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Technikgeschichte: Die Rückkehr des unheimlichen Schachtürken

Der "Schachtürke" versetzte als erste Schach spielende Maschine die Menschen vor mehr als 200 Jahren in Erstaunen. Das Gerät war Teil eines großartigen Bluffs - und ein technisches Meisterwerk. Nun ist es wieder zu sehen.

So gruselig kann Technik sein. Der Mann mit dem Schnauzbart starrt ins Leere, während sich sein linker Arm zu den Geräuschen eines schnarrenden Uhrwerks ungelenk über das Schachbrett bewegt. Die Hand im weißen Handschuh packt zu: Sie setzt den weißen Bauern auf e4. Der Feldherr Napoleon, der Preußenkönig Friedrich II. und der Schriftsteller Edgar Allan Poe waren alle verblüfft über das technische Meisterwerk, das in Paderborn erstmals seit 150 Jahren wieder der Öffentlichkeit zugänglich ist: der "Schachtürke" des Erfinders Wolfgang von Kempelen (1734-1804).

Auch von Napoleon nicht zu beeindrucken

Das Heinz Nixdorf MuseumsForum - das größte Computermuseum der Welt - ließ den 1854 verbrannten Automaten wieder neu bauen. Rund 70 Jahre rätselte die feine Gesellschaft Europas über das Geheimnis des damals berühmtesten Automaten der Welt. Der grimmig blickende Schachtürke mit Fes-Hut und orientalischer Kleidung schlug fast jeden Gegner. "Napoleon wollte ihn provozieren und machte blödsinnige Züge", erläutert Museumssprecher Andreas Stolte. "Da stellte der Automat die Figuren zunächst wieder richtig hin. Als Napoleon wieder Täuschungsmanöver machte, fegte der Schachtürke die Figuren vom Tisch." Dem großen Feldherrn habe das imponiert.

Ein Zwerg saß nicht im Innern...

Früh kamen Gerüchte auf, ein Zwerg sitze im Inneren. Doch von Kempelen konnte Zweifler schnell ruhig stellen. Sein Diener zeigte stolz die leeren Hohlräume unter dem Spielbrett. Nur ein Gewirr von Zahnrädern und technischen Instrumenten war sichtbar. Vorne und hinten, rechts und links wurden die Türen geöffnet. Also auch keine Spiegeltricks. Die Wahrheit ist deutlich komplizierter, erzählt Bernhard Fromme. Er muss es wissen, denn er hat den wunderlichen Apparat anhand weniger Stiche und zeitgenössischer Beschreibungen mühsam neu erbaut.

...sondern ein Mensch

Tatsächlich steckte in dem 1,50 Meter breiten, 95 Zentimeter hohen und 90 Zentimeter tiefen Nussbaumholzkasten ein Mensch. "Von Kempelen engagierte ausgezeichnete Schachspieler, die fast alle das Geheimnis wahrten", sagt Stolte. Dank einer beweglichen Trennwand rutschte der Steuermann der Maschine zwischen linker und rechter Kammer des Unterbaus hin und her und verbarg sich beim Öffnen vor den Blicken der Zuschauer. Das wäre nicht weiter spektakulär: "Darüber hinaus hat von Kempelen ein technisches Meisterwerk entworfen", sagt Fromme.

Der Rest ist pure Mechanik

"Im Inneren gibt es ein ausklappbares zweites Schachbrett", erläutert er. Mit Hilfe ausgeklügelter Mechanik übertragt ein so genannter Pantograph per Hebelmechanik jeden Zug, den der Bediener der Maschine auf dem kleinen versteckten Brett macht, nach oben. Was sich über seinem Kopf tut, sieht er dank magnetischer Stifte unter dem offiziellen Spielfeld. Die Figuren sind mit Magneten versehen. Wie eine Marionette folgt die exotische Puppe jeder Bewegung.

Finten und Täschungsmannöver

Auch die rechte Inszenierung gehörte zum Erfolgsrezept des Apparats, sagt Stolte. Mit Finten und Täuschungsmanövern sei das Publikum von Schwächen der Illusion abgelenkt wurden. Links und rechts wurden Kandelaber aufgestellt. In dem schummrigen Licht der damaligen Zeit fiel beim Spektakel auch nicht auf, dass im Kopf der Puppe ein Kamin war, der den Rauch der Öllampe des versteckten Spielers im Inneren ableitete.

Das Geheimnis überdauerte seinen Schöpfer

Bis zum Tod des Wolfgang von Kempelen wurde das Geheimnis des "Schachtürken" nie gelüftet - und darüber hinaus erlebte der Apparat noch eine zweite Blüte unter anderem am New Yorker Broadway. Doch um 1840 war die Zeit des Automaten vorbei. "Es war das Industriezeitalter mit Dampfloks und moderner Technik angebrochen", sagt Stolte. Schließlich wurde der Automat eine Jahrmarktattraktion, deren Geheimnis für einen lumpigen Dollar gelüftet wurde. 1854 fiel er einem Museumsbrand zum Opfer.

Christof Bock/DPA / DPA