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Editorial: Ingrid Betancourt - oder der Triumph der Freiheit

Liebe stern-Leser!

Sie war die berühmteste Geisel der Welt. 2321 Tage, mehr als sechs Jahre lang, befand sich Ingrid Betancourt in der Hand marxistischer Rebellen in Kolumbien. Was sie im Urwald an Demütigungen erleiden musste, wie ihr Krankheiten und Insekten zusetzten und wie sie sich trotzdem den Respekt ihrer Bewacher erwarb, das erzählt Ingrid Betancourt nun in ihrem ersten großen Interview nach ihrer plötzlichen Befreiung durch das Militär. Sie sprach mit unserem Kollegen Michel Peyrard von der französischen Illustrierten "Paris Match" auf dem Flug nach Paris und mit stern-Reporter Tilman Müller nach ihrer Ankunft in der französischen Hauptstadt.

Schon vor Wochen hatte sich abgezeichnet, dass Bewegung in diesen Fall kommt. stern-Reporter Joachim Rienhardt reiste damals nach Bogotá und sprach mit Yolanda Pulecio, der Mutter Betancourts. Sie las ihm - immer wieder unterbrochen von Weinkrämpfen - aus Briefen der Tochter vor, berichtete von dem aussichtslos scheinenden Kampf für ihre Befreiung, den verzweifelten Versuchen, mit der Gefangenen in Kontakt zu kommen. Rienhardt traf auch den Ehemann, interviewte ehemalige Geiseln, die über Jahre mit Ingrid Betancourt im Dschungel vegetiert hatten, sowie Militärs, die jetzt an ihrer spektakulären Befreiung maßgeblich beteiligt waren. Die Geschichte der Ingrid Betancourt beginnt auf Seite 28.

In Würde sterben zu können (und zu dürfen) - das ist der Wunsch aller alten und schwerkranken Menschen. Doch vielen ist ein gnädiger Tod nicht vergönnt. Der Wunsch, selbst verbindlich entscheiden zu können, unter welchen Umständen man lieber sterben als länger leiden will, ist verständlich. Darum brauchen wir in Deutschland endlich eine klare gesetzliche Regelung für Sterbehilfe bei unheilbar Kranken. Was wir aber nicht brauchen, ist ein verkrachter Politiker wie der frühere Hamburger Justizsenator Roger Kusch, der als selbst ernannter Todesengel durchs Land zieht und Menschen mit Rat und Tat beim Suizid zur Seite steht, auch wenn diese gar nicht sterbenskrank sind. Das Thema ist zu wichtig, um es so einem publicitygeilen und womöglich auch geschäftstüchtigen Provokateur zu überlassen. Die Brisanz zeigt sich in folgender Zahl: 40 Prozent der Menschen, die sich in Deutschland das Leben nehmen, sind über 60 Jahre alt. stern-Redakteurin Anika Geisler erzählt in diesem Heft die Geschichte einer 85-jährigen Frau, die sich nach einem missglückten Suizidversuch mit Zyankali bei ihr gemeldet hatte. Sie sei schwach und habe Angst vor dem Pflegeheim. Sie verabredeten sich zu einem langen Gespräch über selbstbestimmtes Leben und Sterben.

Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn

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