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Media Center: Alleskönner für das Wohnzimmer

Der Computer soll zum zentralen Verteiler für Filme, Musik und Fotos werden. Jetzt bieten die Hersteller Media Center an, die das können.

Die Vision ist cool: Wenn in Zukunft alle Unterhaltungsmedien - zum Beispiel Musik, Fernsehsendungen, DVD-Filme oder Fotos - in digitaler Form vorliegen, dann kann alles zentral auf einem einzigen Computer lagern. Und von dort aus an alle Orte im Haus oder in der Wohnung dorthin verteilt werden, wo sie gebraucht werden - je nach Bedarf per Kabel oder über ein Funknetz.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt

Der Fernseher könnte so mit aufgezeichneten Sendungen, einer Internet-Programmzeitschrift oder DVD-Filmen versorgt werden; die Stereoanlage im Kinderzimmer kriegt die neuesten Hits vom Zentralcomputer. In die Küche funkt der PC Radionachrichten an einen handlichen Lautsprecher mit Mini-Display. Und auf der Kommode zeigt ein Flüssigkristall-Bildschirm die drahtlos empfangenen Urlaubsfotos im minütlichen Wechsel.

"Media Center" oder "Media Server" heißen solche Zentralgeräte, die irgendwie alles können und mit der ohnehin vorhandenen Unterhaltungselektronik, also Fernseher oder Stereoanlage, auch noch zusammenarbeiten. So langsam beginnen die Hersteller zumindest Teile der Vision in neuen Produkten zu verwirklichen.

Microsoft versucht's mit getuntem Windows XP

Allen voran steht Microsoft mit seiner für den Wohnzimmereinsatz aufgepeppten Version von Windows XP. Die "Media Center Edition 2004" wird aber nur zusammen mit speziell ausgestatteten, neuen Computern ausgeliefert, die unter anderem einen eingebauten Anschluss sowohl für das TV-Kabel als auch für den Fernseher haben - und vor allem eine Fernbedienung. Microsoft arbeitet dabei mit mehreren PC-Herstellern zusammen. Manche versuchen, auch vom Design her mehr zu bieten als für den Büroeinsatz optimierte graue Quader.

Auf dem Monitor sieht es nach dem Hochfahren auf den ersten Blick aus wie beim bekannten Windows XP - was kein Wunder ist, da es sich um ein vollwertiges Betriebssystem mit Zusatzfunktionen handelt. Der Vorteil ist, dass jeder, der Windows kennt, auch mit dem neuen Multimedia-Betriebssystem klarkommt. Und dass alles, was mit einem herkömmlichen PC geht, auch mit dem Media-Center-PC möglich ist: Internet, Bürokram, Computerspiele.

Der Unterschied zeigt sich erst, wenn man die große grüne Taste auf der Fernbedienung drückt. Dann färbt sich der Bildschirm blau und ein Menü erscheint: "Meine Bilder", "Meine Videos", "Meine Musik". Hier wählt man aus, ob der Rechner jetzt Fernseher, Videorecorder, CD-Player, Radio, DVD-Player oder Digitalfoto-Betrachter sein soll. Sehr knapp, sehr schlicht, sehr übersichtlich.

Die Maus kann Pause machen

Um diese Benutzeroberfläche bedienen zu können, benötigt man keine PC-Kenntnisse. Auch kann man Maus und Tastatur jetzt weglegen: Alle Funktionen lassen sich bequem vom Sofa aus mit der Fernbedienung steuern.

Die Vorstellung von Microsoft: Der Media-Center-PC steht im Wohnzimmer und ist mit Fernseher und Sound-Anlage verbunden. So wird das Einfach-Menü am TV-Monitor bedient - und die ausgewählten Filme oder Fotos auch darauf angezeigt. Oder man sieht gleich über den PC-Bildschirm fern.

Über das Internet versorgt sich der PC mit einem eigens von Microsoft redaktionell erstellten TV-Programmführer. Mit der Fernbedienung lassen sich die Sendungen auswählen, ein einziger Knopfdruck genügt, um die Aufnahme zu starten oder den PC-Videorecorder zu programmieren. Einfacher geht es nicht.

