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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Meine Frau tut alles für unsere erwachsene Tochter - dabei nutzt die sie nur aus"

Sind die Kinder aus dem Haus, hat man endlich Zeit als Paar - dachte Wolfgang. Doch seine Frau kümmert sich ständig um die erwachsene Tochter. Wolfgangs Ansicht nach sollte die ihr Leben endlich selbst in die Hand nehmen. Wie lässt sich der Konflikt auflösen?

Wenn die erwachsene Tochter ihr Leben nicht in die Hand nehmen will, sorgt das bei den Eltern für Frust

Wenn die erwachsene Tochter ihr Leben nicht in die Hand nehmen will, sorgt das bei den Eltern für Frust

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Meine Frau und ich geraten oft aneinander, weil sie sich meiner Meinung nach zu viel um unsere 24-jährige Tochter (Cleo) kümmert. Unsere Tochter ist ziemlich schwierig, sie hat ihr Abitur nicht geschafft, war in der Schule immer desinteressiert, hatte keine Interessen und mochte am liebsten "chillen". Das setzt sich nun seit vier Jahren fort. Unsere Tochter jobbt mal hier, mal dort, kann mit Geld nicht umgehen und fragt dann nach mehr. Meine Frau kann nicht Nein sagen und bügelt dann das Konto glatt oder schenkt ihr teure Klamotten  und ähnliches (Wintermantel, Markenschuhe, das neueste iPhone). Vor einem Jahr ist Cleo endlich ausgezogen, so dass das Problem sich etwas entfernt hat. Ich hatte gehofft, dass wir nur endlich mehr Zeit und Aufmerksamkeit füreinander haben. Weit gefehlt! Wir haben noch einen 28-jährigen Sohn, der selbstständig ist. Ich arbeite mittlerweile in Altersteilzeit und hätte mehr Luft für gemeinsame Unternehmungen.

Aber meine Frau dreht sich weiterhin um Cleo. Sie telefoniert täglich mit ihr und schlägt dann Jobs vor, hilft ihr bei der Wohnungssuche und ist dann beleidigt und besorgt, wenn es nichts bringt oder Cleo wieder undankbar ist, mehr Geld fordert und auch unehrlich ist. Sie hat die Miete für ihre Wohnung nicht gezahlt, weil sie nur wenig gejobbt hat. Meine Frau ist eingesprungen, weil sie ihr die Wohnung über Bekannte besorgt hatte und keinen Ärger mit den Bekannten haben möchte. Jetzt zahlt meine Frau die Miete zum großen Teil, obwohl eigentlich vereinbart war, dass Cleo die Miete selbst trägt oder sich zur Not einen Untermieter suchen muss.

Ich kann finanziell nichts dagegen sagen, da meine Frau schon früh von ihren Eltern Immobilien geerbt hat.

Ich kann es nur nicht mit ansehen, wie meine Frau sich von Cleo einwickeln lässt und ihr ein sorgloses Lotterleben finanziert. Cleo muss ihr Leben selbst in die Hand nehmen, aber sie wird ja immer in Watte gepackt.

Meine Frau und ich streiten uns oft darüber. Mein Verhältnis zu Cleo ist angespannt, weil ich es nicht billige, was sie mit ihrem Leben macht. Doch von mir will sie auch nichts wissen, sondern sie wendet sich an meine Frau, weil sie dort ihre Wünsche erfüllt bekommt.

Was kann ich machen, damit meine Frau endlich auf mich hört?

Verzweifelt,

Torsten W.

Lieber Torsten W.,

Es muss sehr zermürbend sein, in Ihrer Familie so alleine dazustehen. Sie haben sich diese Lebensphase ganz anders vorgestellt, als sie sich jetzt darstellt. Ihr Plan war, viel mit Ihrer Frau zu unternehmen und die Zweisamkeit neu zu entdecken und zu genießen, weil Ihre Kinder jetzt erwachsen sind.

Doch weit gefehlt: Ihre Tochter fordert Ihre Frau anscheinend täglich heraus, und sie macht wenig Anstalten, auf eigenen Füßen zu stehen. Ihre Frau kann oder möchte sich nicht gegen die Forderungen Ihrer Tochter abgrenzen, und deshalb stehen Sie als der Buhmann da, der seine Tochter nicht unterstützt und kein Verständnis für ihre Schwierigkeiten hat.

Ich frage mich die ganze Zeit: Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Ihre Frau von Cleo so wenig Leistung fordert und sich so wenig gegen sie abgrenzen kann? War das Verhältnis von Ihrer Frau zu Cleo schon immer so oder ist es erst im Laufe der Kindheit dazu gekommen? Und wie hat sich Ihre Frau Ihrem Sohn gegenüber verhalten?

