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Nummer gegen Kummer Ängste, Belastung und Einsamkeit: Auch Kinder brauchen Telefonberatung

Homeschooling macht vielen Eltern und Kindern zu schaffen.
Homeschooling macht vielen Eltern und Kindern zu schaffen.
© Getty Images
Homeschooling, Kontaktbeschränkungen und die damit einhergehende Überforderung: Eltern und Kinder sind am Limit. Und das merken auch die Telefonberater. Wir haben mit Anna  Zacharias von Nummer gegen Kummer e.V. gesprochen. Der Verein bietet Telefonberatung für Kinder, Jugendliche und Eltern.

Der Druck in den Familien steigt. Homeschooling, Arbeit, Haushalt und Freizeit unter einen Hut zu bekommen, ist fast unmöglich. An irgendeinem Punkt scheitern Eltern an diesen Anforderungen. Und viele greifen dann zum Telefon und rufen die Nummer gegen Kummer an. Um sich mal Luft zu machen und einfach mal jemand zum Zuhören zu finden. Aber auch Kinder müssen ihre Nöte loswerden. Denn gerade jetzt sind viele Eltern verständlicherweise nicht mehr so empfänglich für die Probleme ihrer Kinder. Auch hier kommt die Nummer gegen Kummer ins Spiel. Denn die Telefonberatung kümmert sich nicht nur um Eltern, sondern auch um Kinder und Jugendliche. Wir haben mit Anna Zacharias, Fachreferentin für Öffentlichkeitsarbeit und Online-Beratung bei Nummer gegen Kummer e.V. gesprochen.

stern: Was hat sich bei den Gesprächen geändert? Welche Nöte und Sorgen treten jetzt vermehrt auf?

Anna Zacharias, Fachreferentin Öffentlichkeitsarbeit und Online-Beratung
Anna Zacharias, Fachreferentin Öffentlichkeitsarbeit und Online-Beratung
© privat

Anna Zacharias: "Junge Menschen, die uns über das Kinder- und Jugendtelefon oder die Online-Beratung erreichen können, suchen normalerweise häufig Rat und Unterstützung zu den Themenbereichen "Partnerschaft, Liebe und Sexualität". Seit der Corona-Pandemie gibt es hier deutliche Verschiebungen. "Normale" Probleme und Sorgen treten in den Hintergrund, die Corona-Krise beschäftigt die jungen Menschen zunehmend. So kommt es vermehrt zu Beratungen bei psychischen Probleme, Einsamkeit und Konflikte innerhalb der Familie und auch Gewalterfahrungen werden verstärkt thematisiert. In den Gesprächen am Elterntelefon stehen Kinder im direkten oder indirekten Fokus der Beratung. Auch viele Eltern rufen derzeit an, um über ihre aktuellen und akuten Belastungen in der Krisensituation zu sprechen - zum Beispiel Gefühle der Verunsicherung und Überforderung, Konflikte in der Familie und auch um präventiv Konfliktsituationen angemessen begegnen zu können. Für circa zwanzig Prozent der anrufenden Eltern war Corona im vergangenen Jahr der Aufhänger für ein Beratungsgespräch bei uns."

Wie ist der Arbeitsdruck derzeit? Können Sie den Anrufen noch gerecht werden?

"Nach wie vor hoch. Seit März 2020 ist ein deutlicher Anstieg von Anfragen sowohl an unseren Telefonen, hier insbesondere am Elterntelefon (in 2020 64 Prozent mehr Beratungen als in 2019) und in der Online-Beratung (in 2020 31 Prozent mehr Beratungen als in 2019) für Kinder und Jugendliche zu verzeichnen. Gerade in diesen schwierigen Zeiten haben die leicht erreichbaren und »kontaktlosen« Beratungsangebote der Nummer gegen Kummer eine sehr hohe Bedeutung, da sie – unkompliziert und leicht erreichbar – gut dazu beitragen können, Be- und Überlastungen sowie Ängste abzubauen, und helfen können, Konflikte und Isolationen aufzulösen. Der Trend setzt sich fort: Im ersten Quartal 2021 gab es bereits 6 Prozent mehr Beratungen als im ersten Quartal des Vorjahres.

Um den Familien in Deutschland – Eltern, Kindern und Jugendlichen – in der aktuellen Situation noch mehr persönliche Unterstützung sowie Entlastung, Beratung und Information zu ermöglichen, haben wir mit Unterstützung des BMFSFJ unsere Beratungsangebote bereits seit April 2020 deutlich ausgeweitet: durch längere Erreichbarkeit am Telefon und auch in der Online-Beratung. Die Beratungszeiten wurden und werden aktuell neben den ehrenamtlichen Berater*innen der Nummer gegen Kummer, die sich vielfach angesprochen sehen, trotz erschwerter Bedingungen und Restriktionen, ihren Dienst an den Beratungsangeboten zu leisten, zusätzlich noch durch hauptamtliche Fachkräfte des Dachverbandes gewährleistet."

Gibt es auch positive Nachrichten, die Sie in den letzten Monaten gehört haben?

"Auf jeden Fall. Nicht alle kommen schlecht durch diese Zeit. Wir erleben zum Beispiel auch Kinder, die davon berichten, dass ihre Familien durch die Krise mehr zusammengewachsen sind oder sie sich in der Schule verbessert haben. Auch erhalten wir aktuell sehr viele positive Rückmeldungen von Eltern und Kindern, die sich gut beraten gefühlt haben, und denen wir in ihrer individuellen Situation weiterhelfen konnten.

Gleichzeitig hat die Telefonberatung einen besonderen Stellenwert erfahren. Von manchen bereits als Auslaufmodell bezeichnet, hat das Telefon nun quasi eine Renaissance erfahren. Durch die Corona Krise hat Nummer gegen Kummer mit all seinen Beratungsangeboten eine deutliche Aufwertung erfahren. Diese Aufwertung hat sich auch in der öffentlichen Wahrnehmung gezeigt. Selten zuvor hatten wir so viele Anfragen von den Medien, aber auch von anderen Institutionen oder interessierten Bürgern, die uns ihre Hilfe angeboten haben.

In diesem Zusammenhang haben wir uns natürlich auch sehr über die Einbindung in die aktuelle Telekom Kampagne „Unser Platz für eure Hilfe“ gefreut. Mit der Aktion - die eine große Reichweite hat und Maßnahmen umfasst, die wir uns als gemeinnütziger Verein in diesem Umfang nicht leisten könnten – hilft uns das Unternehmen in diesen schwierigen Zeiten unsere kostenlosen und vertraulichen Angebote bei Kindern, Jugendlichen und auch Eltern bundesweit noch bekannter zu machen und unterstützt uns damit in unserem Ziel, möglichst „Kein Hilferuf ungehört zu lassen“".

Denken Sie, dass die Isolation und Homeschooling bleibende Folgen für Kinder und Eltern haben wird?

"Wir teilen zumindest die Sorge darüber. Die Themen psychische Probleme, Einsamkeit und auch Ängste waren immerhin im letzten Jahr unter den 10 häufigsten Beratungsthemen bei den jungen Ratsuchenden, das Thema Überforderung und Hilflosigkeit das häufigste Thema am Elterntelefon. Studien wie Copsy 2021 und BiB 2020 verstärken diese Sorgen."


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