Eine lange Pause. »Das muss nicht sein.«

»Und wo gehen Sie dann hin mit den Bildern in Ihrem Kopf?«

»Ich versuche, sie nicht hineinzulassen.«

»Funktioniert das?«

»Nicht immer.«

»Und dann?«

»Rausgehen. Eine Viertelstunde spazieren. Das hilft.«

Er hat schon viel Schlimmes gesehen. Drei Jahre als Bereitschaftspolizist, zwei Jahre auf Streife, dann ging er zur Kripo - erst zum Dezernat »Raub und Erpressung«, dann zwei Jahre zum »Kriminaldauerdienst«, unter anderem beim Dezernat »Leichensachbearbeitung«. Er hat tödliche Unfälle untersucht, Bahnleichen geborgen, musste Angehörige nach einem Todesfall benachrichtigen. Manchmal kam er nach dem Dienst zu Hause an, und seine Frau hat ihn gefragt: »Hattest du wieder eine Leiche?« - »Der Geruch setzt sich fest, da kann man duschen, wie man will.« Alles nicht vergleichbar mit dem Job, den er jetzt macht. »Aber ich bin belastbar.«

Es gibt solche Menschen: robust wie Panzer, geländegängig auch in tiefstem Morast. Die Sätze sagen wie: »Es gibt wichtigere Dinge als Spaß bei der Arbeit.« Den Polizeipsychologen, der die Beamten des Dezernates 343 bei Bedarf betreuen würde, hat noch keiner in Anspruch genommen.

Sein Menschenbild? »Die meisten Menschen sind gut. Aber viele sind schlecht.«

Und Sex? Wie kann eine Nacht Spaß bereiten, nach einem Tag voller Perversionen? »Es geht.« Er lächelt. »Geht schon.«

In sich blicken lässt er nicht

Der Kriminalhauptkommissar redet nicht viel. Er hat einen Schutzwall aus kühler Routine um sich herum gebaut - so dick und fest wie die bombensicheren Mauern des Polizeipräsidiums im Münchner Osten, in dem sich sein Büro befindet. Er beantwortet alle Fragen, ruhig, verständig. Und kurz. Er sagt: »Bei Dienstschluss gehe ich aus dem Zimmer raus, mache die Türe zu, und mein Job ist erledigt.« Er sagt, er sei ein »Idealist mit Robin-Hood-Mentalität«. Ein Pragmatiker. »Anders geht es wohl nicht.« In sich blicken lässt er nicht.

Nur ein kleines bisschen.

Was sieht er, wenn er die Augen schließt und sich kurz allein lässt mit sich selbst?

»Das wollen Sie nicht wissen.« Richard nimmt seine Kaffeetasse vom Tisch. Gewinnt ein bisschen Zeit. Fragt dann doch: »Oder wollen Sie?«

»Manchmal sehe ich diesen Film ablaufen«

Er steht auf. Geht die paar Schritte zu seinem Computer, setzt sich an den Schreibtisch, eine Hand hält die bunte Krawatte. Blickt noch mal auf, wie ein Vater, der seinem Kind die Welt zu erklären versucht. »Schauen Sie. Wenn Sie es sehen wollen. Das hier hab ich erst vor ein paar Tagen entdeckt. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich manchmal diesen Film ablaufen.«

Ein kurzer Film, ein Fünf-Sekunden-Schnipsel. Eine junge Frau liegt auf dem Boden eines Wohnzimmers, kaum volljährig, verwirrt und nackt, bewegungslos. Sie ist nicht mehr recht bei Sinnen, aber ihr leises Wimmern ist zu hören. Rote Striemen ziehen sich über ihre Oberschenkel, ihre Hüften. Ihre Beine sind weit gespreizt. Ein Mann schreitet von links ins Bild, nur sein Unterkörper ist zu sehen. In der rechten Hand hält er ein schweres Gewehr, es hängt mit dem Lauf nach unten neben den Beinen. Er stellt sich zwischen die Beine der Frau, das Gewehr hebt sich, zielt auf die nackte Brust der Frau, setzt auf der Haut auf. Dann ein Schuss, ein kurzes, trockenes »Fump«, als die Kugel die Brust der jungen Frau durchschlägt. Ihr Körper wird von der Wucht des Einschusses angehoben, fällt dann leblos.

Leichensachbearbeiter erkennen Tote, wenn sie sie sehen

Für solche Filme werden bis zu 50.000 Dollar gezahlt, erzählt Richard. Ein »Snuff-Movie« aus dem Internet. Ein gefilmter Mord. »Die Frau wird erschossen.« Der Film ist keine Fälschung, kein digitaler Trick. Richard deutet auf die Schmauchspuren, die sich am Bauch der Frau gebildet haben. Der ehemalige Leichensachbearbeiter erkennt eine vorsätzliche Tötung, wenn er sie sieht.

Es reicht jetzt. Ein paar Sachen müsse er noch erledigen, sagt er. Was mit den beiden Männern geschehen ist, die er in dem Münchner Hochhaus erwischt hat? »Geldstrafe. So lange ich dabei bin, wurde in München noch nie eine Haftstrafe wegen des Besitzes oder Handels von Kinderpornografie verhängt.« Beim ersten Mal kommen sie alle mit einer Geldstrafe davon. Ein zweites Mal lässt sich kaum einer erwischen.

Er greift seinen Mantel. Er will nach Hause und sich für den Heimweg Zeit lassen. Sein kleiner Sohn feiert seinen Geburtstag, und Rainer Richard hat einen Film im Kopf und noch kein Geschenk.

Michael Ebert

Themen in diesem Artikel
Kann ich mich auf Geschwindigkeitsanzeige FritzBox verlassen?
Hallo zusammen, erstmal herzlichen Dank für die Leute, die sich Zeit nehmen Fragen zu beantworten oder ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Das ist oft hlifreich, wenn man sich nicht so auskennt. Ich hoffe, dass mir jemand weiterhelfen kann. Die Telekom hat hier nach langer und ersehnter Zeit schnelle Leitungen verlegt. Mitarbeiter waren auch zu Besuch da und auch nett:-) Sie wollten ja auch, dass ich von 1und1 wieder zurück wechsel. Das ist für mich in Ordnung und gehört zum Wettbewerb. Da jedoch die Mitarbeiter mir sagten, dass die Telekom für paar Jahre das Vorrecht hätte, könnte ich schnelles Internet nur über Telekom beziehen. Sprich entweder Telekom und schnelles Internet oder langsames Internet. Da habe ich im Internet recherchiert und rausgefunden, dass das so nicht mehr stimmt. Das war der Grund, warum ich dann bei 1und1 DSL100 abgeschlossen habe, da man mir am Telefon gesagt, dass es ohne Probleme möglich wäre. Nun ist es jedoch so, dass wir gar nicht so merken, dass unser Internet schneller ist. Gerade in der oberen Etage kann man nicht ohne Router surfen oder Sky über Internet Fernsehen. Nun meine Frage: Bei der Fritzbox wird es jedoch angezeigt. Kann ich mich drauf verlassen? Oder wie macht ihr eure Messungen? Ich weiss, dass es Software gibt, aber der feste Rechner ist bereits alt und hat einen alten Internet Explorer drauf. Wenn ich mit einem Laptop im Wlan mich reinhänge, wird sicher die Geschwindigkeit sowieso niedriger und nicht verwertbar sein, oder? Vielen Dank für die Antworten.