Auch selbst gemachte Bilder lassen sich einspielen

Der Media-Center-PC iDesign 5610 von Packard Bell zum Beispiel hat vorn am Gehäuse einen Kartenleser, den man mit Speicherkarten aus Digitalkameras füttern kann. Findet der Rechner Bildmaterial auf einer frisch eingelegten Karte, startet er sogleich das Anzeigeprogramm für die Diashow. Ebenso automatisch erkennt er, wenn man eine Musik-CD einlegt. Dann holt er sich übers Internet Informationen über die Songtitel und bei gängigen Platten sogar das Albumcover auf den Bildschirm.

Einschränkungen

Leider - und nicht nur daran sieht man, dass das Windows XP Media Center ein PC ist und keine Hi-Fi-Anlage - funktioniert das mit vielen kopiergeschützten CDs nicht: Die kann das Computerlaufwerk nicht lesen. Im Übrigen unterstützt Windows XP Media Center nur das Microsoft-eigene WMA-Format - das geläufigere MP3, auf das viele tragbare Musikabspielgeräte angewiesen sind, kann nicht ohne weiteres hergestellt werden. Ähnliches gilt für den mitgelieferten DVD-Brenner. Mit Windows XP Media Center erstellte DVDs lassen sich auf normalen Playern nicht abspielen.

Damit der Rechner zum Beispiel jederzeit Videoaufnahmen machen kann, muss er zudem ständig eingeschaltet sein - und das führt bei vielen Modellen zu erheblichem Lüfterlärm. Und schließlich verhält sich die Media Center Edition leider so, wie man es von einem Windows-PC erwartet: Sie stürzt schon mal ab.

Alternativen vom Discounter

Auf die Idee, einen PC mit einem TV-Empfangsteil, einer Fernbedienung und einer einfach zu bedienenden Software zum wohnzimmertauglichen Genossen zu machen, kommt natürlich nicht nur Microsoft. Schließlich bringen moderne Rechner alles mit, was man zum digitalen Aufnehmen und Abspielen von Fernsehsendungen, DVDs, Musik oder Fotos braucht. Aldi und Lidl etwa liefern ihre PCs gleich mit einer entsprechenden Ausstattung; verschiedene Software-Anbieter verwandeln den PC nachträglich zumindest in einen Festplatten-Videorecorder.

Doch das Grundproblem bleibt immer gleich: Der Medien-PC muss in die Nähe des Fernsehers rücken, damit die Kabel reichen - also steht er im Wohnzimmer und ist als Arbeitsgerät kaum noch zu gebrauchen. Ein eigener PC muss also her, der dann aber im Idealfall immerhin die Funktionen von Luxus-Videorecorder, Stereoanlage, Dia-Projektor und DVD-Player in sich vereint.

Damit der PC auf dem Schreibtisch bleiben kann

Das ist jedoch nicht die einzige Lösung: Firmen wie Pinnacle setzen darauf, den PC dort zu lassen, wo er ist - und die Mediendaten per Computernetz an Fernseher oder Musikanlage zu verteilen. Die Schnittstelle zwischen den Geräten bilden dann Module wie das Pinnacle Showcenter. Flach, quer und silbern wie ein Teil der Stereoanlage, ist das 280 Euro teure Gerät auf der einen Seite mit dem PC verbunden, auf der anderen mit Fernseher und Stereoanlage. Eine Software auf dem PC stellt dem Showcenter alle Fotos, Musik- und Filmdaten zum Abruf bereit; per Fernbedienung und Menü auf dem Fernseher werden die Medien abgespielt. Für die Verbindung zum PC ist entweder ein Netzwerkkabel oder eine Funknetzkarte erforderlich.

Ähnliche Verbindungsboxen, die oft nur auf Musikübertragung beschränkt sind, bieten auch andere Hersteller. Und allerlei ist auf diesem Gebiet angekündigt: Noch mehr Software für den PC, noch vielseitigere Verbindungen zu vorhandenen Geräten.

Und da liegt letztlich das Problem: Die derzeit erhältlichen Angebote der Vision von der Medienzentrale sind zwar schon sehr beeindruckend. Doch der Markt ist in schneller Bewegung - die nächste Geräte-Generation steht unmittelbar bevor. Und dass die schlechter oder teurer sein wird, ist nicht zu erwarten.

Thomas Borchert/Ulf Schönert / print