VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich lerne nette Männer kennen. Doch nach spätestens drei Monaten ghoste ich sie

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Manche Menschen können sich schlecht auf die Nähe einer Beziehung einlassen (Symbolbild)
Manche Menschen können sich schlecht auf die Nähe einer Beziehung einlassen (Symbolbild)
© RyanJLane / Getty Images
Männer kennen zu lernen, das fällt der attraktiven Meike leicht. Nur mit ihnen zusammen zu bleiben, das will ihr auch bei den nettesten nicht gelingen. Kann sie ihren Hang zum Weglaufen in den Griff bekommen?

Liebe Frau Peirano,

ich schreibe Ihnen, weil ich mit Selbstreflektion nicht weiter komme.

Ich bin 39, frisch geschieden, sehr attraktiv und ein lebensfroher Mensch. Ich treffe gerne neue Menschen, gehe viel und gerne aus, auch mal alleine, mache viel Sport und bin rundum glücklich und zufrieden mit mir selbst.

Mein Problem ist, dass ich in Bezug auf Männer immer und immer wieder in ein Schema falle, und ich nicht weiß, wieso das so ist und wie ich aus diesem Kreis herauskomme.

Es läuft so ab: Ich lerne einen Mann kennen und wir verstehen uns super. Ich bin witzig, charmant, lebensfroh. Solange von ihm aus noch keine Beziehungsanfrage kommt, läuft es fantastisch.

Dann werde ich unsicher, weil ich merke, dass ich mich vergucke und ich kämpfe auch gegen meine Gefühle an. Der Mann offenbart mir irgendwann dann doch seine Gefühle, wir kommen zusammen. Und dann steuere ich direkt auf meine 3-Monats-Regel zu, d.h. die Wertigkeit dieser Beziehung übersteigt keine drei Monate. Und das liegt ausschließlich an mir.

Meine anfänglichen Gefühle, die ich sowieso schon von Anfang an zu unterdrücken versucht habe, versickern. Ich finde (teils auch nichtige) Gründe, dass es nicht klappt und trenne mich (manches Mal auch sehr unschön via ghosting). Diese Männer sind in der Regel allesamt freundlich, liebevoll, anständig. Und doch, sobald sie mir zu nahe kommen oder zu hohe Ansprüche an mich stellen (die sich im völligen normalen Rahmen einer Beziehung abspielen), weise ich sie zurück. Und das geschieht, seitdem ich denken kann.

Bisher hat mich nur ein Mann dauerhaft binden können, mein Ex- Ehemann (15 Jahre, da gab es dann andere Probleme).

Was kann ich tun? Woran könnte das liegen? Warum verletzte ich immer wieder andere Menschen, obwohl ich überhaupt nicht so sein will?

Meike T.,

Liebe Meike T.,

als erstes möchte ich Ihnen zu Ihrem Selbstwertgefühl gratulieren. Ich finde es erfrischend und positiv, dass Sie Ihre Stärken und Ihre Attraktivität kennen und damit auch in Kontakten punkten. Das ist sicher auch der Grund dafür, dass Sie so viel Erfolg bei Männern haben und am Ende diejenige sind, die viele Angebote bekommt und entscheiden kann.

Doch nun zu Ihrer Frage, warum Sie nach drei Monaten immer kalte Füße bekommen und die Beziehung beenden.

Als erstes würde mich interessieren, was für eine Persönlichkeit Ihr Ex-Mann hat. Schließlich ist er die große Ausnahme in Ihrem - ich sage mal- bindungsängstlichen Muster. Auf ihn konnten Sie sich immerhin 15 Jahre lang einlassen. Warum?

Meine Vermutung ist, dass er von sich aus für Distanz gesorgt hat, z.B. weil er viel abwesend oder mit anderen Dingen beschäftigt war oder emotional nicht erreichbar (z.B. kalt, wenig mitfühlend, desinteressiert) war.

