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Gerichtsverfahren Schweinekadaver in der Post: Ebay-Kritiker berichten über den Terror durch Angestellte des Konzerns

Ex-Ebay-Mitarbeiter in USA angeklagt - kritische Blogger bedroht?
Weil sie sich in ihrem Newsletter kritisch über Ebay geäußert hätten, sollen damalige Mitarbeiter von Ebay einem amerikanischen Blogger-Paar unter anderem Kakerlaken geschickt haben 
© Ben Margot / DPA
In einem Newsletter berichtet ein Ehepaar öfter kritisch über den Ebay-Konzern - und tritt eine Welle des Psychoterrors durch Mitarbeiter gegen sich los. Jetzt erzählen Ina und David Steiner erstmals, was genau ihnen widerfahren ist.

Die Anklage schlug weltweit Wellen: Sechs Ebay-Mitarbeitern, inklusive des ehemaligen Sicherheitschefs, wurde vorgeworfen, zwei Kritiker des Unternehmens systematisch terrorisiert zu haben. Jetzt wurde der erste von ihnen zu einer Haftstrafe verurteilt. Und die Mobbing-Opfer Ina und David Steiner waren erstmals bereit, ihre Seite einer Geschichte zu erzählen, die man bislang nur aus den Gerichtsakten erahnen konnte.

Alles fing mit einem Graffito an, erzählen die beiden in ihrem ersten Interview mit dem "Boston Globe". Ein Nachbar wies David darauf hin, dass jemand etwas an ihren Zaun gesprüht hätte, berichtet er. Das gesprühte Wort: "Fidomaster". "Es ergab keinen Sinn", so Ina. "Ich habe sofort gegooglet, ob es ein Wort ist, das die Jugend benutzt."

Vom Ebay-Seller zur Zielperson

Doch das war nicht der Fall. Fidomaster, das war das Pseudonym eines Lesers ihres Newsletters. Die beiden betreiben das Portal "EcommerceBytes", das sich mit dem Konzern Ebay beschäftigt, Tipps zum Verkauf gibt und auch mal die strategische Ausrichtung des Konzerns kritisiert. Auch viele ihrer Leser konnten das nachvollziehen - oder waren wie Fidomaster noch kritischer. Doch mit dem Graffito konnte das Paar trotzdem nichts anfangen. Warf man ihnen vor, Fidomaster zu sein? Steckte die Person selbst dahinter? "Das war wirklich zermürbend", erinnert sich Ina Steiner. Doch es war nichts im Vergleich zu dem, was danach folgen sollte. 

Eigentlich wollten die Steiners nie jemandem schaden. Als Ebay noch sehr neu war, hatten sie 1999 begonnen, Flohmärkte zu durchstöbern, um mit den Verkäufen bei Ebay Geld zu verdienen. Dabei bemerkten sie: Auch gute Stücke gingen manchmal unter Wert weg, wenn die Strategie nicht stimmte. Mit ihrem Newsletter, der zunächst "Auctionbytes" hieß, wollten sie anderen Verkäufern Tipps geben, wie es besser klappte. Im Laufe der Veränderung des Konzerns, passte sich auch der Newsletter an, sie änderten den Namen und äußerten immer öfter Kritik am Unternehmen. Und zogen dabei wohl auch seinen Zorn auf sich.

Das zeigen interne Nachrichten des Konzerns, die im Rahmen des Gerichtsverfahrens gegen sechs Mitarbeiter als Beweismittel aufgenommen wurden. Demnach hatte sich der damalige CEO Devin Wenig bei seinem Kommunikationschef Steve Wymer über die Berichterstattung des Paares aufgeregt: Sie hatten berichtet, dass er als CEO mehr als 152-mal soviel verdiene wie kleine Angestellte. Wymer wiederum gab die Beschwerde an den globalen Sicherheitschef James Baugh weiter. Der dann laut der Anklage die Dinge gemeinsam mit einem kleinen Team selbst in die Hand nahm. Und eine Terrorkampagne gegen die Steiners begann. 

"Es war wirklich furchteinflößend"

Zunächst begann es nach dem Graffiti noch harmlos, berichtet das Ehepaar. Plötzlich hätten sie Dutzende Newsletter erhalten, für die sie sich nicht angemeldet hatten, von Selbsthilfegruppen für Darmbeschwerden über die in den USA formell organisierte Kirche Satans bis zu harten Sex- und SM-Gruppen. Dann folgte eine Beschimpfungswelle bei Twitter. Noch dachten sich die beiden nichts dabei. "Wenn man lange genug um Internet unterwegs ist, lernt man die Trolle nicht zu füttern", glaubt Ina. Deshalb habe sie zunächst reagiert wie immer: "Einfach nicht reagieren, sie nicht ermutigen."

Doch leider blieb es nicht bei digitalen Belästigungen. Zwei Tage nach der ersten Twitter-Tirade klingelte das Telefon. Ein Ausstopf-Unternehmen wollte ihre Bestellung noch einmal gegenprüfen, weil die Bestelladresse nicht mit der Kreditkarte übereinstimmte. Die georderte Ware: der Kadaver eines Ferkels. "Ich dachte: Jetzt geht es los, von online in die echte Welt", erinnert sich Ina. "Es war wirklich furchteinflößend."

