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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe "Meine Frau nörgelt nur noch an mir rum - was kann ich dagegen tun?"

Dauer-Kritik in der Beziehung
Was kann er gegen die dauerhafte Kritik seiner Frau unternehmen?
© gettyimages
Bei Daniel und seiner Frau hängt der Haussegen schon lange schief. Was auch immer Daniel macht: Seine Frau kritisiert ihn. Daniel versucht auf sie einzugehen - doch seine Frau ist auch damit nicht zufrieden. Kann Daniel alleine etwas tun, um die Situation zu verbessern?

Liebe Frau Peirano,

ich habe Probleme, mit meiner Frau zu streiten. Mittlerweile streiten wir auch schon vor den Kindern (8 Jahre, 3 Jahre und 1 Jahr alt). Meine Frau kritisiert mich andauernd. Gerade vor einer Stunde habe ich versucht, mit meiner Tochter etwas mit bunten Bändern zu flechten. Ich habe einfach nach eigenem Ermessen drei lange Stücke abgeschnitten, um sie dann miteinander zu verbinden. Als meine Frau das sah, hat sie mich wieder einmal kritisiert und gesagt, ich hätte es falsch gemacht. Sie wusste jedoch nicht einmal, was ich mit den Bändern vorhatte.... 

Sie sagt auch immer öfter bei unseren Streitereien, dass ich doch gehen soll, wenn es mir nicht passt. Sie wird sich nicht ändern. Ich habe bereits meinen Job gewechselt vor zwei Wochen, komme auch nicht mehr total entkräftet nach Hause und helfe im Haushalt mit. Wenn ich frage "Soll ich dir bei etwas helfen" kommt ein erschöpftes "Nein, gerade nicht". Wenn ihr dann doch wieder etwas einfällt, was sie tun muss, wie zum Beispiel Wäsche zu wachen, meckert und jammert sie. "Ich muss dies noch machen, ich muss das noch machen." Ich denke, dass ich an den Problemen, die wir haben, nicht alleine die Schuld trage. Ich weiß aber, dass ich es schwer finde, meine Probleme offen zu legen und diese dann auch zu diskutieren.

Hätten Sie da eventuell eine Idee, ob es reichen würde, wenn ich an mir arbeiten würde oder müssten da beide etwas machen? Ich fühle mich nicht mehr autoritär in meiner Familie.

Viele Grüße Daniel F.

Lieber Daniel F.,

bei Ihnen zu Hause ist anscheinend wirklich dicke Luft. Ich kann gut verstehen, dass Sie sich nicht wohl fühlen, wenn Sie trotz Ihrer Bemühungen (Job wechseln, um mehr Zeit für die Familie zu haben, mit der Tochter basteln, Hilfe anbieten) dauernd kritisiert werden. Sehr problematisch finde ich die Aussage Ihrer Frau, dass sie sich nicht ändern wird und dass Sie ja gehen können, wenn es Ihnen so nicht passt. Paarforscher haben sich lange und intensiv mit der Kommunikation in Paarbeziehungen beschäftigt. Der amerikanische Psychologe John Gottman hat zum Beispiel Paare in einer Art künstlicher Wohnung im Alltag beobachtet. Das Verhältnis zwischen positivem Verhalten (lächeln, zustimmen, einen Scherz machen, loben, streicheln, auf das Thema eingehen etc) und negativem Verhalten (abwenden, ein böses Gesicht machen, kritisieren, abwerten, widersprechen) bei glücklichen Paaren beträgt 4:1! Glückliche Paare bestärken sich also viel häufiger, als sich gegenseitig zu bekämpfen. Bei Ihnen und Ihrer Frau scheint das Verhältnis hingegen deutlich im negativen Bereich zu sein: Sie haben das Gefühl, nur irgendetwas tun zu müssen, und sofort ernten Sie Kritik und stehen als der "Doofe" da. Besonders kritisch ist es, wenn die sogenannten apokalyptischen Reiter auftreten: Kritik an der ganzen Person anstatt an einzelnen Verhaltensweisen (das scheint in Ihrer Beziehung der Fall zu sein), Verachtung (wenn Sie sich erniedrigt und beschämt fühlen, weil Ihre Frau Ihnen mit Spott oder Häme begegnet), Rechtfertigungen und Mauern. Ihre Frau mauert, indem sie Ihnen klar zu verstehen gibt, dass sie sich nicht ändern wird.