Sie beschreiben, dass Sie selbst große Ängste davor haben, vereinnahmt zu werden oder davor, dass ein Partner Ihnen zu nahe kommt. Auf der anderen Seite haben Sie den starken Wunsch, einen Mann in Ihr Leben zu lassen. Dafür spricht, dass Sie immer wieder neue Männer kennen lernen (anstatt ihnen aus dem Weg zu gehen) und dass Sie schon beim Kennenlernen starke Gefühle entwickeln.

Die Kombination aus einem Bindungswunsch und der Bindungsvermeidung (jemanden fallen lassen wie eine heiße Kartoffel) deutet auf eine ängstlich-ambivalente Bindungsstörung hin. Die Autorin Stefanie Stahl hat diese Störung in ihrem Buch "JEIN. Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner" sehr schlüssig aufgezeigt.

Bindungsstörungen entstehen in der Regel durch die Beziehungserfahrungen, die wir in unserer Kindheit mit unseren engsten Bezugspersonen gemacht haben. Wenn wir uns darauf verlassen konnten, dass z.B. die Mutter unsere Bedürfnisse nach Essen, Schlaf, Trost, Berührung und Nähe einfühlsam erfüllt hat, dann können wir Urvertrauen entwickeln. Wir können Menschen generell vertrauen, können uns öffnen, Nähe zulassen und um Hilfe bitten. Das zeigen wir auch in unseren späteren Partnerschaften.

Wenn wir aber in unseren frühkindlichen Beziehungen erfahren haben, dass Nähe weh tun kann, dann sehnen wir uns nach Nähe, aber vermeiden sie auch immer wieder.

Dating-Apps im Test

Das kann sein, wenn die Mutter nur phasenweise für uns erreichbar war (z.B. wenn sie gerade nüchtern war, wenn ein Partner sich getrennt hat, wenn sie gerade kein Engagement als Schauspielerin hatte). Dann war sie nah, drehte sich um uns und legte uns den Himmel zu Füßen. Und kaum öffneten wir uns und vertrauten ihr, war sie schon wieder betrunken/hatte den nächsten Partner/war abwesend und ließ uns bei Fremden…). Wir speichern auf einer tiefen und unbewussten Ebene ab: Nähe tut weh. Ich will sie, aber ich will sie auch nicht.

Die Ursachen können natürlich auch beim Vater oder bei anderen engen Bezugspersonen liegen. Es lohnt sich auf jeden Fall, den Ursachen auf den Grund zu gehen.

Denn ansonsten haben Sie nur zwei Möglichkeiten: Entweder Sie suchen sich unbewusst einen Mann, der selbst emotional nicht greifbar ist (vielleicht wie Ihr Ex-Mann), oder Sie schaffen selbst Distanz.

Ich würde Ihnen also empfehlen, sich z.B. mit Hilfe des Buches "JEIN" erst einmal mit der ängstlich-ambivalenten Bindungsstörung zu beschäftigen und zu sehen, ob Sie sich in der Beschreibung wiederfinden. Und dann können Sie entscheiden, ob Sie sich psychologische Hilfe suchen. Es könnte auch sein, dass hinter Ihrer selbstsicheren Fassade doch ein Selbstwertthema steckt. Und es wäre hilfreich, das in einem vertrauensvollen Rahmen zu erkennen und zu bearbeiten.

Aber eines möchte ich noch loswerden: Bitte seien Sie fair genug, sich von den jeweiligen Männern persönlich zu verabschieden. Ghosting erzeugt sehr heftige Verletzungen bei den Opfern, denn man macht die Erfahrung, dass jemand, den man liebt, von heute auf morgen sang- und klanglos verschwinden kann. Als Betroffener kommt man sehr schwer darüber hinweg, weil man die Ursachen nicht weiß. Also: BITTE NICHT! Denken Sie daran, dass Menschen, deren Vertrauen zerstört wurde, sich auch der*m nächsten Partner*in misstrauisch verhalten und dass diese Verletzungen so sich immer weiter ausbreitet.

Ich wünsche Ihnen viel Freude daran, sich selbst zu erkennen und die Kraft, Ihr Verhalten zu verändern.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker