Editorial Stoppt den Irrsinn des Gesundheitsfonds


Liebe stern-Leser!

Die Große Koalition in Berlin galt vielen einst als Chance, wirklich Großes zu vollbringen - zum Beispiel unseren Sozialstaat zu modernisieren. Doch was herauskommt, ist oft ein fauler Kompromiss. Das beste Beispiel ist die Reform der Krankenversicherung, die am 1. Januar 2009 in Kraft treten soll. Sie ist der misslungene Versuch, zwei völlig unterschiedliche Modelle zur Finanzierung unseres Gesundheitssystems unter einen Hut zu bringen: die Kopfpauschale der CDU/CSU, wonach jeder gesetzlich Versicherte einen Einheitsbeitrag zahlt, und die Bürgerversicherung der SPD, die auf sämtliche Einkommen - also auch auf die von Selbstständigen und Millionären - zugreift. Der faule Kompromiss heißt Gesundheitsfonds. Er ist für Angela Merkel und Ulla Schmidt das wichtigste Projekt der Legislaturperiode. Doch wer sich mit dem Vorhaben genauer beschäftigt, stellt rasch fest: Außer den beiden Frauen mag eigentlich keiner den Fonds. Schlimmer noch: Die meisten Experten halten ihn für Murks, und selbst Väter der Idee wenden sich heute mit Grausen davon ab. Das erfuhr stern-Reporter Andreas Hoffmann, als er zusammen mit den Kollegen Dorit Kowitz, Mathias Rittgerott und Susanne Wächter in der gesamten Republik recherchierte. Sie besuchten Arztpraxen und Apotheker, informierten sich bei Krankenpflegern, Krankenkassen und Patienten und unterhielten sich mit vielen Experten. All diese Gruppen, die sich sonst immer ums Geld streiten, sind sich beim Gesundheitsfonds auf beängstigende Weise einig: Er werde die gesetzliche Krankenversicherung nicht besser machen, sondern nur noch bürokratischer und teurer (Seite 44). Ihr und unser Appell: Stoppt den Irrsinn, solange es noch geht.

Die Bäume waren herbstlich gefärbt, die Menschen freundlich, überall schmucke Häuser und moderne Straßen, nirgendwo eingeschlagene Fenster, Graffiti oder andere Anzeichen von Aggressivität und Gewalt. Als stern-Reporter Tilman Müller und Fotograf Harald Schmitt vorige Woche in Kauhajoki eintrafen, war die Berufsschule von einem Polizistenheer abgeriegelt. Jugendliche zündeten vor der Einfahrt Kerzen an und musizierten. Niemand konnte sich das Unfassbare, den zweiten Amoklauf an einer finnischen Schule binnen eines Jahres, erklären. Das Land der Pisa-Champions steht unter Schock. Weder Namen noch Bilder der toten Schüler sollten darum öffentlich werden. Das stern-Team fuhr an die Orte, an denen der 22-jährige Matti Saari seine Tat vorbereitet hatte, sprach mit Klassenkameraden, Ermittlern, Sozialarbeitern sowie dem Direktor der Berufsschule von Kauhajoki. Keiner von ihnen hatte es für möglich gehalten, dass in ihrer nächsten Nähe ein entschlossener Amokschütze genügend Zeit und Raum hatte, um den Anschlag bis ins kleinste Detail zu planen (Seite 28). Was ist typisch für die Fälle der vergangenen Jahre, ob sie in Littleton, USA, passierten, in Erfurt oder jetzt in Finnland? Die Täter sind Heranwachsende, die sich zutiefst missverstanden und ungerecht behandelt fühlen, in ihre eigene Gedankenwelt abtauchen und in der Musik oder dem Internet finden, was ihnen die Wirklichkeit nicht bieten kann - bis sie schließlich Rache nehmen.

Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn

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