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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Blöd, blöder, Apple

Erwachsene Menschen machen sich in Warteschlangen zum Depp, um als erste das neue iPhone zu ergattern. Man könnten zum Anti-Kapitalisten werden, wenn man das sieht.

Ein Kommentar von Tilman Gerwien

Neulich kam ich in Berlin, mitten im schönen Latte-Macchiato-Prenzlauer Berg, wo die Mieten und Wohnungspreise explodieren, wo jetzt Anwälte und Chefredakteure wohnen, weil sie glauben, da seien sie mitten in der "quirligen Metropole", neulich kam ich also dort an einem Zettel vorbei, den jemand an einen Laternenmast geklebt hatte. Darauf stand, dick und schwarz mit Edding geschrieben:

"KAPITALISMUS MACHT EUCH LANGWEILIG, HÄSSLICH UND ZU FASCHISTEN!

Irgendwie hatte der Spruch etwas. Ich wusste nicht genau warum. Aber ich beschloss, ihn mir zu merken. Ich hatte das Gefühl, ich würde ihn nochmal brauchen.

Und tatsächlich: Jetzt brauche ich ihn.

Heute früh um 8 Uhr gingen im Apple Store am Kurfürstendamm die ersten IPhone6-Smartphones über die Ladentheke. Vom Weltkonzern aus dem kalifornischen Cupertino verabreicht an eine mehr oder weniger hysterische Menschenmenge, die schon Tage und Nächte zuvor in langen Schlangen dort wartete, zum Teil im Zelt campierte, auf dass ihnen die Gnade dieser eucharistischen Ersatzhandlung zuteil werde: "Nehmet und telefonieret alle damit. Das ist unser Handy, das für Euch hingegeben wird."

Schlange-Stehen als "Kult"

Ok, das mit den "Faschisten" lassen wir mal lieber weg. Aber eins wird man, wenn man sich das Treiben vor dem Apple Store vergegenwärtigt, doch feststellen können: Ansonsten stimmt an dem Spruch alles. Schon lange nicht mehr hat sich der Kapitalismus in einer derart stumpfen Hohlheit, ja Widerwärtigkeit, gezeigt wie auf dem Kurfürstendamm zu Berlin. Klar, das ist natürlich alles auch "Kult", wie ja inzwischen alles irgendwie durchironisiert und zum Spaß-Event hochgepumpt wird, bis keiner mehr weiß, was gut und schlecht, schön oder doof ist. Also, mal ganz Ironie-frei: Erwachsene Menschen machen sich zum Horst für ein Handy, das sie Tage später überall kaufen können, ohne jede Schlange. Sie warten geduldig, lassen sich rumkommandieren und demütigen von Polizei und Apple-Security. Mit ihrer Warteschlangen-Existenz gehen sie ganz auf in ihrer Rolle als Konsument: abgerichtet, zugerichtet und verzwergt für das kleine bekloppte Glück, unter den Ersten zu sein mit dem iPhone6 in der Hand.

Tanz um das Goldene Kalb

Darf ich angesichts all dessen jetzt mal etwas schlechte Laune verbreiten? Was vor dem Apple Store geschah, das ist für mich nicht "Kult". Das ist der sprichwörtliche Tanz um das Goldene Kalb, wie er in einer großartig bildmächtigen Geschichte der Bibel überliefert ist: Eine rasende Menschenmenge tanzt um eine Kalbsfigur aus Gold, die als Ersatz-Gott dienen soll. Das Goldene Kalb auf dem Kurfürstendamm heißt: iIPhone6. Die Warteschlangen sind die Vergötzung und Vergöttlichung eines profanen Alltagsgegenstandes, der eine Leere füllen soll, die so nicht zu füllen ist. In Berlin ist wunderschönes Spätsommer-Wetter, seit Tagen schon, die Luft wie Seide. Warum liegen diese Menschen nicht auf Wiesen und knutschen, warum zeugen sie keine Kinder oder, wenn sie schon welche haben, warum machen sie mit ihnen keine Kissenschlachten im warmen Bett? Warum baden sie nicht in einem See, warum lesen sie keine Bücher oder malen Bilder aufs Straßenpflaster?

Kapitalismus funktioniert

Warum machen diese Menschen sich so klein? "Du sollst neben mir keine anderen Götter haben", heißt es im ersten Gebot. "Du sollst Dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen." Schade, Gott war anscheinend nicht auf dem Kurfürstendamm. Keiner in der Schlange hat gesagt: "Apple, leck uns am Arsch!" Alle sind zufrieden und brav mit ihrem Sch...telefon nach Hause gegangen. Der Kapitalismus funktioniert. Alles bleibt wie es ist, wie es war und immer sein wird. Alles, was im Leben wirklich zählt, zählt nicht. Der Zettel am Laternenmast im Prenzlauer Berg ist schon längst abgerissen. Aber sicher kommt demnächst das iPhone7 auf den Markt.