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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich bin adoptiert – verletze ich meine Eltern, wenn ich meine leiblichen Eltern suche?

Adoptivkindern ist es oft wichtig, ihre Ursprungsfamilie kennen zu lernen (Symbolbild)
Adoptivkindern ist es oft wichtig, ihre Ursprungsfamilie kennen zu lernen (Symbolbild)
© stsmhn / Getty Images
Schon seit der Kindheit weiß Janne, dass sie adoptiert wurde. Nun, mit dem Auszug Zuhause, will sie sich gerne auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter machen. Sollte sie dabei auf die Gefühle ihrer Eltern Rücksicht nehmen?

Liebe Frau Peirano, 

ich bin 20 und vor einem Jahr von meinen Eltern ausgezogen, weil es insbesondere mit meiner Mutter – oder ich muss sagen Adoptivmutter – Spannungen gab. Ich wusste von klein auf an, dass ich adoptiert bin, aber bisher hat es mich nie wirklich interessiert. Ich hatte meine Eltern – also meine Adoptiveltern – und wuchs sehr behütet und privilegiert auf. Mein Vater hoher Beamter, meine Mutter in einer Versicherung angestellt. Sie waren aber immer etwas anders als ich, sowohl vom Aussehen als auch von der Art.

Doch seit ich ausgezogen bin, lerne ich mich neu kennen. Und da stelle ich mir Fragen: Wer bin ich wirklich? Wer sind meine leiblichen Eltern? Was für Ähnlichkeiten habe ich mit meinen leiblichen Eltern? Warum haben sie mich weggegeben? Ich weiß nur, dass meine leibliche Mutter sehr jung war (15). Aber ist es ihr schwer gefallen, mich wegzugeben? 

Ich würde mich gerne auf die Suche nach meinen leiblichen Eltern begeben. Da es offiziell über die Behörde lief und ich volljährig bin, können die mir auf der Suche nach meiner leiblichen Mutter helfen.

Aber ich habe den Eindruck, dass meine Adoptivmutter – und damit auch mein Adoptivvater – dagegen sind, dass ich meine leiblichen Eltern kennen lerne. Sie haben das direkt nicht gesagt, aber ich kenne sie gut, und sie haben viele kritische Fragen gestellt (was ist, wenn sie in sozial schwierigen Verhältnissen lebt, wenn sie nichts von dir wissen will, kannst du nicht die alten Sachen ruhen lassen) und meine Adoptivmutter hat durchblicken lassen, dass sie Angst hat, mich zu verlieren, wenn ich meine "echten" Eltern wiederfinde. 

Ich bin hin- und hergerissen, aber am liebsten würde ich den Versuch wagen. Oder geht so etwas häufig schief? In den Foren im Internet liest man ganz unterschiedliche Geschichten.

Viele Grüße

Janne Z.

Liebe Janne Z.,

ich kann gut verstehen, dass Sie Ihre leiblichen Eltern suchen wollen. Auch wenn Sie bei Ihren Adoptiveltern eine behütete Kindheit hatten, so gibt es doch bei Fragen zu Ihrer Herkunft ein großes Geheimnis. Es geht sehr vielen Adoptivkindern so wie Ihnen, dass sie im jungen Erwachsenenalter herausfinden wollen, von wem sie abstammen und warum sie weggegeben wurden. Und auch wissen wollen, wer ihre leiblichen Eltern sind und wie es ihnen geht.

Einige Adoptivkinder sind seelisch verletzt darüber, dass ihre leiblichen Eltern sie nicht haben wollten. Es kann sehr hilfreich und versöhnlich sein, mehr über die Umstände zu erfahren. Oft geben junge Mütter (wie Ihre) ein Kind zur Adoption, weil sie sich darüber im Klaren sind, dass sie selbst es nicht schaffen würden, sich gut um das Kind zu kümmern. Und es ist auf eine Art auch ein selbstloser und weitsichtiger Akt, ein Kind nicht zu Pflegeeltern zu geben, sondern zur Adoption freizugeben. Denn dadurch ermöglichen sie dem Kind, in von der Adoptionsstelle ausgewählten Familien aufzuwachsen, so wie Sie es auch erfahren haben. Und in Ihrem Fall scheint Ihre leibliche Mutter nicht gewusst zu haben, in welche Familie Sie gekommen sind, so dass es ihr nicht möglich war, Sie zu finden oder zu Ihnen Kontakt aufzunehmen. Ein harter und konsequenter Schritt für eine 15-jährige!

