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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine Mutter hat viele Probleme. Und ich bin als 19-Jährige damit überlastet ihr zu helfen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Wenn sich die Rolle von Kindern und Eltern zu früh tauscht, kann das zu Problemen führen (Symbolbild)
Wenn sich die Rolle von Kindern und Eltern zu früh tauscht, kann das zu Problemen führen (Symbolbild)
© fizkes / Getty Images
Eigentlich würde Annalena gerne das Studium genießen, ihre Freunde treffen und eventuell ausziehen. Doch dazu fühlt sie sich zu sehr für ihre Mutter verantwortlich. Wie kann sie sich mehr Freiheit schaffen?

Liebe Frau Peirano,

ich bin 19 und lebe noch mit meinem Bruder (17) und meiner Schwester (21) zu Hause bei meiner Mutter. Ich studiere im zweiten Semester. Meine Eltern sind seit fünf Jahren getrennt. Ich mache mir große Sorgen um meine Mutter. Sie hat ziemlich viele Probleme und niemanden außer mir, mit dem sie reden kann. Ich bin die, die sie am besten versteht.

Ein großes Problem ist das Geld. Meine Mutter arbeitet halbtags, jetzt in Kurzarbeit. Sie ist 53 und hat wohl wenig für das Alter vorgesorgt. Jetzt bekommt sie noch alles von meinem Vater bezahlt, sie bekommt Kindergeld und recht viel Unterhalt für uns (600 Euro für jedes Kind). Aber sie hat Angst, dass das irgendwann aufhört, wenn wir Kinder aus dem Haus sind. Ich glaube, dass ich gerne bald ausziehen würde, weil die Situation zu Hause mich schon ganz schön belastet. Aber ich habe das Gefühl, dass ich das meiner Mutter nicht antun kann.

Sie hat keine richtigen Freunde und ist ein eher misstrauischer Mensch, auch wegen der Trennung von meinem Vater. Er hat sie am Schluss über Jahre betrogen, und das hat sie nie verwunden. Sie spricht oft von der Zeit, und es belastet mich, so schlechte Dinge über meinen Vater zu hören. Aber wenn ich sie bitte, mir das nicht zu erzählen, wird sie traurig und redet tagelang nicht mit mir.

Meine Mutter hat ziemliches Übergewicht, sie wiegt 90 kg bei 1,65, und deshalb hat sie auch Rückenschmerzen und immer öfter Migräne. Ich habe schon oft versucht, mit ihr Sport zu machen oder länger spazieren zu gehen. Ohne mich bewegt sie sich so gut wie gar nicht. Meine Mutter ist auch ziemlich oft müde und erschöpft, und deshalb mache ich im Haushalt so viel, wie ich kann. Ich koche abends immer für uns alle, kaufe einmal die Woche für uns ein und teile mir mit meinen Geschwistern das Putzen und die Wäsche. Aber trotzdem ist es meiner Mutter nie genug und sie regt sich oft über Kleinigkeiten auf.

Ich nehme eigentlich nie Freunde mit zu uns, weil es meiner Mutter zu viel würde. Ich fühle mich auch nicht wirklich frei bei uns, weil die Stimmung oft angespannt ist.

Ich weiß nicht, wie ich meiner Mutter helfen kann. Eine Therapie habe ich ihr schon vorgeschlagen, aber das will sie nicht.

Viele Grüße

Annalena G.

Liebe Annalena G.,

als ich Ihre Beschreibung gelesen habe, hatte ich den Eindruck, dass vieles in dem Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrer Mutter verdreht ist. Geht es Ihnen auch manchmal so? Wenn ich eine Zuschrift bekomme, in der eine weibliche Person sich über eine andere weibliche Person Sorgen macht und für sie zurück steckt, dann erwarte ich eigentlich, dass es die Mutter ist, die sich über die Tochter Sorgen macht und sich fragt, wie sie sie unterstützen kann. Und dass es die Tochter ist, die "bockig" die Hilfe verweigert und nicht einsehen will, was passiert, wenn sie so weitermacht. 

Man nennt die Vertauschung der Rollen zwischen einem Elternteil und einem Kind auch "Parentifizierung". Es hört sich so an, als wenn Sie die 19-jährige Mutter eines problematischen 53-jährigen Kindes sind, das sich nicht wirklich helfen lassen will.

Ihr Mutter braucht eine Menge Hilfe, um ihr Leben zu ordnen. Sie braucht ärztliche, psychotherapeutische und physiotherapeutische Hilfe, um für ihre Gesundheit zu sorgen, abzunehmen, Sport zu treiben und ihre Migräne in den Griff zu bekommen. Und Sie bräuchte finanzielle Beratung, um Ihre Perspektive im Alter zu klären. Es ist unverantwortlich, diese Unterstützung abzulehnen, weil sie dadurch sich selbst und ihre drei Kinder belastet. Wenn jemand gravierende körperliche Probleme hat (z.B. starke Zahnschmerzen, einen starken Covid-Verlauf oder ein Nierenversagen), dann gibt es überhaupt keine Frage, ob dieser Mensch sich behandeln lassen WILL oder nicht. Es muss gemacht werden.

