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Podcast "Faking Hitler": Folge 8: Gefälschte Beweise vor Gericht: Wer wollte den Reporter in Misskredit bringen?

Die Hitler-Tagebücher sind gefälscht. stern-Reporter Gerd Heidemann und Fälscher Konrad Kujau kommen in Untersuchungshaft. Das Gericht arbeitet den Fall auf. Dabei sieht sich Heidemann als Sündenbock dargestellt. Erst recht, als dubiose Unterlagen vor Gericht auftauchen.

Bei Tagebuch-Fälscher Konrad Kujau ist der Fall klar. Er ist geständig und wird vom Landgericht Hamburg wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt. Und er akzeptiert seine Strafmaß mit fast schon stoischer Gelassenheit. Im Gegensatz zu Reporter Gerd Heidemann: Der sah sich zu Unrecht auf der Anklagebank. Und er hat den Eindruck, dass sich die Justiz, die Staatsanwaltschaft, auf ihn eingeschossen hat.

Kann das sein? Jemand, der das vielleicht weiß, ist Olof Masch. Er war damals der zuständige Haftrichter für Kujau und Heidemann. Und er berichtet von Unstimmigkeiten zwischen ihm und der Hamburger Staatsanwaltschaft. "Es gab so ein bisschen Geknirsche, will ich mal ganz vorsichtig sagen, weil das bei dem Kollegen eingetragen war, der meine Vertretung gemacht hat, was eigentlich nicht üblich ist", erzählt Masch. "Ich hatte aber durchaus den Ehrgeiz, diesen spannenden Fall natürlich selber zu machen, außerdem gelten bei Haftrichtern strikte Zuständigkeitsregeln, die nicht gekippt werden können." Er habe sich gerade machen müssen, erinnert sich Masch, um den Fall zu behalten: "Mein Eindruck, will ich mal vorsichtig sagen, war damals, ich hatte durchaus häufiger andere Meinungen als die Staatsanwaltschaft, dass man das von der Staatsanwaltschaft her lieber bei dem Kollegen gesehen hätte."

Masch behält den Fall. Und erlebt, wie unterschiedlich die beiden Insassen mit ihrem Schicksal umgehen: "Von Anfang an hatte ich den Eindruck, dass Heidemann sehr verbittert war. Heidemann sah sich von unserem ersten Zusammenkommen an als Opfer. Er war ein Justizirrtum, er war unschuldig." Während der Umgang mit Kujau sehr freundlich, ein bisschen lustig, nahezu kumpelhaft gewesen sei. "Kujau hat nie in Frage gestellt, dass er in Haft bleibt, das war aber auch kein Problem für ihn. Er konnte mit jedem gut. Er hat mir das auch nie übel genommen, dass ich mehr oder weniger dafür zuständig war, dass er eingesperrt war."

Und Kujau schenkt Masch eine Karikatur zu Weihnachten, die der immer noch in seinem Arbeitszimmer hängen hat. Darauf zu sehen: der Haftrichter Masch, Konrad Kujau und Adolf Hitler.

Die Karikatur, die Kujau Untersuchungsrichter Masch zu Weihnachten geschenkt hat. Unter dem Bild steht:  Untersuchungsrichter Masch: "Bitte werden sie sich einig, welchen Namen ich nun auf den Haftbefehl schreiben soll, einer von ihnen muss hinter Gitter."  Ganz unten steht: Frohe Weihnacht und ein gutes 1984 wünscht Ihnen Konrad Kujau

Die Karikatur, die Kujau Untersuchungsrichter Masch zu Weihnachten geschenkt hat. Unter dem Bild steht:

Untersuchungsrichter Masch: "Bitte werden sie sich einig, welchen Namen ich nun auf den Haftbefehl schreiben soll, einer von ihnen muss hinter Gitter."

Ganz unten steht: Frohe Weihnacht und ein gutes 1984 wünscht Ihnen Konrad Kujau

Der Prozess gegen Heidemann zieht sich. Immer wieder tauchen neue kuriose Geschichten auf, die Heidemann in Misskredit bringen. So recherchiert ein stern-Kollege in Südamerika Unterlagen, die belegen sollten, dass Heidemann in Paraguay Land gekauft habe. Von der Firma "Productos Paraguayos". Doch bei diesem Auszug aus dem Handelsregister gibt es eine gewaltige Unstimmigkeit. Mehr zum Prozess in Folge 8 von Faking Hitler. (Im Player oben und auf Apple Podcasts, Spotify und Deezer. Und hier geht es zur Übersicht aller Folgen.)


Die Original-Artikel von 1983:

stern 18/83: Der Fund der "Hitler-Tagebücher"

Henri Nannens Editorial über die Hitler-Tagebücher

Der große Hauptartikel über den Fund der Hitler-Tagebücher

stern 20/83: Die Hitler-Tagebücher entpuppen sich als Fälschung

Henri Nannens Editorial über die Beweise, dass die Tagebücher gefälscht sind.

stern 21/83: Der stern arbeitet den Skandal auf

Henri Nannens Editorial über den Fälschungsskandal

Ausführliche Recherche über den Tagebuchfälscher Konrad Kujau

stern 22/83: Wie der Skandal den stern in eine tiefe Krise stürzt

Ausführliche Dokumentation darüber, was sich in der Redaktion abspielte, nachdem bekannt wurde, dass die Tagebücher gefälscht waren.

Leserbriefe zum Fälschungsskandal

Spöttische Reaktionen der Weltpresse