Es wäre bestimmt hilfreich für Sie, Ihre leibliche Mutter kennen zu lernen und sie zu fragen, warum sie so gehandelt hat. Vielleicht gelingt es Ihnen ja auch, sich in ihre Situation hinein zu versetzen – sie war mit 14/15 Jahren ungewollt schwanger und höchstwahrscheinlich damit emotional überfordert.

Als Adoptivkind haben Sie zwei prägende, aber nicht verbundene Welten in sich. Es gibt die Welt Ihrer Herkunft (derzeit noch völlig fremd und unbekannt für Sie). Aber dennoch gibt es die gemeinsamen Gene mit Ihren leiblichen Eltern und ganz tief verwurzelte Erfahrungen aus der Zeit vor Ihrer Geburt: der Klang der Stimme Ihrer Mutter, Ihre Bewegungen, alle Umstände aus der Schwangerschaft. Möglicherweise sehen Sie sich ähnlich oder haben ähnliche Charaktereigenschaften. Und dann gibt es die vertraute Welt Ihrer Adoptivfamilie, bei der doch möglicherweise grundlegende Unterschied im Aussehen, in der Persönlichkeit und in den Neigungen vorhanden sind, was manchmal auch bei Adoptivkindern zu dem Eindruck führen kann, nicht wirklich dazu zu gehören oder fremd zu sein.

Sie können diese Welten miteinander verbinden und sich ein vollständigeres Bild von sich machen, wenn Sie Ihre leiblichen Eltern kennen lernen. Eine Patientin von mir hat mit 19 Jahren Ihre leibliche Mutter gefunden, und die beiden ähneln sich nicht nur, sondern verstehen sich auch sehr gut. Sie sind seit mittlerweile 25 Jahren in einer sehr liebevollen Verbindung miteinander und unterstützen sich gegenseitig durch alle Höhen und Tiefen des Lebens. Solche Geschichten sind selten, und es gibt auch Adoptivkinder, von denen die leiblichen Eltern nichts wissen wollen. Entweder aus Scham, das Kind weggegeben zu haben, oder weil sie psychisch krank oder in einer schwierigen Lebenssituation sind oder weil sie das Kapitel für sich abgeschlossen haben (z.B. weil die*der neue Partner*in nichts von der Adoption wissen darf).

Es ist ein Wagnis, die leiblichen Eltern zu suchen, und Sie können nicht wissen, was Sie erwartet. Aber nur wenn Sie sich damit auseinandersetzen, können Sie Ihren Platz finden und die beiden fremden Welten zusammen bringen. Möglicherweise gibt es ja irgendwann auch ein Treffen mit Ihren beiden Elternpaaren. Auch das würde das Bild Ihrer Identität vervollständigen.

Und noch etwas: Bitte versuchen Sie, bei sich zu bleiben und sich von der Skepsis und Angst Ihrer Adoptiveltern nicht beeinflussen zu lassen. Ihre Adoptiveltern haben sich bewusst dafür entschieden, Sie zu adoptieren. Und damit auch in Kauf zu nehmen, dass sie noch leibliche Eltern haben und wahrscheinlich eines Tages Sehnsucht oder Neugier bekommen und sich auf die Suche begeben. Sie hingegen haben nichts bewusst entschieden, denn Sie waren ein kleines Kind. Ihre Gefühle sind völlig normal und berechtigt. Es ist ein Menschenrecht, seine eigene Herkunft zu kennen.

Das heißt: Sie machen nichts falsch, wenn Sie Ihre leiblichen Eltern suchen. Sie gehen nur Dingen nach, die für Ihre eigene Identität sehr wichtig sind.

Ich wünsche Ihnen ganz viel Mut und eine positive Begegnung mit Ihren leiblichen Eltern!

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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