Handybetrug durch "Ping"-Spam Bei Rückruf Betrug


Mit Anrufen, bei denen das Mobiltelefon nur einmal klingelt, wollen Betrüger arglose Handybesitzer zum Rückrufen teurer Mehrwertnummern animieren. Aktuell besonders dreist: eine spanische Firma, die "garantierte Gewinne" verspricht.
Von Jörg Isert

Die Firma hat einen klangvollen Namen: "Costa Blanca de Informatica y Telekommunicaciones SL". Das klingt seriös - ist es aber nicht. Irgendwo im Großraum Köln hat das Unternehmen einen Computer stehen, der nur seine Pflicht tut. Die sieht konkret so aus: Ein Wählprogramm wählt tausende Handynummern an und lässt es einmal klingeln. Hebt ein Angerufener doch einmal schnell genug ab, hat er zwar niemanden in der Leitung, aber, genauso wie die anderen Handybesitzer, eine deutsche Rufnummer im Display. Mit diesem Trick sollen Verbraucher zum Rückruf verleitet werden. Nach Angaben von Verbraucherschützern sind die sogenannten "Ping-Anrufe" ein zunehmendes Problem. Dahinter steckt meist eine üble Abzockmasche.

Eine Kölner Vorwahl - das könnte der einstige Kollege sein. Also drücke ich die Rückruftaste: 0221/29875010 - und schon beginnt der Wahnsinn: "Schön, dass wir Sie doch noch erreicht haben", meint eine Frauenstimme allen Ernstes zu der Tatsache, dass ich es bin, der anruft. Aber ich lasse den Unsinn weiterlaufen. Die einschmeichelnde Stimme vom Band süßraspelt weiter: "Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen. Und zwar bis zu 3000 Euro als Sach- oder Geldpreis - und daran besteht kein Zweifel. Denn die Auslosung erfolgt unter notarieller Aufsicht." Und für jene, die noch Zweifel haben: "Ja, Sie haben richtig gehört - die Auslosung erfolgt unter notarieller Aufsicht. Und Sie haben garantiert einen Sach- oder Geldpreis im Wert von bis zu 3.000 Euro gewonnen. Sie sind also ein echter Glückspilz. Damit wir Ihnen den Preis überreichen können, müssen Sie lediglich folgende Nummer anrufen: 0900/3101554. Der Anruf kostet nur 1,99 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz - und Sie erhalten dafür garantiert eine seriöse und professionelle Abwicklung. Der Preis steht nur kurze Zeit für Sie bereit. Bis gleich."

Ein Wort und die Vernunft verschwindet

Dass man doch kein so großer Glückspilz ist, sollte man eigentlich spätestens bemerken, wenn die teure Rufnummer erwähnt wird. Dass viele Menschen dennoch jede Vernunft fahren lassen, liegt laut Brigitte Sievering-Wichers von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg an einem Wort: "Sobald mit einem 'Gewinn' gelockt wird, vertrauen viele Bürger darauf, dass sie wirklich etwas gewonnen haben - und machen Dinge, die sie sonst nie tun würden." Sievering-Wichers spricht Klartext: "Wir beobachten wieder verstärkt, dass 0900-Nummern zur Abzocke missbraucht werden."

Also gut, die Gelduhr tickt. Wieder ist die Dame mit der seriösen Nachrichtensprecherinnen-Stimme zu hören. "1000 Haushalte in Deutschland haben nur heute die Möglichkeit, einen der folgenden Preise zu erhalten. Einen bis 3000 Euro schweren Geldpreis oder einen tollen Sachpreis im Wert von bis zu 1500 Euro. Sie müssen lediglich den einfachen Anweisungen folgen und einige Fragen über die Tastatur Ihres Telefons beantworten, um Ihren Preis abzurufen. Danach senden wir Ihnen diesen umgehend nach Hause." Nachdem man seine Telefonnummer eingegeben habe, werde ein Computer überprüfen, ob man einen Geldpreis oder einen Sachpreis erhalte. Ich gebe die Nummer ein. Es folgen Synthie-Mucke im Stil der Achtziger - und dann die Worte: "Herzlichen Glückwunsch! Sie erhalten einen tollen Sachpreis im Wert von bis zu 1.500 Euro. Bitte bleiben Sie noch kurz in der Leitung, damit wir Ihnen Ihren Gewinncode durchgeben können." Es folgt eine nervige Frauenstimme, die eine Ziffernfolge vorliest.

Vorgetäuschte Teilnahme

Wer meint, dass es das gewesen ist, irrt. An dieser Stelle geht der teure Spaß erst richtig los. "Wir möchten Sie noch bitten, an unserer kleinen Umfrage teilzunehmen. Dies wird nur einen kurzen Moment dauern und hilft uns dabei, Sie künftig noch besser informieren zu können." Auch so eine Sache - worüber wurde ich denn bitte bisher nur gut informiert? "Es geht los. Wenn Sie Besitzer eines Handys sind, geben sie bitte nach dem Signalton Ihren Mobilfunknetzbetreiber durch Angabe der Ziffer an. Bitte drücken Sie die 1, wenn Sie Kunde bei D1 sind, 2 für Vodafone, 3 für E-Plus", und so weiter. Dass ich die Null für "kein Handy" eingebe, scheint den Computer nicht zu stören: Es folgen 18 weitere Fragen rund um mein Handy. Das ganze Band wird also automatisch abgespielt, auf das Tonwahlverfahren wird gar nicht reagiert. Und so macht es auch nichts, dass ich den Gewinncode, anders als verlangt, nicht mit der Taste 1 aktiviere, sondern einfach warte. Und siehe da: Die Worte "Herzlichen Glückwunsch" kommen auch so. Verbraucherschützerin Sievering-Wichers meint dazu: "Die Gewinnmitteilung ist also nur Mittel zum Zweck, um die Verbraucher lange hinzuhalten und abzukassieren. Diese vorgeschobenen Umfragen sind ein Problem, das zunehmend auch seriösen Marktforschungsinstituten zu schaffen macht - weil die Verbraucher immer mißtrauischer werden."

Zu schlechter Letzt erläutert die Stimme noch, was man machen soll, um seinen Preis zu erhalten. Einen Briefumschlag frankieren, an sich selbst adressieren und inklusive Gewinncode in einen Briefumschlag stecken. Der solle dann geschickt werden an die "Cebit Sociedad Limitada" in Altea. Die freundliche Stimme buchstabiert die ganze Adresse in Zeitlupentempo durch, bevor sie heiter hinzufügt: "Ja, sie haben richtig vermutet, die Anschrift ist in Spanien. Deshalb schreiben Sie ganz unten noch Spanien." Dann folgt der Abschuss-Abschluss: "Reaktionszeiten von acht bis zwölf Wochen sind nicht immer auszuschließen. Sie können sich aber auf jeden Fall auf eine ordentliche Abwicklung verlassen - und wie heißt es so schön: Vorfreude ist die schönste Freude." Aus dieser Vorfreude wird aber vermutlich nie Freude werden, und 21 Minuten und 53 Sekunden hat der "kurze Moment" am Ende insgesamt gedauert. Das entspricht Kosten von 44 Euro. Nicht schlecht für einen Preis, der nun doch nicht "überreicht" wird, geschweige denn "umgehend" nach Hause kommt.

Bis Ende Juni wurden von der "Costa Blanca de Informatica y Telekommunicaciones SL" - vermutlich einer Briefkastenfirma - über vierzig 0900-Nummern registriert. Und die Abzocke nimmt kein Ende: Inzwischen sind es sogar achtzig Nummern, die die Bundesnetzagentur der Firma zugeteilt hat. Die Nummern würden offenbar "der Reihe nach abgenudelt", meint ein Geschasster in einem Verbraucherschutzforum. Das Problem ist: Nach Angaben der Bundesnetzagentur sind vorbeugende Gegenmaßnahmen gar nicht möglich. Die Nummern könnten nicht auf einmal gesperrt werden, viel mehr müsse bei jeder einzelnen Rufnummer überprüft werden, ob sie missbräuchlich genutzt werde. Selbst wenn eine einschlägig bekannte Abzock-Firma die Zuteilung weiterer Rufnummern beantrage, gebe es keine gesetzliche Grundlage, diese zu verweigern. Der Grund: Die nächste Nummer könnte ja lediglich ein Horoskop-Dienst sein.

Maßnahmen gegen neun Nummern

"Momentan haben wir bei neun Nummern dieser Firma Maßnahmen eingeleitet", sagt Rudolf Boll von der Bundesnetzagentur. "Dem Unternehmen wurde das Geschäftsmodell untersagt, außerdem wurde ein Inkassierungsverbot ausgesprochen. Das erste Verbot erging bereits zum 1. Juni, das bisher letzte Ende Juli." Nach Angaben der Agentur sind vorbeugende Gegenmaßnahmen aber gar nicht möglich: Die Nummern könnten nicht auf einmal gesperrt werden. Viel mehr müsse bei jeder einzelnen Rufnummer überprüft werden, ob sie missbräuchlich genutzt wird. Selbst wenn eine einschlägig bekannte Abzock-Firma die Zuteilung weiterer Rufnummern beantrage, gebe es keine gesetzliche Grundlage, diese zu verweigern. Der Grund: Die nächste Nummer könnte ja lediglich ein Horoskop-Dienst sein.

Von einer Gesetzeslücke will Bundesnetzagentur-Sprecher Rudolf Boll gegenüber stern.de nicht sprechen - "Ich will hier keine Bewertung vornehmen" -, doch genau dieses Fazit lässt seine Aussage zu: "Es ist nirgends gesetzlich geregelt, dass die Zuteilung von Rufnummern an die Zuverlässigkeit des Antragsstellers geknüpft ist." Die Folge sind immer mehr Nepper, Schlepper, und Bauernfänger in Sachen Ping und Co. - die der Bundesnetzagentur so viel Arbeit bescheren, dass der Posteingang von Beschwerden offenbar im hohen Tausenderbereich liegt. Gemessen wird der Eingang jedenfalls nicht nach Zahlen, sondern "nach Gewicht", so Rudolf Boll.

Der Staatsanwalt schaltet sich ein

Der Behördensprecher meint: "Momentan haben wir bei neun Nummern dieser Firma Maßnahmen eingeleitet. Dem Unternehmen wurde das Geschäftsmodell untersagt, außerdem wurde ein Inkassierungsverbot ausgesprochen. Das erste Verbot erging bereits zum 1. Juni, das bisher letzte Ende Juli." Und: Bereits in den kommenden Tagen wird die Behörde die Staatsanwaltschaft in Bonn einschalten. Selbst wenn das das Ende für die Machenschaften der "Costa Blanca de Informatica y Telekommunicaciones SL" bedeutet - weitere dubiose Firmen sind bereits am Start. Die Frage ist, wann der Gesetzgeber reagiert.

Verbraucher, die bereits Opfer der Masche geworden sind, sollten sich umgehend mit der Bundesnetzagentur in Verbindung setzen. Boll: "Als Zeitpunkt, ab dem die Verbraucher ihre Kosten wieder geltend machen können, nehmen wir übrigens nicht das Datum, an dem die Beschwerde einging. Sondern das Datum, an dem der Ping-Anruf, also der Lockanruf, beim uns kontaktierenden Verbraucher einging." Von tatsächlich bei Anrufern eingegangenen Gewinnen ist übrigens nichts bekannt. Welcher "Sachpreis" sollte auch in einen mit 1,10 Euro frankierten Rückumschlag passen?


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