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Podcast "Faking Hitler": Folge 7: Was wusste er? In der "Folternacht" wird Reporter Heidemann in die Mangel genommen

Die falschen Hitler-Tagebücher erschüttern den Verlag Gruner+Jahr. Es kommt zu Streit, zu Redaktionsbesetzungen, zu nächtelangen, gnadenlosen Verhandlungen und Vernehmungen. Was haben Heidemann und Kujau da angestellt? Ist das der Anfang vom Ende für den stern?

Nach der Redaktionskonferenz am 6. Mai 1983 sind alle Redakteure auf dem Weg in ihre Büros. Da stürmt ihnen der Chef der Nachrichtenredaktion auf dem Gang entgegen und ruft: "Sie sind falsch!". So erinnert sich die damalige stern-Redakteurin und spätere Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule, Ingrid Kolb, an den GAU, der das Magazin erschütterte, als die Hitler-Tagebücher sich als gefälscht herausstellten.

Auch Michael Seufert war in dieser Zeit beim stern. 1983 war er Ressortleiter für den Bereich "Deutschland aktuell". "Diese Nachricht hat natürlich alle Leute wie ein Donner gerührt", sagt er. "Es war Riesenaufregung im Haus, und wir konnten das überhaupt nicht begreifen."

Die Tagebücher waren tatsächlich gefälscht, die Skeptiker hatten Recht behalten. Michael Seufert ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie sehr ihn die ganze Geschichte noch beschäftigen würde. Und auf einmal klingelte sein Telefon, erzählt er: "Dann rief mich eine Stunde später Henri Nannen an. Ich sollte mal in die siebte Etage kommen, wo der Vorstand von Gruner+Jahr sitzt. Und dann bin ich da raufgegangen. Da war um den Konferenztisch von Schulte-Hillen (dem damaligen Vorstandsvorsitzenden, Anmerkung der Redaktion) der Vorstand versammelt, und es waren wirklich steingraue Gesichter, da war das blanke Entsetzen. Und Nannen sagte zu mir mit seiner festen Stimme: Herr Seufert, übernehmen Sie das. Klären Sie das auf, wer uns da reingelegt hat."

Heidemann wird stundenlang verhört

Michael Seufert knüpfte sich in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai 1983 gemeinsam mit seinen Kollegen den Reporter Gerd Heidemann vor. Auch Ressortleiter Thomas Walde, der laut Heidemann von Anfang an akribisch in die Recherche eingebunden war, ist dabei. Von dieser Nacht der Befragung gibt es eine Tonbandaufnahme, Eingeweihte sprechen auch heute noch von der "Folternacht". Weil die Männer da so in die Mangel genommen wurden. Die Aufnahmen zeugen von der Unwissenheit der Kollegen, von Verzweiflung und Ungläubigkeit. Heidemann erscheint müde und überfordert. Nach wie vor verteidigt er Kujau und ist immer noch von der Echtheit der Tagebücher überzeugt, wie zu hören ist.

Die Ausschnitte der Original-Tonbandaufnahmen der "Folternacht", was Seufert Heidemann heute noch vorwirft, und wen der Reporter versucht, bis zum Schluss zu decken - das alles gibt es in Folge 7 von Faking Hitler. (Im Player oben und auf Apple Podcasts, Spotify und Deezer. Und hier geht es zur Übersicht aller Folgen.)

Die Original-Artikel von 1983:

stern 18/83: Der Fund der "Hitler-Tagebücher"

Henri Nannens Editorial über die Hitler-Tagebücher

Der große Hauptartikel über den Fund der Hitler-Tagebücher

stern 20/83: Die Hitler-Tagebücher entpuppen sich als Fälschung

Henri Nannens Editorial über die Beweise, dass die Tagebücher gefälscht sind.

stern 21/83: Der stern arbeitet den Skandal auf

Henri Nannens Editorial über den Fälschungsskandal

Ausführliche Recherche über den Tagebuchfälscher Konrad Kujau

stern 22/83: Wie der Skandal den stern in eine tiefe Krise stürzt

Ausführliche Dokumentation darüber, was sich in der Redaktion abspielte, nachdem bekannt wurde, dass die Tagebücher gefälscht waren.

Leserbriefe zum Fälschungsskandal

Spöttische Reaktionen der Weltpresse