Im Prinzip hat Ihre Mutter als Verantwortliche für zwei erwachsene und ein fast erwachsenes Kind auch keine Wahlmöglichkeit, ob sie sich behandeln lassen will. Sie muss es tun. Doch hier wird es kompliziert. Nach deutschem Recht würde der Kindesunterhalt und das Kindergeld jedem Kind nach dem 18. Geburtstag selbst zustehen. Das heißt, eigentlich würden Sie selbst (und Ihre Schwester) monatlich ca. 200 Euro Kindergeld plus 600 Euro Unterhalt von Ihrem Vater ausgezahlt bekommen. Davon würden Sie dann Ihre Lebenshaltungskosten wie  Wohngeld (entweder an Ihre Mutter, wenn Sie zu Hause wohnen) oder als Miete in einer WG/Wohnung bezahlen.

Ihre Mutter behält das Geld, das eigentlich Ihnen und Ihren Geschwister zusteht, ein. Haben Sie schon einmal mit ihr darüber gesprochen, wie SIE SELBST dieses Geld eigentlich nutzen möchten? Oder haben Sie den Eindruck, es ist ein Tabu-Thema, zu erwähnen, dass es eigentlich Geld ist, das für Sie und Ihre Ausbildung gedacht ist und nicht als Beitrag für den Lebensunterhalt Ihrer Mutter?

Hier verfestigt sich mein Eindruck, dass es Ihrer Mutter schwer fällt, von ihren eigenen Problemen abzusehen und sich mal in die Lage ihrer Kinder hinein zu versetzen. Eigentlich ist es die Aufgabe von 21-jährigen oder 19-jährigen, erste Schritte in ein unabhängiges Leben zu wagen.  Sie haben noch keine Verantwortung für eigene Kinder, und das ermöglicht Ihnen, Ihr Leben zu genießen, Ihre Ausbildung oder Ihr Studium zu verfolgen, sich auszuprobieren und herauszufinden, wie und mit wem Sie leben möchten. Das könnte bedeuten, dass Sie auf Reisen gehen oder in einer eigenen Wohnung oder einer WG mit Gleichaltrigen leben.

SternTV: Wie Mütter und Väter werden im Job diskriminiert – weil sie Eltern sind

Ihr Leben klingt so belastet wie das einer 53-jährigen alleinerziehenden Mutter von drei Kindern mit diversen Problemen: Sie machen sich Sorgen um Ihre Mutter, erledigen eines Großteil der Aufgaben im Haushalt, Sie stecken zurück und übernehmen viel zu viel Verantwortung für die Familie.

Was glauben Sie denn, wohin diese unbewältigte Situation führt, wenn Sie so weitermachen wie bisher? Was wird passieren, wenn Ihr Vater eines Tages (z.B. wenn Ihre Ausbildungen beendet sind) nicht mehr so viel Unterhalt bezahlt, das Kindergeld wegfällt ? Oder wenn Ihr Vater sich dann scheiden lässt und damit klare finanzielle Verhältnisse gemacht werden? Werden Sie dann auf Ihre eigene Zukunft verzichten (Partnerschaft, eigene Familie, Unabhängigkeit, beruflichen Erfolg, Freizeit…), um Ihre Mutter aufzufangen? Und was wird dann, wenn Ihre Mutter in Rente geht oder pflegebedürftig wird?

Ich kann mir vorstellen, dass diese Szenarien für sie bedrohlich sind - aber die Realität ist es auch! Ihre Mutter nimmt sich  - ohne Ihre Einwilligung - die Freiheit und Unabhängigkeit, die eigentlich für Ihre Lebensphase wichtig ist. Sie behält Ihr Geld ein, betrachtet Ihre Hilfe im Haushalt als selbstverständlich (und schimpft sogar noch, statt Ihnen zutiefst dankbar zu sein). Sie nutzt Sie als Seelsorgerin, ohne Ihre gut gemeinten Hilfestellungen zu befolgen. Und sie respektiert Ihre Grenzen nicht, wenn Sie berechtigterweise keine negativen Geschichten über Ihren Vater anhören wollen. Ihre Mutter ist dadurch kein Vorbild und keine Unterstützung für Sie.

Es ist bestimmt hart, dass einmal so von mir gespiegelt zu bekommen. Aber im Grunde genommen braucht Ihre Mutter Hilfe von kompetenter Seite. Sie ist erwachsen und muss entscheiden, ob sie diese annimmt oder nicht. 

Wer aus meiner Sicht aber wirklich Hilfe braucht, sind Sie. Sie bräuchten Hilfe dabei, sich abzugrenzen und Ihre Schuldgefühle zu bewältigen, die Ihnen einreden, Sie müssten Ihre Mutter retten. Wie wäre es denn, wenn Sie einmal mit Ihrem Vater über die Situation sprechen? Er hat es ja immerhin geschafft, sich von Ihrer Mutter zu trennen und "nur noch" für ihre finanziellen Bedürfnisse aufzukommen. Gibt es sonst jemanden in der Familie, der Ihnen helfen kann, z.B. eine kluge Tante oder Großeltern, die schon angedeutet haben, wie sie die Situation sehen?

Auf jeden Fall würde ich Ihnen empfehlen, eine Psychotherapie zu machen. Denn aufgrund Ihrer erlernten Schuldgefühle (du musst für andere da sein, sonst ist Mama traurig/beleidigt und du bist böse) könnten Sie Ihr Leben lang in dieser Situation gefangen sein. Dadurch würden Sie Ihr eigenes Leben opfern, und vermutlich wird es Ihnen nie gelingen, Ihre Mutter zu retten. Das müsste diese schon selbst tun.

Ich hoffe sehr, dass es Ihnen gelingt, in einer Therapie an Ihren Schuldgefühlen und Ihrem Selbstwertgefühl zu arbeiten. Und dann Grenzen zu ziehen, die für Sie gesund sind.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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