HOME
präsentiert von

Podcast "Faking Hitler": Folge 6: "Sie sind falsch!" Der Tag, an dem das Kartenhaus zusammenbricht

Die Tagebücher sind veröffentlicht, die Medienwelt kennt für Tage kein anderes Thema. Historiker rätseln, die Konkurrenz ist argwöhnisch, Kollegen äußern Kritik über die Aufmachung. Und dann läuft eine höchst unwillkommene Eilmeldung über den Nachrichtenticker.

Führer Hauptquartier? Führer Hitler? Führers Hund? Zwei merkwürdige Buchstaben, die auf der abgegriffenen schwarzen Tagebuchkladde prangen, lassen die Welt rätseln: ein "F" und ein "H". Aber warum nicht "AH"?

Die stern-Ausgabe vom 25.4.1983 – Heft 18, vorgezogen auf einen Montag – verkauft sich mit einer Rekordauflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren. Gut für die Kassen des Verlags Gruner + Jahr, dass sie den Verkaufspreis auch von 3 Mark auf 3,50 Mark erhöht haben.

Die Konkurrenz argwöhnt mit dem Scoop. Allen voran "Der Spiegel". Der war allerdings in seiner 6. Ausgabe des Jahres 1983, also kurz vor dem stern, selbst auf gefälschte Hitler-Zeichnungen reingefallen. Es ging in diesem Spiegel-Artikel um einen Bildband mit angeblichen Werken Adolf Hitlers. Der Titel "Adolf Hitler als Maler und Zeichner". In dem Band, der bei manchen Antiquitätenhändlern auch heute noch als Standardwerk gelten soll, werden auch zahlreiche von Kujau gefälschte Werke als echt ausgegeben.

Beim stern wird Kritik laut

Zurück in die stern-Redaktion. Eine Woche nach der Erstveröffentlichung, am Donnerstag, den 5. Mai 1983, liefern die Kollegen die nächste Geschichte. Der zweite Teil der Hitler-Tagebuch-Serie: "Der Fall Heß". Hier geht es um einen Sonderband, den Hitler geschrieben haben soll. Heß soll während des Krieges heimlich nach Großbritannien geflogen sein, um Friedensverhandlungen zu führen. Völlig neue historische Erkenntnisse.

Am Freitag tagt die Redaktion in einer Konferenz. Dort sind nicht alle mit der Präsentation der Tagebücher im Blatt einverstanden. So auch Ingrid Kolb, die damalige stern-Redakteurin und spätere Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule. "Ich hatte mich dann in der Konferenz zu Wort gemeldet", erzählt sie. "Und da hab ich gesagt, gerichtet an die Chefredaktion, dass mir irgendwelche Kommentierungen dieser Tagebücher fehlen. Man könne die doch nicht einfach so unters Volk bringen. Und jetzt sei schon die dritte Folge in Arbeit, und es sei noch kein Wort über das, was im Dritten Reich passiert ist, gefallen. Also was für ein grauenhaftes Regime das war und was für ein Elend über Menschen gebracht wurde, vor allem die Juden." Bei Chefredakteur Felix Schmidt sei dieser Wortbeitrag gar nicht gut angekommen, erinnert sie sich. Er habe sie zurechtgewiesen und auch eine versteckte Drohung losgelassen. Ingrid Kolb: "Er sagte, wer die Leistung von Kollegen dermaßen nicht anerkennt, die sich alle Mühe geben, diese Tagebücher zu präsentieren, der sei hier wohl fehl am Platz." Die Runde habe es so verstanden, dass man ihr mit Rausschmiss drohte, sagt die Journalistin und fügt hinzu: "Ich hatte das ganz deutliche Gefühl, dass der Mann Angst hat."

Heidemann im Interview

Die Konferenz ist zu Ende, die Redakteure gehen in ihre Büros, da läuft Ingrid Kolb der Nachrichtenchef entgegen. Er ruft: Sie sind falsch! Diese höchst unwillkommene Eilmeldung war kurz zuvor um 13.27 Uhr über den Nachrichten-Ticker der Agentur AP eingelaufen.

Auch Gerd Heidemann hört diese Meldung in den Nachrichten. Er befindet sich auf Recherchereise in Süddeutschland und sitzt gerade im Auto. "Also die Beine waren wir gelähmt, ich konnte kaum noch Gas geben, ich war ja auf der Autobahn kurz vor Prien, glaube ich. Und hab dann nur gedacht, wenn jetzt eine Autobahnbrücke kommt, fährste gegen den Pfeiler", erinnert sich der Reporter.

Doch Heidemann will nicht aufgeben, er fängt sich und beschließt, ganz Spürhund, weiter zu recherchieren. Besonders Conny, seinen Freund aus Stuttgart, der ihm die Tagebücher doch aus der DDR beschafft hat, muss er dringend erreichen. Was sagt Conny Fischer zu den Fälschungen? Das alles in Folge 6 von Faking Hitler. (Im Player oben und auf Apple Podcasts, Spotify und Deezer. Und hier geht es zur Übersicht aller Folgen.)

Die Original-Artikel von 1983:

stern 18/83: Der Fund der "Hitler-Tagebücher"

Henri Nannens Editorial über die Hitler-Tagebücher

Der große Hauptartikel über den Fund der Hitler-Tagebücher

stern 20/83: Die Hitler-Tagebücher entpuppen sich als Fälschung

Henri Nannens Editorial über die Beweise, dass die Tagebücher gefälscht sind.

stern 21/83: Der stern arbeitet den Skandal auf

Henri Nannens Editorial über den Fälschungsskandal

Ausführliche Recherche über den Tagebuchfälscher Konrad Kujau

stern 22/83: Wie der Skandal den stern in eine tiefe Krise stürzt

Ausführliche Dokumentation darüber, was sich in der Redaktion abspielte, nachdem bekannt wurde, dass die Tagebücher gefälscht waren.

Leserbriefe zum Fälschungsskandal

Spöttische Reaktionen der Weltpresse