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Editorial: Raus aus der Partei!

Die abscheulichen, judenfeindlichen Entgleisungen des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann waren kein Fall fürs Krisenmanagement aus dem PR-Lehrbuch.

Liebe stern-Leser!
Die abscheulichen, judenfeindlichen Entgleisungen des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann waren kein Fall fürs Krisenmanagement aus dem PR-Lehrbuch. Hier war Handeln gefragt entlang moralischer Prinzipien. Angela Merkel schien frei davon, sie taktierte tagelang in der Hoffnung, dass der Sturm vorüberziehen würde. Und zog tatsächlich in Erwägung, einen cleveren Antisemiten vom Schlage Hohmanns in ihrer Fraktion zu dulden. Offenbar fehlt der CDU-Chefin und der gesamten Fraktionsspitze ein innerer Kompass, der sofort (!) die Marschrichtung gewiesen hätte: Ausschluss aus Fraktion und Partei. Sicherlich ein schwierig zu steuerndes und langwieriges Verfahren mit unklarem Ausgang, aber ohne Alternative. Dies alles hätte längst geschehen müssen. Denn Hohmann ist gefährlich wie eine Handgranate mit gezogenem Sicherheitsstift - sie kann jederzeit hochgehen.
Doch erst, als CDU-General Laurenz Meyer in der Sendung "Sabine Christiansen" bei der Hohmann-Verteidigung in einem sinnfreien Gestammel unterging und als am selben Tag Besucher der Frankfurter Synagoge während einer Rede von Roland Koch demonstrativ den Saal verließen, weil er für einen Verbleib des Antisemiten Hohmann in Fraktion und Partei warb - da endlich korrigierte Angela Merkel ihren Kamikaze-Kurs.
Es hätte der Parteivorsitzenden von Anfang an klar sein müssen, dass ihre schwächliche Reaktion sogleich eine Frage aufwirft, die alle anderen wichtigen Themen für Tage und Wochen in den Schatten stellt: Nistet der Antisemitismus unerkannt in den Fraktionsfluren der Partei? Gibt es in der CDU einen braunen Rand, der sich bis zur politischen Mitte frisst? Der stern - Bericht zeigt, wie schwer es der CDU fällt, zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus eine Grenze zu ziehen.
Schwer angeschlagen rettet sich Merkel jetzt aus der Affäre. Zunächst hatte sie Hohmann nur gemahnt wie einen bösen Buben für einen dummen Streich. Zur "Strafe" versetzte ihn seine Chefin vom Innen- in den Umweltausschuss. Wie müssen sich dessen ehrenwerte Mitglieder vorkommen, wenn der Öko-Ausschuss als parlamentarischer Gulag missbraucht wird! Wer wollte mit einem Mann an einem Tisch sitzen, der die deutsche Schuld mit einer angeblichen jüdischen Schuld aufwiegt?
Die Fakten der Geschichte lehren anderes. Seit Jahrhunderten wurden die Juden verfolgt. Mittlerweile gibt es fast auf der ganzen Welt jüdische Gemeinden. Der Fotograf Frédéric Brenner, Sohn assimilierter Juden in Paris, hat in 40 Ländern jüdisches Leben festgehalten. "Diaspora - Heimat im Exil" heißt sein fotografisches Werk, das wir in dieser Ausgabe vorstellen. "Der Jude ist ein Zeuge, den man nicht erträgt", schreibt er dazu, "er erinnert den weißen, westlichen Christen an seine Verbrechen, er ist nicht auszuhalten für diejenigen, die seit 2000 Jahren den Körper eines gefolterten Juden anbeten, der am Kreuz blutet." Auch Martin Hohmann, leider noch Mitglied des Bundestages, scheint das nicht auszuhalten.

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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