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Umgang mit Facebook Rein in die sozialen Medien!


stern-Kolumnist Jörges fordert den Facebook-Boykott. Für stern.de-Redakteur Güßgen dämonisiert er soziale Medien. Nutzer sollten lernen, mit dieser tollen Kulturtechnik umzugehen.

In seiner stern-Kolumne, die Sie hier auch online nachlesen können, fordert Hans-Ulrich Jörges den großen Facebook-Exodus. Als Akt des zivilen Widerstands. Gegen den Daten fressenden Moloch. Gegen Mark Zuckerberg, den Dark Lord in Jeans und T-Shirts. Gegen die fiese Fratze des milliardenschweren Börsengängers. Bürger, lasst das Glotzen sein. Kommt herunter, reiht euch ein. Die rhetorische Leidenschaft der Polemik ist dabei wunderbar. Sie greift auch ernst zu nehmende Ängste im Umgang mit Facebook im Besonderen und sozialen Medien im Allgemeinen auf. Allein: Jörges macht sich für die falsche Lösung stark. Er verteufelt nicht nur Facebook, sondern dämonisiert pauschal das Leben in dieser digitalen Lebenswelt, in der sich immerhin über 20 Millionen Deutsche bei Facebook registriert haben. Im Kino läuft derzeit ein Film mit dem Titel "Kein Sex ist auch keine Lösung". Ähnlich verhält es sich mit den sozialen Medien: sie machen eine Menge Spaß, haben einen gewaltigen Nutzen - aber schaffen mitunter auch Probleme. Auf sie zu verzichten, wegzurennen, ist jedoch keine Lösung. Mündige Bürger müssen lernen, mit ihnen umzugehen - ob sie nun Facebook, Google+ oder Twitter oder Sonstwie heißen.

Falscher Fokus auf längst bekannte Kritikpunkte

Um Facebook als das moderne Böse porträtieren zu können, stellt Jörges in seiner Kolumne lange bekannte Binsen über Facebook als neue Erkenntnisse dar. Er überhöht Wahrheiten, die nicht falsch, keineswegs irrelevant, aber schon lange in der Diskussion sind, die einen Bart haben wie der Dekalog. Das alles lenkt davon ab, sich ernsthaft und konstruktiv mit der richtigen und sicheren Nutzung von Facebook auseinanderzusetzen. Dass etwa Mark Zuckerberg kein Chorknabe ist, weiß die Welt spätestens seit David Finchers grandiosem Film "The Social Network"; das Image eines gutmenschengetriebenen "philantropischen Projekts", das Jörges Facebook zuschreibt, ist ebenfalls schon lange als Mär entlarvt. Dass hier knallhart gewinnorientierte Konzerne am Werke sind und keine Internet-Unos, hat sich spätestens seit der Debatte um den Datenschutz der Ex-Weltverbesserer von Google herumgesprochen. Ihre Unschuld haben die Digital-Giganten längst verloren, auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Ihr Geschäfts- und Erfolgsmodell, ihr DNA-Code, ist hinlänglich bekannt. Für ihre Leistungen - die Suchfunktion, den Eintritt ins soziale Netzwerk - verlangen sie kein Geld, sondern die Daten der Nutzer. Die verwandeln sie in Gold. Daten, nicht Dollar, sind die Währung des, jaha, freiwilligen Deals zwischen Nutzern und Konzernen. Der anstehende Börsengang, den Jörges nun vermeintlich scoopartig als "hart, kalt und finanzkapitalistisch" enthüllt, ist auch keinesfalls überraschend. Seit mindestens einem Jahr ist er Gegenstand heißer Spekulationen und mancher feuchter Träume - und hat beileibe nicht den Charakter einer Demaskierung Facebooks. Man kann ihn sogar positiv wenden: er wird die Kontrollmöglichkeiten über den Konzern verbessern und steht, wenn wie erwartet ein Erfolg, für eine nachgefragte Geschäftsidee.

Unbestritten ist dabei, dass die sozialen Medien Risiken entstehen lassen, dass Facebook & Co. Schindluder mit unserem Privatesten treiben können - wenn wir es ihnen denn anvertrauen. Es ist etwa brisant, Facebooks Timeline zum Dokumentar des eigenen Lebens zu machen. Wie groß die Risiken sind, ließ sich mit einiger Häme allein am Dienstag bestaunen, als der Dark Lord höchstpersönlich zum Opfer wurde. Die Welt konnte unter anderem bezeugen, wie Zuckerberg ein geschlachtetes Huhn - welch' diabolische Symbolik - in die Höhe hob. Auch ist es durchaus eine Gefahr, dass Facebook oder Google oder Apple oder Amazon, dass die Giganten künftig versuchen, uns in ihre Lebenswelten einzuschließen, in ihre jeweilige Matrix. Es ist ein Risiko, dass sie sich zu unfassbaren Fürsten unserer Lebensgrammatik aufschwingen. Allein: Selbst wenn man diese Herausforderungen kennt und benennt - so ist es der falsche Weg, davor einfach wegzurennen. Aus mehreren Gründen.

Facebook kann auch einfach Spaß machen

Zum einen macht das Leben mit Facebook, Google Plus, Twitter & Co. vielen Menschen schlicht Spaß. Es hat, trotz aller Risiken, einen gewaltigen Mehrwert. Man mag trefflich darüber streiten, welche Rolle die Plattform nun tatsächlich bei den diversen arabischen Aufständen gespielt hat. Man mag mit einem Schulterzucken auf die Belanglosigkeiten reagieren, die da ausgetauscht werden. Aber für viele Menschen hat Facebook einen wie auch immer gearteten subjektiven Nutzen. Sonst würden sie dort nicht so viel Zeit verbringen. Jörges hingegen sieht nur die Gefahren, schreibt von einer gefühlten "Pflicht", sich digital vernetzen zu müssen. Er verkennt dabei: für viele Nutzer sind die sozialen Medien Lebensbestandteil, technische, soziale, kulturelle Errungenschaften. Wie das Fernsehen, das Radio, wie Print- oder Onlinemedien. Es ist lebensfremd, einfach Abstinenz zu fordern. Es wäre so, als würde man grundsätzlich aufs Telefonieren aus Angst vor dem Abhören verzichten, aufs Internet aus Angst vor dem Bundestrojaner.

Nur: Was sind die Alternative zum hasenfüßigen Boykott? Eine Alternative bestünde theoretisch darin, den Staat das soziale Leben im Netz organisieren zu lassen. Aber davor bewahrt uns bitte, Ihr Himmelsmächte. Denn jedwede Diskussion, die wir heute über die Vorratsdatenspeicherung führen, käme uns im Nachhinein vor wie Kinderfasching, wenn wir ein staatliches Facebook auf einem Server im Hause von Innenminister Friedrich einrichten würden.

Lernt, mit den sozialen Medien umzugehen!

Nein, die staatliche Alternative ist wenig attraktiv. Sinnvoller ist es, auf die Eigenverantwortung der Konsumenten, die Mechanismen des Marktes und auf das steuernde Eingreifen des Staates zu setzen, um die Risiken der sozialen Medien einzudämmen. Das Motto muss lauten: Nutzen Sie die sozialen Medien, haben Sie keine Angst davor. Aber bringen Sie eine vernünftige Portion Misstrauen mit. Seien Sie vorsichtig. Wer nicht sein ganzes Leben öffentlich im Internet ausgebreitet haben will, der soll, so einfach ist das, einfach genau abwägen, was er grundsätzlich im Netz - ob bei Facebook oder sonst wo - von sich preis gibt. Wenn Ihnen die Schutzmechanismen bei Facebook nicht genügen, gucken Sie, was Google Plus Ihnen bietet. Nutzen sie ihre Marktmacht nicht durch Abstinenz, sondern vielleicht durch einen Wechsel. Dass es hier noch einiges zu leisten ist, etwa was die Möglichkeit betrifft, Profile vom einen zum anderen Anbieter mitnehmen zu können, steht außer Frage. Aber mündige Konsumenten können Veränderungen erzwingen. Vielleicht gibt es irgendwann dann auch eine Art Facebook-Dienst, der garantiert keine Daten verwendet, aber dafür eine Gebühr erhebt. Wer weiß das schon? Wer weiß auch, ob das ein Deal wäre, den Nutzer überhaupt eingehen würden? Die Konzerne können es sich jedenfalls de facto schon heute nicht leisten, sich dem Anpassungsdruck komplett zu verschließen. Denn sie haben längst begriffen, dass ihr größtes Kapital neben den Daten in Gefahr ist: das Vertrauen, erworben durch Transparenz. Und auch wenn es für nationale Parlamente schwierig ist, dem Global Player Facebook per schnödem Gesetz Paroli zu bieten, so ist die Politik keineswegs machtlos. Das Netz ist kein rechtsfreier Raum.

Jörges schreibt von Facebook als dem "nimmersatten Enteigner des Privaten", der zu einer "dunklen, bedrohlichen Macht" geworden ist. Angesichts dieser Gefahr empfiehlt er, diesen digitalen, sozialen Raum schnellstens zu verlassen: "Raus aus Facebook!", fordert er. Das ist eine sehr zittrige Antwort auf die Herausforderungen der neuen, digitalen Welt, die einer pessimistischen Sicht auf die Chancen und Risiken des Netzes überhaupt entspringt. Ein selbstbewussterer Umgang mit den grandiosen, digitalen Errungenschaften sieht anders aus. Eine optimistischere Sicht besagt: Mündige Bürger gestalten sich ihre Lebensräume selbst, ob analog oder digital. Auch vor den digitalen Herausforderungen laufen sie nicht davon. Deshalb muss das Motto lauten: Geht rein in die sozialen Medien! Lernt, damit kritisch umzugehen! Und genießt dann ihre Wonnen!

Florian Güßgen

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