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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich wünsche mir Sex mit anderen, mein Mann boykottiert das. Haben wir eine Zukunft?

Jemanden anderen ins gemeinsame Schlafzimmer zu holen, ist für Karin reizvoll (Symbolbild)
Jemanden anderen ins gemeinsame Schlafzimmer zu holen, ist für Karin reizvoll (Symbolbild)
© efenzi / Getty Images
Sex mit nur einem Mann ist Karin auf Dauer zu wenig. Daher wünscht sie sich Erfahrungen mit anderen Männern - gerne auch gemeinsam mit ihrem Ehemann. Doch der weigert sich. Gibt es eine Lösung?

Guten Tag,

ich (w, 34) bin seit elf Jahren mit meinem Partner zusammen, wir sind mittlerweile glücklich verheiratet und haben zwei Kinder.

Als ich jünger war, war ich gerne mit verschiedenen Partnern sexuell aktiv (diese wussten auch davon) und ich hatte auch eine offene Beziehung, in der wir über alles sprechen konnten, uns unseren sexuellen Freiraum gönnten, aber uns emotional monogam fühlten. Also kuscheln, übernachten, Ausflüge, tiefsinnige Gespräche etc behielten wir uns für uns vor (Die Beziehung ging dann auseinander, war aber nicht dem Beziehungsmodell der Offenheit geschuldet).

Mein heutiger Partner hat mich damals so kennengelernt und wusste um meine Einstellung. Er wollte von Anfang an eine feste Beziehung, was ich eine Weile lang ablehnte und auch danach hatten wir einen holprigen Start, weil wir uns beide nicht ineinander einfühlen konnten, was die sexuelle (Poly/Mono) Einstellung anging. Aber alles andere passte so wunderbar und die Verliebtheit verleitete uns dazu, Zugeständnisse zu machen. Aufgrund seines verletzten Verhaltens brach ich dann allerdings auch die letzten sexuellen Kontakte außerhalb der Beziehung ab.

Lange habe ich mich dann mit der monogamen Beziehung begnügt, wobei ich immer kommuniziert habe, dass das nicht das ist, was mich auf Dauer glücklich macht. Wir versuchten dann erst mal einen vorsichtigen Start mit Club/Event-Besuchen mit Zuschauern, die mein Mann allerdings nie an mich heran ließ. Wir versuchten es mit uns als Paar und einer Frau dazu, womit mein Partner keinerlei Probleme hatte, obwohl auch ich in sexuellem Kontakt mit ihr war. Gegen einen einzelnen Mann erhob er vehement Einspruch, also hielten wir uns weiter an ffm und er machte wieder verbale Eingeständnisse für ein Paar/Paar-Treffen, das jedoch so lange nicht zustande kam, dass ich aus Wut und Verzweiflung Analverkehr aus unserem Repertoire strich, um ihn genauso auf Verzicht zu setzen wie er mich (Emotional vielleicht nicht sonderlich reif, aber ich war so frustriert nach all den Jahren.)

Irgendwann (nach etwa neun Jahren!!) war dann endlich das lang ersehnte Paar/Paar-Treffen. Es war nicht das perfekte Paar für uns, aber in Ordnung. Wir trafen uns 2-3 mal, aber so wirklich begeistert schien mein Mann nicht, sogar die Erektion ließ plötzlich zu wünschen übrig. Wir machten dann keine weiteren Treffen ab.

Nun würde ich gerne alleine einen Mann oder ein Paar treffen und habe darüber viele intensive, nervenaufreibende, manchmal halbwegs konstruktive, manchmal komplett unkonstruktive Gespräche mit meinem Mann geführt. Grundsätzlich vermeidet er das Thema gerne, weicht aus oder lenkt ab. Ich habe ihn gebeten, die Gespräche wenigstens wertfrei anzugehen, was ihm manchmal gelingt, manchmal aber auch komplett daneben geht. Ständig findet er wieder einen Grund, irgendeine Situation negativ zu nehmen und daraufhin die Entscheidung wieder heraus zu zögern, zu verweigern oder zurück zu stellen. 

Ich habe das Gefühl, mich nicht offen und ehrlich mit ihm unterhalten zu können, ohne Angst zu haben, wieder einen "Rückschlag" einstecken zu müssen. 

Nun frage ich mich, ob ich meine Ehe evtl. aufs Spiel setze, denn so sehr er sich bemüht, das Thema fällt ihm sichtlich schwer. Andererseits frage ich mich auch, wie lange ich noch so weitermachen und meine Bedürfnisse ständig zurückdrängen kann und worin das evtl. eines Tages enden könnte. Werde ich ihn betrügen (Habe ich nicht vor)? Werde ich mich selbst kaputt machen, weil ich meine Bedürfnisse ignoriere (Das klingt schon eher nach mir)? Werde ich ihn kaputt machen, weil ich zu viel Entgegenkommen von ihm verlange? Darf ich nach über elf Jahren nicht einfach mal etwas Mut und Entgegenkommen verlangen (Klar würde alles nach Regeln und Absprachen und nichts heimlich passieren, das weiß er auch)? Wird es ein ewiges Streitthema bleiben und uns kaputt machen? Müssten wir uns eigentlich trennen, obwohl wir uns lieben? Kann ich ihm irgendwie noch helfen mich zu verstehen? Haben sie einen guten Ratschlag zu der etwas verzwickten Situation?

