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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Mann ist dauernd genervt und gestresst - und mir reicht es langsam

Selbst im Alltag ist Miriams Mann oft überfordert (Symbolbild)
Selbst im Alltag ist Miriams Mann oft überfordert (Symbolbild)
© globalmoments / Getty Images
Eigentlich ist Miriams Mann ein lieber Ehemann und Vater. Eigentlich. Denn im Alltag ist er extrem schnell gestresst und fängt viel Streit an. Hat die Ehe noch eine Zukunft?

Liebe Frau Dr Peirano,

ich lebe mit meinem Man und unseren Kinder (5 und 2) in einer liebevollen Familie. Als mein Mann und ich uns kennenlernten war er zuvor lange allein gewesen und dadurch auch bestimmte Abläufe und Verhaltensweisen, viele Freiheiten und sicherlich auch einfach "seine Ruhe" gewohnt. Zudem stammt er aus einer Familie mit bereits älteren, sehr ängstlichen Eltern, die ihn sehr verwöhnt haben. Ich selbst bin gut 10 Jahre jünger und in einer Großfamilie aufgewachsen.

Das große Problem in unserer Familie ist leider, dass mein Mann aus meiner Sicht in vielen Bereichen sehr unentspannt, genervt und schnell gestresst ist. Er lässt sich bereits durch Kleinigkeiten die Laune, oftmals gleich den ganzen Tag verderben. 

Laut eigener Aussage ist er im Beruf nicht übermäßig gefordert und wirkt in diesem Bereich auch grundsätzlich zufrieden. Der Haushalt und die Care-Arbeit bleiben zu mindestens 80 Prozent an mir hängen. Dennoch ist er abgesehen von seiner mangelnden Stressresistenz ein liebevoller Vater.

In seiner Freizeit unternimmt er sehr viel alleine und zieht sich auch am Wochenende häufig zurück. Diese Freiheiten gewähre ich ihm, weil ich weiß, dass er ein Mensch ist, der viel Zeit und Ausgleich für sich braucht. Dadurch bleibt jedoch seit der Geburt der Kinder eigentlich nie Zeit für mich allein, denn mit beiden Kindern ist er überfordert und ich überlasse sie ihm nur im Notfall mit ungutem Gefühl allein, da ich weiß, dass er zwar selbstverständlich für ihr Wohlbefinden und ihre Sicherheit sorgt, sich damit aber sehr gestresst und unwohl fühlt und das natürlich auch vor den Kindern nicht verheimlichen kann.

Grüßt ein unfreundlicher Nachbar ihn nicht, hat ein Kind etwas seiner Ansicht nach Gefährliches getan (er ist in seinen Erziehungsansichten leider sehr viel ängstlicher als ich, setzt diese Ansichten jedoch nicht durch, sondern verweist immer auf mich als die Schuldige, die den Kindern ja so etwas erlaubt), turnen die müden Kinder beim Abendessen herum - schnell gibt es für ihn einen Grund, sich zu ärgern und dies auch oftmals lauthals kundzutun.

In der Regel werde ich dann ohne wissentliches Zutun zur Zielscheibe seines Ärgers, weil ich versuche, ihn zu beruhigen oder eine Lösung zu finden, bisweilen auch genervt oder angespannt reagiere ("Lass dir doch von dem Nachbarn nicht den Tag verderben!"/ "Wenn es dich so stresst, frag doch den Nachbarn, was los ist!", "Die Kinder müssen Dinge auch ausprobieren dürfen." usw.) oder er verschwindet grollend in ein anderes Zimmer. Stets behauptet er, er wäre ein sehr ruhebedürftiger Mensch, sieht aber nicht, dass er selbst für mich hier der größte Unruhefaktor ist.

Besonders Familienfeste und ähnliches sind mit ihm immer wieder ein Stressfaktor, denn es gab in den letzten Jahren kaum einmal eine Feierlichkeit, in der er nicht unangenehm aufgefallen ist bzw. in unserer eigenen kleinen Familie Streit angefangen hat oder ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr mitgefeiert hat. Sogar unsere eigene Hochzeit war für ihn so stressig, dass er Streit mit mir beginnen wollte. Immer wieder verscherzt er es sich durch seine Überreaktionen auch mit Bekannten und Verwandten, was mich als harmoniebedürftigen Menschen sehr belastet.

Möchte ich mit ihm über die Ereignisse sprechen, zieht er die Situation entweder (wenn ihm seine Überreaktion bewusst ist) etwas ins Lächerliche, oder sagt, wir würden eben einfach nicht zusammen passen bzw. ich hätte mich sehr verändert und eine Trennung wäre die beste Lösung. Schnell endet die Situation dann in gegenseitigen Vorwürfen. Da er für eine Familienberatung aber bisher nicht zu gewinnen war, weiß ich im Moment auch keine befriedigende Lösung. Ich weiß, er ist ein wunderbarer Mensch und kann in solchen Situationen einfach nicht aus seiner Haut, aber ich finde auch nicht, dass es so weitergehen kann.

Was würden Sie mir raten?  

Herzliche Grüße,

Miriam F.

Liebe Miriam F.,

es hört sich so an, als wenn es zwei Probleme gibt.

