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Neue Corona-App Luca Ausgerechnet die Fanta 4 zeigen auf, wie die Bundesregierung bei der Corona-Warn-App versagt

Neue Corona-App Luca: Smudo (links) und Michi Beck (Zweiter von rechts) haben die App Luca mitentwickelt.
Smudo (links) und Michi Beck (Zweiter von rechts) haben die App Luca mitentwickelt.
© Jörg Carstensen/ / Picture Alliance
Mit viel Buhei hat die Bundesregierung im Frühjahr die Corona-Warn-App vorgestellt. Und sie dann quasi vergessen. Dass ausgerechnet Musiker das nun vorführen, ist ein Armutszeugnis für die Politik.

Als die Corona-Warn-App im Frühjahr nach langem Warten und mit hohen Kosten fertiggestellt war, war das Schulterklopfen groß. Es handle sich um ein wichtiges Werkzeug im Kampf gegen die Pandemie, lobte Gesundheitsminister Jens Spahn. Selbst Datenschützer und der kritische Chaos Computer Club fanden fast nichts zu meckern. Doch seit dem Frühjahr ist viel passiert. Und die Bundesregierung hat es verpasst, die App für die zweite Welle bereit zu machen. Das zeigt nichts so eindrucksvoll wie der App-Konkurrent Luca.

Die von Smudo und Michi Beck von den Fanta 4 mitentwickelte und beworbene App soll eigentlich nicht mit der Corona-Warn-App konkurrieren, sondern sie nur ergänzen, indem sie die Zettelwirtschaft in Kneipen durch eine Datenschutz-verträgliche und einfacher zu nutzende Lösung ersetzt. Kommt man in die Kneipe oder als Gruppe zusammen, scannen alle Besucher einen Code, das war's. Nach dem Scan sind sie automatisch anonym angemeldet. Persönliche Daten müssen keine hinterlegt werden, um im Falle einer Krankheit informiert zu werden. Dass die Musiker so helfen wollen, die Gesundheitsämter zu entlasten, ist ehrenhaft. Dass es überhaupt einen Bedarf dafür gibt, sollte Jens Spahn und seinen Kollegen zu denken geben.

Wo sind die Cluster?

Statt den Sommer zu nutzen, um die App auf die zu erwartende zweite Welle vorzubereiten, blieb die mit 20 Millionen Euro Entwicklungskosten nicht besonders günstige App viel zu lange auf dem Stand vom Anfang. Dass Fehler nur langsam behoben wurden, ist schon ärgerlich genug. Dass aber nicht einmal die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in die App einflossen, ist bei einer App des Gesundheitsamtes eigentlich unverzeihlich.

Luca und die Zettellisten, die die App ersetzen soll, sind da am wichtigsten, wo die Corona-Warn-App am eklatantesten versagt: bei der Entdeckung von sogenannten Clustern. Während die Wissenschaft längst erkannt hat, dass die meisten Menschen sich nicht einzeln von einem Infizierten, sondern in der Regel in Clustern von mehr als fünf Personen anstecken, geht die offizielle App weiter vom Treffen Eins-zu-Eins aus. Die Erkennung von Clustern ist nicht nur nicht möglich, sondern wird von der Funktionsweise aktiv verhindert.

Hoffen auf das nächste Jahr

Die Grundüberlegung ist aus Datenschutzgründen durchaus nachvollziehbar: Die App soll nicht aufzeichnen können, wer sich mit wem wo trifft. Und protokolliert daher nur anonym und ohne Zeitangabe, dass zwei Personen sich begegnet sind. Doch zur Erkennung von Clustern ist das ungeeignet. Dabei gäbe es durchaus datenschutzkonforme Varianten. Etwa, dass die App erkennt, ob sie sich gerade nur mit einer Person oder gleich mit mehreren gleichzeitig verbinden kann. Diese eine Zusatzinformation – die Ansteckung fand im Umkreis von vielen Personen statt – würde den Erkenntnisgewinn schon erheblich steigern. Ganz ohne konkret zu speichern, wer sich da nun trifft.

Man wolle die Untersuchung von Clustern über die App prüfen, hatte der Gesundheitsminister zuletzt angekündigt. Und auch die Möglichkeit, die eigenen Kontakte als Liste in der App einzutragen, will man tatsächlich erwägen. Monate nachdem sich die Menschen als Donald Duck in die Listen eintrugen und diese sogar von Strafverfolgungsbehörden ausgewertet wurden.

Doch während die Kneipen und Restaurants unter dem mindestens bis Weihnachten geltenden Lockdown ächzen, dürfen sie wohl kaum auf die App als Retter in der Not hoffen. Obwohl eine vom Nutzer selbstgepflegte Kontaktliste einen Programmieraufwand von wenigen Stunden bedeutet, sei sie nicht vor dem nächsten Jahr zu erwarten, warnte der Minister.

Prost Mahlzeit würde man sagen. Wenn die Restaurants nicht geschlossen wären. Hätte man doch bloß ein paar Monate Zeit gehabt, als die Lage noch ruhiger war.


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