Mit freundlichen Grüßen

Karin B.

Liebe Karin B.,

Es liegt auf der Hand, dass Sie und Ihr Mann von Anfang einen ungeklärten Konflikt bezüglich der Frage haben, ob man auch mit anderen Partner*innen Sex haben darf. Ihre Standpunkte und Bedürfnisse waren von Anfang an sehr unterschiedlich. Ihr Partner war gegen eine offene Beziehung, Sie brauchen das. Und dann haben Sie sich dazu entschlossen, Ihrem Partner zuliebe auf sexuelle Kontakte außerhalb der Beziehung zu verzichten, obwohl Sie das eigentlich nicht wollten. 

Nun sind elf Jahre vergangen, und an Ihren unterschiedlichen Standpunkten hat sich nicht wirklich etwas verändert. Sie beide hoffen, dass der andere sich irgendwann verändert und Ihnen entgegen kommt. Das heißt: Ihr Mann hofft, dass Sie endlich das leidige Thema lassen und eine monogame Beziehung führen (oder sich zumindest mit ffm begnügen). Und Sie warten darauf, dass Ihr Mann endlich grünes Licht für Ihre außerehelichen sexuellen Begegnungen gibt. 

Ich finde es grundsätzlich schwierig, wenn jemand in einer Beziehung seine*n Partner*in verändern möchte. Insbesondere, wenn der andere nie gesagt hat, dass er selbst sich in diese bestimmte Richtung verändern möchte. Das führt in der Regel zu viel Leid: Zu Machtkämpfen, zu faulen Kompromissen, zu dem Gefühl, nicht zu genügen. Wenn man das Thema auf ein anderes Gebiet verlagert und sich vorstellt, man wünscht sich, dass die Partnerin noch studiert (obwohl sie zufrieden mit ihrem Beruf ist) oder dass der Partner sich für Ballett und die Oper interessiert (obwohl er glühender Fußballfan ist), wird klar, wie schwierig das Thema ist. 

Ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen beiden auch so geht. Ihr Mann hat das Gefühl, Ihnen als Partner nicht zu genügen, weil Sie sich auch für sexuelle Beziehungen mit anderen öffnen wollen. Und Sie haben das Gefühl, dass Ihr Partner Ihnen viele mögliche Erfahrungen mit anderen verbietet oder verdirbt.

Leider gibt es aus meiner Sicht einige Themen in einer Partnerschaft, bei denen Kompromisse und Absprachen nicht möglich sind, weil sie zu tiefgreifend oder zu emotional sind. Zum Beispiel gibt es keinen sauberen Kompromiss, wenn einer Kinder möchte und der andere nicht. Meistens führt das zu großer Unzufriedenheit und zu Leid. Und beim Thema sexuelle Treue gibt es oft auch keinen befriedigenden Kompromiss, weil die damit verbundenen Gefühle und Vorstellungen sehr tief verwurzelt und sehr unterschiedlich sind. Was für den einen Freiheit, Lust und Abenteuer bedeutet, ist für den anderen möglicherweise mit Bedrohung, Ekel und Angst verbunden.

Und trotzdem versuchen Sie beide immer wieder, einander zu verändern und zu etwas zu bewegen, was als sehr unangenehm empfunden wird. Wenn ich Ihnen jetzt raten würde, sich damit zu begnügen, was für beide angenehm ist (also der kleinste gemeinsame Nenner ffm), dann haben Sie das Gefühl, auf Ihre Freiheit verzichten zu müssen. Auf der anderen Seite kann ich Ihnen auch nicht raten, weiter zu drängen, dass Ihr Mann offener für andere Erfahrungen wird oder Sie alleine gewähren lässt. Sie merken ja an seiner gesamten Reaktion (inkl. Widerstand, Zögern, Ausweichen, nicht vorhandener Erektion), dass er sich nicht wohl fühlt.

Insofern habe ich keine wirkliche Lösung für Sie. Sie haben sich vor elf Jahren auf die Beziehung eingelassen, obwohl Sie wussten, dass es einen unlösbaren Konflikt gibt. Jetzt ist es an Ihnen, herauszufinden, was Ihnen wichtiger ist: Ihre sexuelle Freiheit oder Ihr Partner. Es wäre höchstens sinnvoll, herauszufinden, was genau Ihnen an dem Thema "offene Beziehung" so wichtig ist und warum Sie nicht darauf verzichten möchten.

Ich kann Ihnen leider keine verträglichere Lösung präsentieren.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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