Das eine ist die geringe Stresstoleranz Ihres Mannes. Man kann dieses Persönlichkeitsmerkmal auch als Neurotizismus bezeichnen, denn es wird gekennzeichnet durch

  • Neigung zu Nervosität
  • Reizbarkeit, Launenhaftigkeit
  • Neigung zu Unsicherheit und Verlegenheit
  • Klagen über Ärger und Ängste
  •  Klagen über körperliche Schmerzen (Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Schwindelanfälle etc.)
  • Neigung zu Traurigkeit und Melancholie
  • Sehr sensibel auf Stress reagierend
  • Eher negative Affektlage
  • Dauerhafte Unzufriedenheit

Mittlerweile gibt viele psychotherapeutische Werkzeuge, die Menschen mit Neurotizismus und niedriger Stresstoleranz helfen können, gelassenerer zu sein. Dazu gehören: Prioritäten setzen und lernen, unwichtige Dinge auszublenden, Förderung von Konzentration (so dass man z.B. ganz präsent ist, wenn man zwei Kinder betreut und sich ganz auf die Situation einstellt. Das reduziert den Stress enorm). Man kann Achtsamkeit trainieren. Sehr wirkungsvoll sind MBSR- (Mindfulness Based Stress Reduction) Kurse, über die ich an dieser Stelle schon häufiger geschrieben habe und die erwiesenermaßen helfen, gelassener zu werden.  

Aber auch das bewusste Abschalten und Auftanken durch positive Aktivitäten (z.B. Malen, ein Instrument spielen, spazieren gehen) oder das Abreagieren von Aggressionen durch Sport (z.B. Radfahren, Schwimmen, Tennis) sowie das Umdeuten von Situationen (man nennt das in der Verhaltenstherapie kognitive Therapie) gehören dazu und sind sehr wirkungsvoll. Dann könnte man, nur um ein Beispiel zu nennen, die Situation mit dem nicht grüßenden Nachbarn auf einer Skala von 1-10 bewerten und sich bewusst überlegen, wie lange man sich über eine alltägliche Banalität (Skala 1 oder 2) ärgern lassen will. Man könnte alternative Erklärungen finden (der Nachbar hat gerade Probleme) oder einen Umgang damit finden (wenn er Probleme mit mir hätte, sollte er mit mir sprechen).

Es ist ein großes Problem, dass Ihr Mann all diese wirkungsvollen Werkzeuge nicht lernen möchte und sich auch nicht darum bemüht, für Sie und die Kinder belastbarer zu werden. Ich vermute, dass es auch damit zu tun hat, dass er durch seinen Neurotizismus viele Vorteile hat (man nennt das Krankheitsgewinn). Wenn Sie 80 Prozent des Haushalts übernehmen und er dafür das Wochenende alleine ohne Kindergeschrei verbringen kann, ist das ein deutlicher Vorteil für ihn. Und dadurch hat er weniger Interesse, etwas an seinem Problem zu verändern. Für ihn ist die Situation ja unter dem Strich vorteilhaft!

Kommen wir zum zweiten Problem: Dem fehlenden Respekt zwischen Ihnen beiden, der sich auch in der Kommunikation äußert. 

Ihrem Mann fehlt anscheinend der gesunde Blick von außen. Damit meine ich: Was würden eine emotional intelligente Frau und ein emotional intelligenter Mann, die sich von außen meine Situation anschauen, darüber sagen? Die vermutliche Wahrnehmung dieses emotional intelligenten Paares wäre: "Der Mann übernimmt keine Verantwortung für seine Familie. Er kümmert sich nur um sich und lässt seine Frau mit der Care-Arbeit alleine. Dazu schiebt er ihr noch seine schlechte Laune in die Schuhe und verdirbt ihr Feste."

Ihr Partner ist nicht bereit, das zu sehen und Ihnen entgegen zu kommen. Statt dessen entwertet er Ihre Gefühle, indem er die Situation ins Lächerliche zieht, und er droht mit Trennung. Drohungen nennt man auch "apokalyptische Reiter", und diese sind Vorboten einer Trennung. 

Für eine konstruktive Arbeit an den Problemen im Rahmen einer Paarberatung ist er nicht bereit, so wie er auch nicht bereit ist, alleine an seinen Problemen zu arbeiten.

Sie beißen bei ihm auf Granit, und er macht sie mit seinem Mauern, Verleugnen  und Drohen hilflos und ohnmächtig. Das ist eine sehr schwierige und festgefahrene Situation.

Objektophilie: Michèle liebt eine Boeing 737-800

Wie wäre es, wenn Sie selbst sich therapeutische Unterstützung holen und klären, ob Sie diese Beziehung weiterführen möchten? Sie schreiben, dass er liebevoll und wunderbar ist. Aus Ihren Schilderungen ist das nicht zu erkennen, aber es wäre bestimmt hilfreich, die positiven Seiten gegen die negativen Seiten abzuwägen. Wichtig wäre auch, dass es klare Spielregeln für Ihr Zusammenleben gibt, damit der Teufelskreis durch den Krankheitsgewinn (je schwieriger ich bin, desto mehr Freiheiten bekomme ich) durchbrochen wird.

Ich wünsche Ihnen klare Erkenntnisse und den Mut, sich alles genau und ergebnisoffen anzuschauen.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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