In vielen Partnerschaften ist es so, dass nur ein Partner zu einer Paartherapie bereit ist und der andere es kategorisch ablehnt, Gespräche mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten zu führen. Doch dann ist man mit seinem Latein nicht am Ende, sondern kann erst einmal bei sich anfangen. Deshalb finde ich es eine gute Idee, wenn Sie sich therapeutische Unterstützung holen und Bücher über Kommunikation lesen, um Ihren Standpunkt zu klären und an sich zu arbeiten.

Eine wichtige Frage ist ja: Was ist Ihr Eigenanteil an den Schwierigkeiten? Auch wenn Ihre Frau sich im Moment von einer sehr destruktiven und unangenehmen Seite zeigt, war es ja wahrscheinlich am Anfang Ihrer Beziehung anders, oder? Es ist sehr wichtig, sich ehrlich und mutig den eigenen Anteil am Misslingen einer Beziehung zu stellen. Zum einen lernen Sie so viel über sich selbst und können, falls es zu einer Trennung von Ihrer Frau kommt, nächstes Mal die gleichen "Fehler" vermeiden. Wer diesen Schritt auslässt, sucht sich oft einen ganz anderen Partner als den vorherigen, aber bemerkt nach einiger Zeit, dass die neue Beziehung wieder in der gleichen Sackgasse gelandet ist wie die vorherige.
Außerdem ist es ein gutes Gefühl, wenn man die Veränderungen selbst in die Hand nehmen kann, indem man an sich selbst und den eigenen Schwächen arbeitet. Dann wartet man nicht mehr darauf, dass der Partner sich verändert, sondern kann bei sich selbst beginnen. Sie könnten vielleicht daran arbeiten, mehr über sich zu erzählen, eigene Bedürfnisse besser zu erkennen und die ihrer Frau besser zu hören und vor allem ihr Grenzen zu setzen.

Ein paar Beispiele:

- Eine Frau hatte bemerkt, dass sie sich viel zu wenig Freiraum in ihrer Beziehung genommen hat. Sie kreiste wie ein Helikopter um den Sohn und versuchte zudem, ihrem Mann alles Recht zu machen (Abendbrottisch gedeckt, Brot gebacken, hübsch gekleidet und geschminkt, abends und an Wochenenden nahm sie ihm den Sohn ab, damit er Ruhe hatte). Sie war deswegen unzufrieden und entwickelte starke Ängste. Als ihr dies bewusst wurde, achtete sie mehr auf sich und ließ öfters mal Mann und Sohn mit einer Pizza alleine, um eine Fahrradtour zu machen.

- Ein Mann bemerkte, dass er sich mehr und mehr von seiner Frau zurückzog. Er wiederholte das Muster seines Vaters, der in seiner Freizeit ständig in seinen zahlreichen Vereinen aktiv war und zu Hause „seine“ Ruhe wollte. In der Paartherapie erzählte er von seiner Unzufriedenheit und Einsamkeit. Er öffnete sich gegenüber seiner Frau mehr und plante die Wochenenden mit ihr zusammen.

- Eine Frau wünschte sich, von ihrem Mann verwöhnt und umsorgt zu werden. Weil er sich beruflich sehr engagierte, war sie ständig enttäuscht und fühlte sich ungeliebt. Sie lernte, besser für sich selbst zu sorgen, eine erwachsenere Rolle einzunehmen und Ihren Mann zu unterstützen.

Ich möchte Ihnen zudem ein paar Bücher ans Herz legen:

-"Die 7 Geheimnisse einer glücklichen Ehe" von John Gottman

-"Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation“ von Marshall B. Rosenberg

- "Die Wahrheit beginnt zu zweit" von Michael Lukas Moeller

-"Ich will bleiben. Aber wie? Neuanfang für Paare" von Mira Kirshenbaum und Martina Georg

Ich wünsche Ihnen alles Gute und hoffe, dass Sie Ihre Eheprobleme in den Griff bekommen können.

Herzliche Grüße, Julia Peirano 


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