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Soziale Netzwerke: Profiteure des Protests

Das Studentennetzwerk StudiVZ hat seine Geschäftsbedingungen geändert. Aus Angst, dass persönlichen Nutzer-Daten an Werbeunternehmen verkauft werden könnten, wandern Mitglieder zu anderen Netzwerken. Unkommerzielle Newcomer wie Kaioo profitieren von dem noch kleinen Zustrom der Protestler.

Von Thomas Soltau

Thomas Kreye freut sich, er ist Gründer des unkommerziellen sozialen Netzwerks Kaioo. Jeder Überläufer von StudiVZ, der größten deutschen Social Community, bestätigt ihn und sein Werk. Frustrierte Mitglieder von StudiVZ wechseln aus Protest an den neuen Geschäftsbedingungen derzeit auf andere Portale. StudiVZ veröffentlichte zwar eiligst eine strengere Fassung der Geschäftsbedingungen, doch die beruhigte nicht alle. Bis zum 9. Januar hatten die Mitglieder Zeit, die neuen AGBs zu akzeptieren. Wer diese Änderungen ablehnt, fliegt bis 31. März aus der Gemeinschaft. Das zeigt Wirkung. Protestaktionen mit Aufforderungen zum Übertritt zu Kaioo machten bei StudiVZ die Runde.

Täglich 1500 neue Mitglieder

"Wir begrüßen bei uns täglich rund 1500 neue Mitglieder - viele von ihnen sind 'Flüchtlinge'", erzählt der Gründer und Geschäftsführer von Kaioo. Des einen Freud, des anderen Leid. Dirk Hensen, Pressesprecher von StudiVZ, bestätigt den Verlust von Mitgliedern. "Gerade mal ein Prozent hat uns verlassen. Bei 4,6 Millionen Usern ist das ein relativ geringer Schwund. Wir sind absolut gelassen." Den Zustrom zum Konkurrenten Kaioo beziffert Hensen dagegen auf maximal 100 Protestler. "Für uns ist das nicht alarmierend, wir sehen da keinen Trend. Trotzdem ärgert es uns, wenn Nutzer vom Portal verschwinden", sagt der Pressesprecher.

Doch was fasziniert die Internet-Gemeinde an unkommerziellen Angeboten wie Kaioo? Im Grunde genommen passiert auf der neuen Netzwerk-Plattform, die seit Mitte November online ist, nicht viel anderes als bei StudiVZ. Auch hier flirten die Leute oder beichten, mit welchen Cocktails sie sich am Wochenende besoffen haben. Selbst 59-Jährige tummeln sich im Forum mit der Forderung "nach ein paar Granaten" für die Kiezkicker vom FC St. Pauli. Ein digitales Poesiealbum also, für alle einsehbar. Nur der Zweck ist ein anderer als bei etablierten Netzwerken wie Facebook oder StudiVZ, hinter denen große Konzerne stehen: Das gemeinnützige Projekt spendet alle generierten Werbeeinnahmen für wohltätige Projekte. "Unsere Mitglieder sollen bestimmen, wohin das Geld geht. Gezielte Werbung oder die Weitergabe von Daten an Dritte schließen wir aus. Schließlich müssen wir keine Gewinne machen", so Thomas Kreye.

Großzügiger Spender

Bislang finanziert sich Kaioo einzig durch Spenden, größter Geldgeber ist SonyBMG-Vorstandschef Rolf Schmidt-Holtz. Geschäftsführer Kreye lernte ihn während seiner Zeit als Business-Development-Manager bei Bertelsmann kennen und konnte den damaligen Vorstandsvorsitzenden von der Idee überzeugen. "Herr Schmidt-Holtz und seine Familie waren von der Idee begeistert und haben nach einem Familienrat die Finanzierung aus privaten Mitteln zugesagt."

Seit einem gutem halben Jahr kümmert sich der Ex-Manager Kreye hauptberuflich um das Spendenportal. Seinen lukrativen Job gab er für den "Traum von einer wirklich sozialen, demokratischen und völlig unabhängigen Gemeinschaft im Internet" auf – nun sitzt er in einem winzigen Büro am Hamburger Rödingsmarkt. Die Kosten von rund einer halben Millionen Euro werden für zwei Jahre von Schmidt-Holtz übernommen. Danach, so hoffen die Initiatoren, trägt sich Kaioo durch Werbung und Spenden. Bei nur zwei festen Mitarbeitern und angeblich geringen Gehältern dürfte das Vorhaben nicht illusorisch sein.

Werbeeinahmen in größerer Form erwarten die Hamburger erst durch die massive Vergrößerung der Community. "Im November haben wir die Beta-Version mit 3500 registrierten Mitgliedern gestartet. Als es die Ankündigung gab, die AGB bei StudiVZ zu verändern, schwappte plötzlich eine regelrechte Flut von Interessenten zu uns rüber. Aktuell liegen wir bei etwa 25.000 Mitgliedern", so Kreye. Im Gegensatz zu 4,6 Millionen Nutzerprofilen auf StudiVZ oder den über 50 Millionen Nutzern von Facebook ein kleiner Fisch. Der Geschäftsführer von Kaioo hofft jetzt auf einen stetigen Zuwachs der Mitgliederzahl. Nächster Schritt sei es, so Thomas Kreye, die 100.000-Marke zu knacken. Der weltweite Werbemarkt für soziale Netzwerke lag laut Kreye im letzten Jahr bei zwei Milliarden Dollar.

Mythos des Underdogs

"Im Gegensatz zu MySpace, facebook oder StudiVZ stehen keine großen Konzerne hinter uns, die auf Gewinnmaximierung aus sind. Als gemeinnützige Organisation können wir gar nichts in unsere eigenen Taschen stecken. Unser Ziel ist es, mit den von unseren Nutzern generierten Werbeeinnahmen Menschen zu helfen", erklärt Kreye. Das Prinzip der Spendengenerierung sei relativ einfach: Dadurch, dass der Nutzer Zeit bei Kaioo verbringt, mache er die Plattform interessant für Werbeunternehmen, die wiederum Anzeigen schalten. Bis es soweit ist, benötigen die Macher aber noch einige Tools, um die Attraktivität der Website zu steigern. Allein das "Robin Hood-Prinzip", das Kaioo den Mythos eines Underdogs beschert, der sich um das Wohl der Menschheit kümmert, reicht auf Dauer nicht aus. Immerhin: Für Februar kündigt Kreye die Einführung einiger neuer Funktionen auf Kaioo an.

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