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Selbstdarstellung bei Facebook & Co.: Vergesst das Online-Image!

Ob Ihr Arbeitgeber Ihr Facebook-Profil durchforstet oder Ihr Zahnarzt Ihren Namen googelt: Kümmern Sie sich nicht drum. Auch andere Leute haben im Internet einen schlechten Ruf.

Eine Glosse von Lucy Kellaway

Wird es irgendwann von jedem peinliche Fotos im Netz geben?

Wird es irgendwann von jedem peinliche Fotos im Netz geben?

Die Kontrolle über den eigenen Onlineruf behalten zu wollen, ist vergebliche Liebesmüh. Der Zug ist abgefahren. Die Leichen sind aus dem Keller und toben durchs Internet, und jeder kann ungestraft über eine Firma oder eine Person herziehen, wie es ihm gefällt.

Und das dicke Ende kommt erst noch. Demnächst startet eine Website, die nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert wie der US-Dienst Yelp, auf dessen Seiten man vom Restaurant über Fitnesscenter bis zur Autowerkstatt alles Mögliche bewerten kann. Während Verbraucher dort und auf anderen Seiten bisher allerdings nur anonym über Unternehmen lästern können, dreht es sich bei dem neuen Angebot um Menschen. Auf einer Website sollen alle hässlichen und weniger hässlichen Dinge gesammelt werden, die jeder über jeden zu erzählen hat.

Ist das nicht egal? Eigentlich schon, findet der Chefredakteur des Weblogs <linextern adr="http://techcrunch.com/2010/03/28/reputation-is-dead-its-time-to-overlook-our-indiscretions/">Techcrunch. Unser Onlineruf sei nicht zu kontrollieren, aber es drohe keine echte Gefahr, weil uns das nicht wehtun könne, schrieb Michael Arrington vor einigen Tagen.

Selbst Jesus hat im Netz Probleme

Ich habe diese Theorie überprüft und deshalb zu einem Mann recherchiert, der offline einen ziemlich guten Ruf genießt: Jesus Christus. Jesu Onlinepräsenz dagegen sollte seinem PR-Team Schweißperlen auf die Stirn jagen. Erster Treffer bei der Google-Suche ist die Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Dort erfährt man, dass Jesus zu den wichtigsten Personen der Geschichte gehört und er möglicherweise vor 1980 Jahren von den Toten auferstanden ist.

Von da an geht es bergab. Nächster Treffer ist "Jesus Dress Up!". Hier kann man einem ans Kreuz genagelten Jesus unterschiedliche Kostümchen anziehen, etwa Stiefel in Purpur und rosa Höschen.

Kaum besser sieht's bei Twitter aus. Jesus scheint in vielerlei Form unter uns zu sein, mit dem Blackberry in der Hand und eifrig Tweets verschickend. Jesus, JesusHChrist, Jesus_Christ und Dutzende ähnliche Schreibweisen bringen im Namen des Gottessohns sonst was unters Volk.

Wie wirkt sich all das auf den Ruf Jesu aus? Überhaupt nicht, würde ich sagen. Das sind zufällige, bedeutungslose Dinge, und es würde mich wundern, wenn irgendjemand deswegen seine Meinung zu Jesus Christus ändern würde.

Aber es zeigt, dass er ziemlich berühmt ist. Viele Menschen sind an Jesus interessiert, wenn auch nicht ganz so viele wie etwa an Lady Gaga. An meinem Testtag gab es fünfmal so viele Tweets zur Popsängerin wie zu Jesus.

Nun könnte man sagen, dass Jesus ein schlechtes Beispiel ist, weil er um die 2000 Jahre älter als das Internet ist, weil die Leute insgesamt mehr an ihn glauben als an Sie oder an mich oder weil er schon seit vielen, vielen Jahren tot ist.

Aber auch wir, die wir noch leben und nicht so viele Gefühle auslösen wie Jesus, sollten uns keine allzu großen Gedanken machen, was unsere Onlinepräsenz anbelangt. Im Internet sind Indiskretionen Massenware. Wenn die Personalabteilungen sich tatsächlich um Facebook-Fotos von Trinkgelagen scheren würden, bekäme kaum jemand unter 30 mehr einen Job. Und negative Aussagen? Sind noch unwichtiger. Jeder, der mit etwas Erfolg die Karriereleiter hochgeklettert ist, kann anonyme Schimpftiraden über sich finden.

Als ich das erste Mal etwas Gemeines über mich las, habe ich mich noch aufgeregt. Aber das Leben ging trotzdem weiter, und niemand sonst hatte das Gemeine überhaupt zur Kenntnis genommen. Beim nächsten Mal war ich schon gelassener. Bei Teenagern scheint diese Strategie nicht zu funktionieren, aber Erwachsene können sich offenbar ein dickeres Fell zulegen.

Was heißt hier verletzte Privatsphäre?

Dennoch scheinen sich die Leute ungebührlich viel Gedanken über die Dinge zu machen, die im Internet über sie geschrieben stehen. Während vergangene Woche einige Blogger argumentierten, dass der Onlineruf eigentlich tot sei, gerieten andere in Rage, weil - oh Schreck, oh Graus - einige Ärzte offenbar ihre Patienten googeln. Einem Artikel in der Fachzeitschrift "Harvard Review of Psychiatry" zufolge sind die Gründe dafür Neugier, Voyeurismus und Gewohnheit. Doch einige Patienten sehen ihre Privatsphäre dadurch verletzt.

Das ist doch nun aber irgendwie bizarr, oder? Wenn sich weltweit 1,7 Milliarden Menschen etwas per Mausklick im Internet aufrufen können, ist es nicht sonderlich privat. Deutlich intimer ist doch zum Beispiel all das, was der Arzt von meinem Körper zu sehen bekommt. Nicht, dass ich mich deswegen freuen würde, wenn meine Ärztin mich googelte. Auch ich wäre sauer - die Termine bei meinem örtlichen britischen Gesundheitszentrum sind schließlich nur fünf Minuten lang. Davon soll die Ärztin gefälligst nicht noch drei Minuten für den Versuch verschwenden, nach irgendwelchem Onlineschmutz über mich zu suchen.

FTD