Oft sind Schuldgefühle eines Elternteils die Ursache dafür, dass Kinder sehr verwöhnt und in Watte gepackt werden. Viele Eltern fühlen sich schuldig, wenn sie getrennt oder geschieden sind, nicht so viel Zeit für ihre Kinder haben oder hatten oder wenn sie meinen, bei der Erziehung der Kinder Fehler gemacht zu haben. Wenn ein Kind chronisch krank ist (z.B. eine Essstörung, Depressionen, eine Psychose oder eine körperliche Erkrankung wie Epilepsie, chronisch- entzündliche Darmerkrankung hat), neigen die Eltern auch dazu, ihr Kind nicht erwachsen werden zu lassen. Sie trauen ihren Kindern nicht zu, alleine mit Schwierigkeiten fertig zu werden - und die Kinder verlassen sich dann oft auf die Mutter oder den Vater, anstatt selbst aktiv zu werden. Trifft einer der genannten Faktoren auf Cleos Kindheit zu?

Haben Sie eine Vermutung, warum Ihre Frau Ihrer Tochter keine Grenzen setzen kann? Mittlerweile hält sich der ungesunde Tanz von Mutter und Tochter in Form eines Teufelskreises aufrecht, weil Cleo für ihre Unselbstständigkeit, ihr Betteln und ihre Passivität von ihrer Mutter belohnt wird. Deshalb zeigt sie mehr Unselbstständigkeit, Betteln und Passivität, und ihre Mutter muss sich mehr engagieren.

Ein paar Beispiele: Cleo vermasselt das Abitur - als Folge kann sie ungestört "chillen" und braucht keine Verantwortung für ihren Lebensunterhalt zu übernehmen. Sie braucht keine lästige Lehre machen, bei der sie früh aufstehen müsste und den Ernst des Lebens kennenlernen könnte. Cleo hat kein Geld - aber sie möchte auch nicht mehr bei ihren Eltern wohnen, also bekommt sie eine Wohnung finanziert. Eigentlich war abgesprochen, dass sie die Wohnung selbst finanzieren muss, aber da sie weder um die Mietzahlung noch um einen Mitbewohner kümmert, springt ihre Mutter ein. Ein Problem weniger.

Cleo lernt dadurch, dass sie sich um nichts kümmern muss, weil ja wie von Zauberhand alles ausgeglichen wird. Das ist für ihr Selbstwertgefühl sehr negativ, denn worauf soll sie stolz sein? Was hat sie erreicht, durch welche Schwierigkeiten hat sie sich durchgebissen?

Ist Ihrer Frau eigentlich bewusst, dass sie durch ihre "Hilfe" Cleo mehr schadet, als dass sie ihr nützt?

Was hat Ihre Frau in ihrer eigenen Lebensgeschichte erlebt und was bedeutet die frühe Erbschaft in diesem Zusammenhang? Sind die Eltern Ihrer Frau früh gestorben und hat sie sich alleine gefühlt, so dass sie nun ihrer eigenen Tochter das Alleinsein ersparen möchte? Oder hat Ihre Frau von lebenden Eltern früh geerbt, damit sie es leichter hat im Leben und sich ihre Wünsche erfüllen kann? Es wäre lohnenswert, dieses Muster zu untersuchen. Möglicherweise zieht sich das Muster "wir müssen unserer Tochter das Leben leicht machen" durch die Generationen. 

Sie fragen mich, wie Sie selbst zu Ihrer Frau endlich durchdringen können. Es wird schwierig, denn Ihre Frau hält hartnäckig an Ihrer Auffassung fest, dass sie als gute Mutter ihr schwieriges Kind unterstützen muss. Leider geht es dabei nur vordergründig um Cleo. Eigentlich zieht Ihre Frau selbst den größten Nutzen aus dieser Geschichte:  Sie fühlt sich durch ihr schwieriges Kind gebraucht und kann sie retten. Vielleicht wird sie von ihrem Umfeld bewundert und bedauert und kann sich als starke Mutter mit einer wichtigen Aufgabe präsentieren. Anscheinend hat Ihre Frau momentan wenig Bestrebungen, ihr eigenes Leben mit Ihnen zu führen - und so klammert sie sich an ihrer problematischen Tochter fest, um sich zu stabilisieren.

Das problematische Muster hat sich über Jahre eingeschliffen. Ihre Frau ist dafür betriebsblind. Im Grunde genommen braucht sie eine Psychotherapie, um selbst herauszufinden, wie co-abhängig sie von ihrer Tochter ist. Sie als Partner könnten alles daran setzen, das Problem zu Hause zu benennen und die Folgen aufzuzeigen. Das wird Ihre Frau nicht gerne hören, da es ihren Lebensinhalt anzweifelt. Es wäre gut, wenn Sie es schaffen, Frau zu einer Therapie zu motivieren. Argumente, die ziehen könnten, wären die Verzweiflung und Sorge Ihrer Frau um Cleo und die Frage, wie man Cleo am besten unterstützen könnte.

Vielleicht können Sie am Anfang auch zusammen Gespräche mit einem Therapeuten führen. Dem können Sie schildern, was Sie wahrnehmen. Wahrscheinlich kristallisiert sich in der Therapie schnell heraus, dass das Problem im Verhältnis zwischen Ihrer Frau und Cleo liegt. Wenn Ihre Frau spürt, dass die Gespräche ihr helfen und sie entlasten, könnte sie die Therapie dann auch alleine fortsetzen. 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit Ihrem Leidensdruck zu Hause Gehör finden und einen Prozess in Gange bringen können, der für Sie drei wieder Entwirrung und Ordnung bringt.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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