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Messenger-Wahn Mein Hass auf Whatsapp: Warum ich immer noch lieber telefoniere

Einem Mann mit Smartphone kommt vor Wut Rauch aus den Ohren
Der Whatsapp-Wahnsinn macht nur Ärger
© SIphotography/Getty Images
Immer mehr Menschen führen ihre Smartphone-Gespräche nur noch im Messenger, statt zu telefonieren. Das führt in eine schreckliche Whatsapp-Kultur, findet Malte Mansholt. Ein Plädoyer für das Telefonat.

Sie sind überall. In der U-Bahn, im Büro und selbst mir gegenüber am Café-Tisch sitzen Menschen und unterhalten sich. Und sprechen dabei kein Wort, weil alles per Textnachricht in einem Messenger stattfindet. Diese Whatsapp-Kultur ist eine der nervigsten Errungenschaften des noch jungen Jahrtausends. Können wir nicht lieber miteinander reden?

Natürlich nutze ich selbst auch Messenger - sogar mehr als das Telefon. Ob Whatsapp, iMessage, Nachrichten bei Facebook, Instagram, Slack oder wie sie alle heißen. Ist ja oft auch praktisch und macht Spaß. Die lustige Dynamik eines Gruppenchats kann kein Telefonat zu zweit ersetzen, witzige Gifs kann ich dabei auch noch verschicken. Wenn es aber wichtig wird, spricht für mich alles gegen den Chat. Dann nutze ich eine Smartphone-Funktion, die ganz viele zu vergessen scheinen – und halte es mir ans Ohr.

Zeitfresser Whatsapp

Denn seien wir mal ehrlich: Es gibt keine schlechtere Möglichkeit, etwas Dringendes zu besprechen, als einen Chat. Was man in fünf Minuten problemlos geklärt hätte, frisst bei Whatsapp locker eine halbe Stunde. Zeit, in der ich realistisch nichts anderes mache. Weil im Chat der Tonfall fehlt, entstehen Missverständnisse. Die wenigsten können sich nämlich so gut ausdrücken, wie sie denken. "Ich weiß doch, was ich meine, wieso verstehst du es nicht?!", ist die Devise. Nur geschrieben hat man eben etwas anderes. Und schon hat man Streit.

Kurz den anderen stoppen geht nicht. Nachfragen dauern im Chat viel länger, im Zweifel habe ich in der Zwischenzeit drei neue Nachrichten bekommen. Und auch, wenn der andere ewig an den Antworten feilt, was meine Kollege in seinem Hasstext gegen das Telefon so lobte, ist das nur unwesentlich besser. Die Anzeige "... schreibt" treibt mich in den Wahnsinn. Ich weiß nicht, ob ich den Messenger guten Gewissens schließen kann oder nicht. Und nach fünf Minuten ungeduldigen Wartens kommt dann doch nur: "OK".

Mit wem redest du eigentlich?

Am schlimmsten ist aber, wenn man merkt, dass das Gegenüber währenddessen noch weitere Gespräche führt. Ich bin eben nur eine von vielen Geigen sagt er mir damit, die volle Aufmerksamkeit habe ich wohl nicht verdient. Das lässt sich durch den sozialen Druck aber auch kaum vermeiden. Ein Chat im Messenger ist nämlich in der Regel vollüberwacht. "Du warst doch online, wieso hast du nicht geantwortet?" lautet der beliebte Vorwurf. Die blauen Haken bei Whatsapp bauen weiter Druck auf. Es ist genau zu sehen, wann ich mich entschieden habe, nicht zu antworten. Die vermeintliche Freiheit zu antworten, wenn es passt, geht im Terror der sozialen Normen unter. Am Telefon bekommt man wenigstens mit, wenn ein anderer Anruf kommt oder der Gesprächspartner jemanden trifft.

Was mich schwer irritiert: Immer mehr Menschen setzen den Chat an erste Stelle, noch vor dem echten Gespräch. Eine absurde Vorstellung. Früher verschickte man SMS, wenn man nicht stören wollte. Heute unterbrechen Menschen Gespräche mit dem echten Gegenüber um eines mit einem Chatpartner zu führen. Sonst kommt nach wenigen Minuten ein vorwurfsvolles "???" - weil man nicht schnell genug gespurt hat. Wie ein solches permanentes Hintenanstellen etwa auf unsere Kinder wirkt, will ich lieber gar nicht wissen.

Der Chat ist der Tod des Gesprächs

Am irrsten ist, dass die Telefonverweigerer nun die Nachteile von Chat und Telefon verbinden - und komplette Gespräche per Sprachnachricht führen. Da sitzen Leute stundenlang auf der Couch und schicken eine Nachricht nach der anderen hin und her - statt einfach die teuer bezahlte Handyflat auch mal zu benutzen. Wenn man fragt, warum, erhält man Schulterzucken. Macht man halt so.

Dabei sind die Sprachnachrichten eigentlich die schlechteste Art, sich zu unterhalten. Das Potenzial zum Ausformulieren des Chats fehlt. Statt die Nachricht überfliegen zu können, muss ich den ganzen Käse bis zum Ende anhören - inklusive zahlreicher "Äh" und sinnlosen Pausen. Der Hauptvorteil des Telefonats, die spontane Reaktion, fehlt aber. Ich kann nicht kurz unterbrechen, um nachzufragen. Ein echter Dialog findet nicht statt, alle hauen sich nur ihre jeweiligen Statements um die Ohren.

Sende-Bewusstsein

Vielleicht ist das aber auch nur konsequent. Forscher haben bereits festgestellt, dass es vielen Gesprächspartnern in Chats vor allem um die eigenen Aussagen und nicht um einen Dialog geht. Selbstdarstellerisches Senden statt interessiertes Zuhören.

An zwei Orten der Welt bin ich allerdings extrem dankbar für Whatsapp und Co.: In der U-Bahn oder im Büro kann ich mich so kurz unterhalten, ohne die Umsitzenden zu nerven. Nur wenn es wichtig wird, sollte man vielleicht doch hinausgehen. Und endlich miteinander reden.


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