Manche 50-Euro-Scheine sind ein kleines Vermögen wert

Nachdem sie die Bestellung storniert hatten, entschieden sie sich, die Polizei einzuschalten. Noch als ein Polizist im Haus war, kam der nächste Schock. In einem gerade gelieferten Paket entdeckte die vor Schreck kreischende Ina Haare und Haut. Es handelte sich um eine blutige Schweinsmaske aus einem Film der Horrorreihe "Saw". Der Polizist nahm auch dieses Paket in seinen Bericht auf.

Schwarze Vans und nächtliche Besuche

Danach eskalierte die Situation immer weiter. An David adressiert kam ein Buch zum Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen an, ein Paket lebende Spinnen- und Fliegenlarven. Ein Bote legte einen 255 Dollar teuren Totenkranz für David ab. 

Dann erschienen die dunklen Vans. Immer wieder tauchten schwarze SUVs mit New Yorker Kennzeichen um das Haus der Steiners in Nattick, Massachusetts auf, folgten ihnen durch die Stadt. "Wir hatten das Gefühl, in Gefahr zu sein. Wir fühlten uns wie ein Ziel", so Ina. "Ich kann mich immer noch genau erinnern, wie mir die Haare zu Berge standen", erinnert sich David an eine Verfolgungssituation. Als die verzweifelt gerufene Polizei ankam, war der Van verschwunden.

Schlaflose Nächte

Für das Ehepaar begannen Tage der Angst. Sie schliefen getrennt, um rechtzeitig wach zu werden, sollte einem von ihnen etwas passieren. Als David einmal schlaflos nachts um 4:30 Uhr aus dem Fenster sah, kam plötzlich ein Mann über den Rasen. Nachdem David ihn anschrie, reagierte der geschockt: Er sollte nur eine Pizza an die beiden ausliefern. "Wir dachten, er hat eine Schusswaffe", erinnert sich die verängstigte Ina. Das Gefühl blieb. "Man konnte diesen reinen Terror nicht abschalten, es gab keinen Schalter", beschreibt David, was das Paar durchlitt.

Dann kam der Durchbruch. Als ihm wieder ein Wagen folgte, gelang es David, vor einer Polizeistation mit dem Smartphone einen Schnappschuss des Nummernschildes zu erwischen. Kurze Zeit später klickten die Handschellen: Der Wagen war einem Ebay-Mitarbeiter zugeordnet worden. Die internen Nachrichten des Teams zeigten, dass sie wussten, dass sie in der Klemme steckten. Doch nach zwei weiteren Salven von Tweets war der Albtraum der Steiners zu Ende.

Eskalierte Kampagne

Wie groß die Verschwörung gegen sie war, erfuhren sie erst durch die folgende Ermittlung gegen den Internetgiganten, an der auch das FBI beteiligt war. Ohne das Wissen der Steiners hatten sich einige Mitarbeiter von Ebay in einem Ritz-Hotel in der Heimatstadt der beiden eingebucht. Sie planten der Anklage zufolge sogar, einen Tracker am Auto der Steiners anzubringen, scheiterten aber daran, dass ihr Wagen in der geschlossenen Garage geparkt war. Das Ehepaar hatte davon nichts mitbekommen.

Wie es genau zu der Eskalation kam, ist nur schwer nachzuvollziehen. Nachdem im letzten Sommer erstmals Klage gegen die sechs Angestellten erhoben worden war, ließ der gerade abgeschlossene erste Prozess gegen einen der Beteiligten erste Einblicke zu. "Es ist völlig verrückt", gab sich selbst die zuständige Richterin Allison Burroughs fassungslos. "Die Idee, dass sich erwachsene Menschen zusammensetzen und diesen Plan aushecken, ist für mich unbegreiflich."

Erster Täter verurteilt

Entsprechend hart fiel das erste Urteil aus: Der ehemalige Polizist, Philip Cooke, damals bei Ebay als Sicherheits-Manager angestellt, wurde zu 18 Monaten in Haft sowie 15.000 Dollar Geldstrafe verurteilt. Er gab an, von seinem Vorgesetzten Baugh "manipuliert" worden zu sein, er habe viele noch weitergehende Pläne mit Einwänden verhindern können.

Ebay reagierte schnell, entließ alle angeklagten Mitarbeiter und startete eine eigene Untersuchung. Die kam zu einem klaren Ergebnis: Man habe keine weitere Schuld beim höheren Management finden können, erklärte der Konzern in einer ausführlichen Entschuldigung bei dem Paar. Eine Folge gab es aber trotzdem: CEO Devin Wenig wurde wenige Monate nach dem ersten Bekanntwerden des Skandals entlassen, der Vorfall habe trotz fehlender Beweise "eine Rolle gespielt", so der Konzern. Not leiden muss Wenig aber trotzdem nicht: Seine Abfindung betrug knapp 57 Millionen Dollar.

Quellen:Boston Globe, Ebay, The Verge


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