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Menschen, die Mut machen: Der gute Mensch von Bogotá

In der Adventszeit stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, den sein Engagement für andere oder der Umgang mit dem eigenen Schicksal auszeichnet. Heute: Alirio Uribe Muñoz. Als Menschenrechtsanwalt kümmert er sich Opfer des Bürgerkrieges, meist einfache Leute, die zu Unrecht verfolgt wurden.

Von Toni Keppeler

Am Morgen fährt Alirio Uribe im großen gepanzerten Geländewagen ins Büro. "Solche Autos verwenden die Drogenbarone", scherzt er. Oder prominente Politiker. Sein Schreibtisch steht im 25. Stock eines Bürohochhauses mitten im Zentrum der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Alle Stockwerke außer dem 25. sind von der öffentlichen Verwaltung belegt. "Wir dachten, dass wir mitten unter Regierungsbeamten sicherer sind vor Bombenanschlägen." Schon unten vor den Aufzügen gibt es strenge Kontrollen. Papiere werden überprüft, Taschen durchsucht, Kameras registriert. Oben vor dem Eingang zur Kanzlei ist eine Schleuse mit zwei schusssicheren Stahltüren.

Alirio Uribe ist weder Drogenbaron noch Politiker. Und doch lebt er ständig in Gefahr. Der 47-Jährige ist Menschenrechtsanwalt. Sein Leben wird bedroht, weil er das Recht auf Leben anderer verteidigt. Einmal wurde gerade noch rechtzeitig ein Mordkomplott gegen ihn aufgedeckt. Eine Todesschwadron aus Paramilitärs und ehemaligen Armeeangehörigen hatte ein dickes Dossier über ihn angelegt: Informationen des militärischen Geheimdienstes, Fotos, Pläne von seiner Wohnung und seinen Wegen zur Arbeit. "Wenn ich nicht rund um die Uhr von Mitgliedern der internationalen Friedensbrigaden geschützt worden wäre, hätte ich das Land verlassen müssen."

Seit 17 Jahren arbeitet Uribe im Anwaltskollektiv José Alvear Restrepo, das von "Brot für die Welt" unterstützt wird. 13 Menschenrechtsanwälte und 27 weitere Mitarbeiter, von der Sekretärin über Praktikanten bis hin zur Öffentlichkeitsarbeiterin. Uribes derzeit gefährlichster Fall ist der gegen den ehemaligen Geheimdienstchefs Jorge Noguera. Der war unter anderem für den Schutz gefährdeter Personen zuständig und hat trotzdem Listen mit ihren Namen an Paramilitärs weitergereicht, damit diese wissen, wen sie ermorden sollen. Präsident Alvaro Uribe - er ist nicht mit dem Anwalt verwandt - hat seinen Geheimdienstchef lange in Schutz genommen und ließ ihn erst fallen, als die Beweise zu erdrückend wurden.

Klienten meist einfache Leute

Aber es sind nicht diese großen Fälle, die Uribe ständig unter Strom stehen lassen. Die meisten Klienten des Anwaltskollektivs sind einfache und arme Leute. Gewerkschafter, die willkürlich verhaftet wurden. Frauen, die im seit über vierzig Jahre währenden Bürgerkrieg von Paramilitärs vertrieben wurden. "Wir sind so etwas wie die Notaufnahme für die grausamsten Fälle des Kriegs", sagt er. "Wir übernehmen Fälle, die kein anderer Anwalt übernehmen will."

Würde das Anwaltskollektiv nicht von "Brot für die Welt" und einem knappen Dutzend weiterer Hilfswerke unterstützt, es könnte keine auch noch so bescheidenen Gehälter bezahlen. Ohne Finanzierung von außen gehe es nicht, sagt Uribe. Doch viel wichtiger als Geld sei die moralische und politische Unterstützung. "Es ist wichtig, dass man in aller Welt weiß, was in Kolumbien passiert".